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Extreme Fallhöhe: Sonmi-451 (Doona Bae) und Chang (Jim Sturgess) in Neo Seoul. Foto: © X Verleih AG

Cloud Atlas


(Kinostart: 15.11.) Neo trifft Lola in einer «Ästhetik des Widerstands» 2.0: Die Wachowski-Geschwister und Tom Tykwer verfilmen einen Episoden-Roman als Parallel-Erzählungen voller Verbindungs-Linien – und feiern das revoltierende Subjekt.


Wer den verschlungenen Pfaden dieses merkwürdigen Hybrid-Films folgen will, muss zunächst die Dauer-Präsenz von Tom Hanks in Kauf nehmen. In einem Ausmaß, wie seit seiner Solo-Robinsonade «Cast Away – Verschollen» aus dem Jahr 2000 nicht mehr: Sechs Rollen mit sieben verschiedenen Masken und Frisuren, verteilt über Episoden im Laufe von mehreren 100 Jahren.

 

Info

Cloud Atlas

 

Regie: Tom Tykwer, Lana & Andy Wachowski, 172 min., Deutschland/ USA 2012;
mit: Tom Hanks, Halle Berry, Doona Bae

 

Website zum Film

Aber «Cloud Atlas» ist noch mehr: Ein Ensemble-Film, in der alle wichtigen Akteure in einer kühnen Parallel-Montage von sechs Handlungs-Strängen immer wieder reinkarniert werden. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von David Mitchell hielt selbst der Autor für nicht realisierbar.

 

Teuerstes Babelsberg-Projekt 

 

Mit Kosten von mehr als 100 Millionen Dollar ist es das teuerste Projekt, das je in den Studios Babelsberg produziert wurde: ein Independent-Film mit dem Budget eines Blockbusters. Dabei arbeiten drei Regisseure und Drehbuch-Autoren zusammen, die von sich behaupten können, mit ihrem bisherigen Werk Neuland beschritten zu haben.


Offizieller Filmtrailer

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Erfinder des philosophischen Action-Kinos

 

Da ist zunächst Tom Tykwer, der mit «Lola rennt» 1998 Hoffnungen auf ein neues deutsches Kino wach küsste. Sowie die Geschwister Wachowski, die mit ihrer «Matrix»-Trilogie (1999 – 2003) das Oxymoron vom philosophisch fundierten Action-Kino in die Welt und damit neue Maßstäbe setzten – auch für sie selbst. Diesen Coup konnten sie 2005 als Drehbuch-Autoren und Produzenten von «V wie Vendetta» wiederholen; 2008 folgte eine Stilübung namens «Speed Racer».

 

«Cloud Atlas» geht nun thematisch einen Schritt zurück und erzählerisch zwei Schritte voran. Im Mittelpunkt steht nicht mehr, wie noch bei der «Matrix»-Hauptfigur Neo oder «V wie Vendetta», der große gesellschaftliche Umsturz. Sondern eher der Moment wie bei «Lola rennt», in dem das Subjekt gegen äußere Umstände aufbegehrt: die Revolution im Inneren.

 

Sechs Szenarios über 500 Jahre verteilt

 

Dabei weitet David Mitchells Roman «Der Wolkenatlas» den Blick vom singulären Ereignis der Revolution auf den Prozess der Evolution: ein ebenso träumerisches wie kämpferisches Gedanken-Experiment über die Kontinuität der Idee von Widerstand gegen Repression und Barbarei. 

 

Dafür ersann der Autor sechs Szenarios, die er über einen Zeitraum von 500 Jahren auf unterschiedliche Schauplätze verteilt: beginnend mit der Epoche der Sklaverei im 19. Jahrhundert über Stationen in San Francisco und im England der Gegenwart sowie einem «Neo-Seoul» in naher Zukunft, das auf den Ruinen der Hauptstadt Südkoreas errichtet wurde. Bis zu einer post-apokalyptischen Endzeit im 24. Jahrhundert, in der Technologie wieder zu Magie geworden ist. Hier schließt sich der geografische Bogen auf einer Pazifikinsel. 

 

Tykwer komponiert Musik-Leitmotiv mit

 

In einer beeindruckenden logistischen Leistung haben die drei Regisseure, aufgeteilt auf zwei parallel arbeitende Film-Teams, die Tableaus des Buches erschlossen. Mit feinem Gespür für das Ineinandergreifen aller Details: von der Sprache über Medien und Moden bis zu Lichtführung und Musik – Tykwer hat das wiederkehrende «Cloud Atlas Sextett» mitkomponiert.

 

Im ersten Abschnitt empört sich ein Anwalt an Bord eines Handelsschiffs gegen die Ungerechtigkeit der Sklaverei. Seine Aufzeichnungen dienen als Lektüre für einen jungen Komponisten, der im Jahr 1936 sein geistiges Eigentum gegen die Übernahme durch seinen Mentor schützen will. 

 

Verbindungen geben Episoden Struktur

 

Dessen Liebhaber und Brief-Freund will viele Jahre später einen Atomenergie-Skandal ans Tageslicht bringen; er wendet sich dafür an die Investigativ-Journalistin Louisa Ray (Halle Berry). Deren Erkenntnisse landen jedoch erst 2012 auf dem Schreibtisch eines Verlegers (Jim Broadbent), der seinen eigenen Kampf gegen die Abschiebung ins Altersheim ausficht – weiter und weiter pflanzt sich das Motiv des Aufbegehrens fort. 

 

Dabei werden so verschiedene Themen wie Sklaverei, Urheberrecht, Korruption, Selbstbestimmung im Alter, künstliches Leben und Kannibalismus recht sorglos miteinander verquirlt. Es sind eher die vielen Verbindungen zwischen den Erzähl-Abschnitten als die Episoden selbst, die der Geschichte eine formale Struktur geben und ihren Subtext bilden.

 

Pointe mit 100-jähriger Verspätung

 

Die sechs Kapitel könnten, jedes für sich, einem anderen Stück Genre-Kino entnommen sein: Das Schiff der ersten Episode erinnert an Steven Spielbergs Sklavenhandels-Epos «Amistad» (1997), der AKW-Skandal an den Polit-Thriller «Silkwood» (1983) mit Meryl Streep und eine Ausbrecher-Clique im Altersheim an Senioren-Komödien wie «Cocoon» (1985).


Offizieller Making-Of-Trailer

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Alle Rassen- + Klassen-Schranken durchbrechen

 

In dieser Episode wird augenzwinkernd ein Schlüssel-Satz aus der klassischen Science-Fiction-Dystopie «Soylent Green» (1973) zitiert. Diesem Witz wird, wenn später ein Dienstleistungs-Klon in «Neo-Seoul» die (Un-)Natur seiner Existenz erkennt, mit mehr als 100-jähriger Verspätung eine Pointe nachgeliefert: ein Feuerwerk von Anspielungen für Film-Freaks.  

 

Unter all diesen Verbindungs-Linien wird die Kontinuität am sichtbarsten bei den Schauspielern, die in unterschiedlichen Rollen wieder auftauchen. Das heißt nicht, dass sich alle auf den ersten Blick identifizieren lassen: einige Auftritte dauern nur Sekunden. Dabei überqueren die Darsteller dank einer Oscar-verdächtigen Maske auch sämtliche Grenzen von race, class & gender  – manchmal um den Preis unfreiwilliger Komik. 

 

Gelegenheit zu gewaltigem Organigramm

 

Immerhin verlaufen die Wege der Seelenwanderung nicht schnurgerade: So beginnt Tom Hanks seinen Lauf durch die Jahrhunderte als durchaus verdorbener Charakter. Erst in seiner letzten Inkarnation darf er sich zum Licht der Erkenntnis leiten lassen – natürlich von Halle Berry, die durchgängig beständige Rechtschaffenheit repräsentiert. 

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier die Rezension des kenianischen Films "Nairobi Half Life" von Tosh Gitonga, produziert von Tom Tykwer

  

sowie eine Kritik des Science-Fiction-Films "Prometheus-Dunkle Zeichen" von Ridley Scott zur Wiederbelebung des Alien-Mythos.

Dagegen bleiben Hugh Grant und Hugo Weaving von Anfang bis Ende Agenten der Unterdrückung. Wer Spaß daran hat, könnte ein gewaltiges Organigramm erstellen, in dem sich alle Charaktere, ihre Attribute und Wechsel-Beziehungen eintragen lassen; diese Gelegenheit bieten heutzutage nicht viele Filme. 

 

Mehr als Summe seiner Teile

 

So ähnlich sind auch die Wachowskis und Tykwer vorgegangen, als sie sich daran machten, die Chronologie des Romans in die Parallel-Erzählungen einer filmischen Montage zu übertragen. Dabei kommt ein sehr literarischer Film heraus; aber einer, dessen «Text» sich tatsächlich mit allen Kino-Sinnen aufnehmen lässt. 

 

Eine hervorragende Leistung: Erfolgreich kombiniert «Cloud Atlas» sechs eher harmlose, von einem Klebstoff aus Esoterik, Schwarz-Weiß-Malerei und erzählerischer Allmacht zusammen gehaltene Episoden zu einem größeren Ganzen, das mehr ergibt als die Summe seiner Teile.

 


Von Eric Mandel, veröffentlicht am 12.11.2012





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