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Goldenes Modell des Hauses der Deutschen Kunst: Geburtstags-Geschenk Görings an Hitler am 20. April, 1939. Foto: © 2012 Haus der Kunst, München

Geschichten im Konflikt: Das Haus der Kunst und der ideologische Gebrauch von Kunst 1937-1955


Vergangenheits-Aufarbeitung in eigener Sache: Das Haus der Kunst zeigt zum 75-jährigen Bestehen die Geschichte des Baus vom NS-Kulturtempel bis zur Reha-Einrichtung für die Moderne in der Nachkriegs-Zeit – so wechselhaft wie die ganze Epoche.


Keine andere deutsche Kunsthalle trägt so schwer an der Last der Vergangenheit wie das Haus der Kunst (HdK) in München. Im übertragenen wie im Wort-Sinne: Jeder weiß, dass dieses Gebäude von den Nazis zur Selbstbeweihräucherung errichtet wurde – so gigantisch und bautechnisch unsolide, dass der Koloss häufig repariert werden muss.

 

Info

Geschichten im Konflikt: Das Haus der Kunst
und der ideologische Gebrauch von Kunst 1937-1955
 

 

10.06.2012 — 13.01.2013

täglich 10 bis 20 Uhr,
donnerstags bis 22 Uhr im
Haus der Kunst, 
Prinzregentenstraße 1, München

 

Begleitheft kostenlos,
Katalog Anfang 2013

 

Weitere Informationen

Die nächstliegende Vorstellung geht jedoch fehl: Die berüchtigte NS-Schau «Entartete Kunst» mit beschlagnahmten Werken der verfemten Moderne wurde 1937 nicht hier, sondern im benachbarten Galeriegebäude am Hofgarten ausgerichtet, bevor sie in andere Städte wanderte. Das am Vortag nach vierjähriger Bauzeit eröffnete «Haus der Deutschen Kunst» war den «Großen Deutschen Kunstausstellungen» (GDK) vorbehalten: Von 1937 bis 1944 präsentierte das NS-Regime, was es unter wahrer deutscher Kunst verstand.

 

Hitler war sein bester Kunst-Kunde

 

Für den Möchtegern-Maler Adolf Hitler war dies ein Herzensanliegen: Als Vorsitzender der GDK-Jury entschied er persönlich, welche Gemälde und Skulpturen gezeigt werden sollten. Wobei er zugleich sein bester Kunde war: Von den mehr als 12.000 auf den GDK ausgestellten Werken wurde etwa die Hälfte verkauft – davon erwarb Hitler allein rund 800.


Impressionen der Ausstellung


 

Neun-Meter-Modell für Fest-Umzüge

 

Der Architekt Paul Ludwig Troost entwarf das Gebäude bereits 1932: als Ersatz für den im Vorjahr abgebrannten Glaspalast von München. Als die NSdAP 1933 die Macht übernahm, wurden ab Oktober die Pläne umgesetzt – und währenddessen propagandistisch ausgeschlachtet: Bei Fest-Umzügen zum Gedenken an «Glanzzeiten deutscher Kultur» trugen NS-Aktivisten ein neun Meter langes Modell durch die Stadt.

 

Dessen nüchtern-monumentaler Neoklassizismus war damals europaweit gängig. Der Bau fand durchaus internationale Anerkennung: Auf der Pariser Weltausstellung von 1937, bei der Pavillons der beiden Diktaturen Sowjetunion und Drittes Reich nebeneinander standen, wurde ein Modell des Hauses mit dem «Grand Prix» ausgezeichnet.

 

Export-Schauen + Faschings-Bälle

 

Seine Funktion als NS-Werbeträger endete 1945: Die US-Militärregierung richtete dort einen Offiziers-Klub mit Restaurants und Tanz-Sälen ein. Umbenannt in «Haus der Kunst», wurden hier seit 1946 wieder Gemälde aus den zerstörten Pinakotheken gezeigt – im Wechsel mit «Bayerischen Export-Schauen», um die Ausfuhr regionaler Erzeugnisse anzukurbeln. 

 

Ab 1949 folgte ein Reigen von Ausstellungen mit Meisterwerken der klassischen Moderne, damit die Bundesrepublik Anschluss an die zeitgenössische Weltkunst finde: als Vorläufer des kulturellen Rehabiliations-Programms, das 1955 die documenta in Kassel übernahm. Zudem wurde das HdK zur Faschings-Hochburg mit alljährlichen Bällen – demonstrativer konnte seine Entnazifizierung kaum ausfallen.

 

GDK-Datenbank seit 2011 online

 

Den turbulenten ersten 18 Jahren seiner Existenz widmet nun das Haus eine Ausstellung. Fast ebenso lange beschäftigt es sich systematisch mit der eigenen Geschichte: 1996 stellte man im Flur des Gebäudes Vitrinen zum Thema auf. Nach mehreren Publikationen und der Öffnung des historischen Archivs 2005 wurde im Vorjahr die Datenbank «GDK Research» im Internet freigeschaltet: Sie macht alle auf den NS-Ausstellungen gezeigten Werke online jedermann zugänglich.

 

Bunte Tarn-Netze erinnern an Bomben-Schutz

 

Die aktuelle Ausstellung darf man als Schluss-Stein der hauseigenen Vergangenheits-Bewältigung betrachten; sie fasst Bekanntes zusammen und bereichert es mit pikanten Details. Schon von außen unübersehbar: Der Künstler Christian Philipp Müller hat die HdK-Fassade mit bunten Tarn-Netzen verhängt. Als Reminiszenz an NS-Tarnung während des Zweiten Weltkriegs: Netze und Buschwerk auf dem Dach schützten den Bau erfolgreich vor Bomber-Angriffen.

 

Müllers «Interventionen» durchziehen das ganze Haus. In seine Mittelhalle postiert er an zentraler Stelle, wo einst Hitlers Rednerpult stand, ein Blow-Up-Foto: Es zeigt eine Modenschau 1946 – flankiert von Zier-Bäumen, die Auftritte des Führers einrahmten. Im Treppenhaus sind O-Töne von der Grundsteinlegung 1933 zu hören; unter der Decke schwebt ein Schnappschuss von Hitler in Zivil beim Plausch mit Größen des Nazi-Kunstbetriebs.

 

Zarter Schmelz einer Schokoladen-Replik in Weiß

 

Am Ausstellungs-Eingang läuft das Neun-Meter-Modell des Hauses als Video-Loop. Es beherrscht als Replik auch den ersten Saal, von Müller geschmäcklerisch in weißer Schokolade ausgeführt – in Anspielung auf die Verführungskraft der NS-Ideologie. Die Wände füllen Foto-Tapeten mit GDK-Aufnahmen und Zitaten. Original-Dokumente zeichnen die Entstehungs-Geschichte von Troosts Entwürfen bis zur Eröffnung 1937 nach.

 

Im zweiten Saal stehen von den Nazis geschätzte und verworfene Kunstwerke einander gegenüber: die Ölschinken in realistischer Manier von NS-Hofkünstlern wie im Depot auf Gitterwänden angebracht; dagegen Werke der Avantgarde, die 1933 aussortiert oder ins Ausland verkauft wurden und nach dem Krieg zurück ins HdK fanden, in konventioneller Hängung an der Wand.

 

Belling war zugleich entartet + akzeptiert

 

Wobei der Abstand zwischen beiden Gruppen geringer ist, als die drastische Inszenierung suggeriert: Bilder von NS-Künstlern wurden auf den Biennalen von Venedig auch einem internationalen Publikum vorgeführt. Abstrakte Skulpturen von Rudolf Belling wie «Dreiklang» (1924) oder «Kopf in Messing» (1925) verbannten die Nazis in die Propaganda-Schau «Entartete Kunst». Zugleich war seine fast naturalistische Porträt-Bronze des Boxers Max Schmeling in den GDK zu sehen – warum, ist ungeklärt.

 

Der dritte Saal überrascht mit Sporthallen-Anmutung. Unter US-Leitung wurden in mehreren Sälen Markierungen für Basketball-Felder angebracht; Müller knüpft daran an und hängt passende Körbe dazu. Samt einem kargen Arrangement von Hochregalen voller Plakate und Kataloge zu Meister-der-Moderne-Ausstellungen in der Nachkriegszeit – mit Belegen zu documenta und Biennalen als Schlusspunkt.

 

Keine internationale Dimension

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Bericht zur Freischaltung der Datenbank „GDK Research“ mit umfassender Online-Dokumentation von NS-Kunst

 

und hier eine Rezension der Doku „Heino Jaeger – Look Before You Kuck“ von Gerd Kroske über gewagte NS-Parodien des 70er-Jahre-Kabarettisten.

Diese Saalfolge bietet ein Wechselbad unterschiedlichster Signale und symbolschwangerer Zeichen. Sie zu entschlüsseln, gelingt mithilfe des hervorragenden Beihefts: Es erläutert auf wenigen Seiten konzise alle Stationen. Allerdings vermisst man die internationale Dimension, die HdK-Chef Okwui Enwezor 2011 versprach: Anlässlich der Datenbank-Freischaltung hatte er einen Vergleich der GDK mit ähnlichen Kunst-Konzepten der Epoche angekündigt.

 

Außer dem Hinweis auf die Weltausstellung 1937 – bei der in Spaniens Pavillon Picassos «Guernica»-Ikone hing, die 1955 wiederum im Haus der Kunst gezeigt wurde – ist davon nichts zu bemerken. Ansonsten lässt diese Historien-Schau keine Aufklärungs-Wünsche offen: Wem das Beiheft nicht ausreicht, der sei auf den Katalog verwiesen, der Anfang 2013 erscheint. Künftig soll auch das Haus-Archiv in gesonderten Schau-Räumen permanent zugänglich sein: Damit wird das HdK die Aufarbeitung seiner unseligen Frühgeschichte erschöpfend abschließen.



Von Ivo Nagelweihler, veröffentlicht am 07.11.2012





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