Berlin

Im Licht von Amarna – 100 Jahre Fund der Nofretete

Hausaltar-Relief mit der Darstellung König Echnatons, Königin Nofretetes und dreier Töchter; Neues Reich, 18. Dynastie, 1351-1334 v. Chr. Foto: © SMB, Margarete Büsing

Sonnen-Keil taucht Saal in oranges Licht

 

Als Echnaton nach 17 Regierungsjahren starb, kehrte sein Nachfolger Tutenchamun zum Amun-Kult und in die alte Hauptstadt Memphis zurück. Die Anlage von Achetaton entvölkerte sich rasch und verfiel zum Ruinen-Feld Amarna; spätere Generationen zerstörten Echnaton-Bildnisse, um die Erinnerung an ihn zu tilgen.

 

Dieser spannenden Ära ist die Ausstellung im Neuen Museum gewidmet; der runde Geburtstag der Nofretete-Büste dient als Aufhänger, um den Epochen-Bruch der Amarna-Zeit in allen Facetten darzustellen. Mit einer fulminanten Inszenierung: Am Eingang taucht ein raumhoher «Sonnen-Keil» den ersten Saal in strahlend oranges Licht. Im zweiten Saal wird die Bildhauer-Werkstatt des Thutmosis als Holz-Modell sowie in Vitrinen nachgebildet.

 

Ägyptischer Alltag vor 3300 Jahren

 

Ein würdiger, doch unaufdringlicher Rahmen für die Jubilarin, die allein im dritten Raum thront, sowie fast 1300 Exponate ringsherum. Die meisten stammen aus Borchardts Amarna-Expedition; etliche davon werden zum ersten Mal präsentiert. Was die Schau nicht überfrachtet: Zwischen Groß-Objekten, die einzelne Stationen akzentuieren, findet sich viel Kleinteiliges.

 

Etwa Werkzeuge, mit denen Handwerker fein ausgearbeitete Keramik, Fayencen oder Schmuck aus Glas herstellten: All das vermittelt in seiner Fülle sehr anschaulich ägyptischen Alltag vor mehr als 3300 Jahren. Wobei in Amarna ein völlig neuer Lebens- und Kunst-Stil aufkam; dazu soll Echnaton sogar persönlich Bildhauer unterwiesen haben.

 

Herrscher-Paar in Augenhöhe

 

Zuvor waren Figuren streng stilisiert und idealisiert abgebildet worden; nun erscheinen sie plötzlich naturalistisch lebensnah. Wie auf einem Relief, das als Hausaltar diente und wohl in zahllosen ähnlichen Exemplaren im Umlauf war: Es zeigt Echnaton und Nofretete entspannt auf Kissen sitzend, während sie ihre Kinder herzen und küssen. Über ihnen verströmt Atons Strahlen-Sonne göttliches Licht.

 

Pharao und «Große Königsgemahlin» in Augenhöhe: Das Herrscher-Paar ließ sich – oft in intimen Momenten wie beim gemeinsamen Garten-Spaziergang – stets gleichrangig porträtieren. Man weiß, dass Nofretete viele Ritual-Handlungen des Monarchen übernahm, etwa tägliche Opfer-Gaben im Aton-Tempel.

 

Gewaltsamer Tod bei Wagen-Unfall?

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Beitrag zur Ausstellung "Wegbereiter der Ägyptologie" über Carl Richard Lepsius (1810-84) im Neuen Museum, Berlin 

 

sowie eine Rezension der Ausstellung "Königsstadt Naga" über die antike ägyptisch-afrikanische Mischkultur des Reiches von Meroë in München + Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung 
Die geretteten Götter aus dem Palast von Tell Halaf“ über 3000 Jahre alte syrische Monumente im Pergamonmuseum, Berlin.

Ob damit auch eine Aufwertung ihrer Rolle verbunden war, sie vielleicht als Mit-Regentin wichtige Entscheidungen traf, ist unklar. Ebenso, wann und wie sie starb: möglicherweise bei einem Unfall mit ihrem Streitwagen.

 

Ihr Antlitz lebt jedoch in einem Dutzend halbfertiger oder vollendeter Porträt-Skulpturen aus Amarna fort: Sie muten weniger ebenmäßig als die berühmte Büste an, aber überraschend modern. Eine fast unbekleidete Schreitfigur aus Kalkstein zeigt sie als ältere Frau nach der Geburt mehrerer Kinder; das wirkt geradezu expressiv.

 

So populär wie Pop-Ikone

 

So aufschlussreich diese Ausstellung ist: Sie wird Nofretetes Image kaum ändern. Als Sinnbild zeitloser Schönheit lässt sie sich beliebig für Produkt-Werbung einspannen; das führt ein skurriles Sammelsurium am Ende des Rundgangs vor.

 

Eine paradoxe Umwertung der Gegenwart: Ausgerechnet Echnaton und Nofretete, die von ihren Nachfolgern als Ketzer verdammt und aus Pharaonen-Listen gestrichen wurden, sind heute die bekanntesten Herrscher des Alten Ägyptens – und die mysteriöse Königin ist so populär wie eine Pop-Ikone.


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