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Profil-Ansicht (Detail) der Büste der Königin Nofretete, um 1340 v. Chr. Foto: © SMB, Sandra Steiß

Im Licht von Amarna – 100 Jahre Fund der Nofretete


Vor 100 Jahren wurde die Büste der Nofretete entdeckt. Ihr Gatte Pharao Echnaton begründete in Ägypten den ersten Monotheismus, der bald wieder unterging: Zum Jubiläum stellt das Neue Museum diese antike Kultur-Revolution prachtvoll aus.


«Die Schöne ist gekommen»: Das bedeutet wörtlich der Name «Nofretete». Ihre berühmte Porträt-Büste kam vor genau 100 Jahren ein zweites Mal zur Welt: Am 6. Dezember 1912 fanden deutsche Archäologen unter Leitung von Ludwig Borchardt, die Ruinen des mittelägyptischen Amarna freilegten, den Königinnen-Kopf im Schutt der einstigen Werkstatt des Hof-Bildhauers Thutmosis.

 

Info

Im Licht von Amarna –
100 Jahre Fund der Nofretete

 

07.12.2012 – 04.08.2013
täglich 10 bis 18 Uhr,
donnerstags bis 20 Uhr 
im  Ägyptisches Museum
im Neuen Museum, 
Bodestraße 1-3, Berlin 

 

Katalog 29,95 € 

 

Website zur Ausstellung

Sechs Wochen später wurden alle Funde aufgeteilt; eine Hälfte blieb in Ägypten. Die andere Hälfte – mehrere 1000 Objekte, darunter Nofretete – durfte die Deutsche Orient-Gesellschaft nach Berlin ausführen. Dort gelangte die Skulptur zunächst in den Privatbesitz des Mäzens James Simon, der die Grabungs-Kampagne finanziert hatte.

 

Büste erstmals 1924 ausgestellt

 

Simon schenkte sie 1920 dem preußischen Staat. Vier Jahre später wurde die Büste erstmals ausgestellt – und rief helle Begeisterung hervor: Mit Mandelaugen, edel geschwungenen Brauen und gelängten Gesichtszügen über ihrem Schwanenhals verkörperte sie das Schönheits-Ideal der Zeit. Bis heute ist sie die größte Attraktion der Berliner Museen, von Kairo mehrfach vergeblich zurückgefordert.


Interview mit Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen Berlin, + Impressionen der Ausstellung

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Kult-Objekt für politische Propaganda

 

Wobei die Büste kaum die historische Nofretete zeigt: Wie Computer-Untersuchungen ergaben, steckt in ihr ein Kalkstein-Kern, der eine ältere und längst nicht so schöne Frau abbildet. Darüber modellierte ein Künstler mit Gips ein perfektes Gesicht, dem aber die Iris eines Auges fehlt. Offenbar diente die Skulptur als Muster, nach dem Werkstatt-Mitarbeiter serienweise Kopien herstellten. Die wurden im ganzen Land verteilt und in Tempeln verehrt: als Kult-Objekt für politische Propaganda.

 

Für diese Deutung spricht, dass Nofretete Haupt-Akteurin in einer Kultur-Revolution war, mit der ihr Pharaonen-Gatte das antike Ägypten erschütterte. Schon dessen Vater Amenophis III. hatte den bisherigen höchsten Gott Amun-Re ab- und den Sonnengott Aton aufgewertet. Diese Religions-Reform radikalisierte sein Sohn nach der Thronbesteigung um 1351 v. Chr.

 

Neuer Name + neue Hauptstadt

 

Er erhob das Licht zum einzig schöpferischen und Leben spendenden Prinzip, verkörpert in Aton und symbolisiert von der Sonnen-Scheibe. Damit schaffte er die vielköpfige altägyptische Götter-Schar und das von ihnen beherrschte Jenseits einfach ab. Nur noch das lichte Diesseits zählte; der Pharao wurde zum einzigen Vermittler zwischen Himmel und Erde.

 

Seine eigene Kosmologie führte er mit Namens- und Orts-Wechseln ein: Von Amenophis IV. benannte er sich in Echnaton («der Aton nützlich ist») um. Zudem ließ er am Nil auf halber Strecke zwischen Kairo und Luxor mitten in der Wüste die neue Hauptstadt Achetaton («Horizont des Aton») binnen weniger Jahre aus dem Boden stampfen: Dort wohnten rund 30.000 Menschen, vor allem Hof-Beamte und Bedienstete.

 

Umstrittene Motive für Religions-Stiftung

 

Echnaton war Stifter des ersten Monotheismus der Weltgeschichte. Warum er ihn dekretierte, ist umstritten: aus geistiger Überzeugung, totalem Herrschafts-Anspruch oder eher, um Ägyptens übermächtige Priesterschaft zu schwächen? Jedenfalls drang der neue Glaube par ordre du Pharao nicht durch: Das Volk verehrte weiter die alten Götter.

 

Sonnen-Keil taucht Saal in oranges Licht

 

Als Echnaton nach 17 Regierungsjahren starb, kehrte sein Nachfolger Tutenchamun zum Amun-Kult und in die alte Hauptstadt Memphis zurück. Die Anlage von Achetaton entvölkerte sich rasch und verfiel zum Ruinen-Feld Amarna; spätere Generationen zerstörten Echnaton-Bildnisse, um die Erinnerung an ihn zu tilgen.

 

Dieser spannenden Ära ist die Ausstellung im Neuen Museum gewidmet; der runde Geburtstag der Nofretete-Büste dient als Aufhänger, um den Epochen-Bruch der Amarna-Zeit in allen Facetten darzustellen. Mit einer fulminanten Inszenierung: Am Eingang taucht ein raumhoher «Sonnen-Keil» den ersten Saal in strahlend oranges Licht. Im zweiten Saal wird die Bildhauer-Werkstatt des Thutmosis als Holz-Modell sowie in Vitrinen nachgebildet.

 

Ägyptischer Alltag vor 3300 Jahren

 

Ein würdiger, doch unaufdringlicher Rahmen für die Jubilarin, die allein im dritten Raum thront, sowie fast 1300 Exponate ringsherum. Die meisten stammen aus Borchardts Amarna-Expedition; etliche davon werden zum ersten Mal präsentiert. Was die Schau nicht überfrachtet: Zwischen Groß-Objekten, die einzelne Stationen akzentuieren, findet sich viel Kleinteiliges.

 

Etwa Werkzeuge, mit denen Handwerker fein ausgearbeitete Keramik, Fayencen oder Schmuck aus Glas herstellten: All das vermittelt in seiner Fülle sehr anschaulich ägyptischen Alltag vor mehr als 3300 Jahren. Wobei in Amarna ein völlig neuer Lebens- und Kunst-Stil aufkam; dazu soll Echnaton sogar persönlich Bildhauer unterwiesen haben.

 

Herrscher-Paar in Augenhöhe

 

Zuvor waren Figuren streng stilisiert und idealisiert abgebildet worden; nun erscheinen sie plötzlich naturalistisch lebensnah. Wie auf einem Relief, das als Hausaltar diente und wohl in zahllosen ähnlichen Exemplaren im Umlauf war: Es zeigt Echnaton und Nofretete entspannt auf Kissen sitzend, während sie ihre Kinder herzen und küssen. Über ihnen verströmt Atons Strahlen-Sonne göttliches Licht.

 

Pharao und «Große Königsgemahlin» in Augenhöhe: Das Herrscher-Paar ließ sich – oft in intimen Momenten wie beim gemeinsamen Garten-Spaziergang – stets gleichrangig porträtieren. Man weiß, dass Nofretete viele Ritual-Handlungen des Monarchen übernahm, etwa tägliche Opfer-Gaben im Aton-Tempel.

 

Gewaltsamer Tod bei Wagen-Unfall?

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Beitrag zur Ausstellung "Wegbereiter der Ägyptologie" über Carl Richard Lepsius (1810-84) im Neuen Museum, Berlin 

 

sowie eine Rezension der Ausstellung "Königsstadt Naga" über die antike ägyptisch-afrikanische Mischkultur des Reiches von Meroë in München + Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung 
Die geretteten Götter aus dem Palast von Tell Halaf“ über 3000 Jahre alte syrische Monumente im Pergamonmuseum, Berlin.

Ob damit auch eine Aufwertung ihrer Rolle verbunden war, sie vielleicht als Mit-Regentin wichtige Entscheidungen traf, ist unklar. Ebenso, wann und wie sie starb: möglicherweise bei einem Unfall mit ihrem Streitwagen.

 

Ihr Antlitz lebt jedoch in einem Dutzend halbfertiger oder vollendeter Porträt-Skulpturen aus Amarna fort: Sie muten weniger ebenmäßig als die berühmte Büste an, aber überraschend modern. Eine fast unbekleidete Schreitfigur aus Kalkstein zeigt sie als ältere Frau nach der Geburt mehrerer Kinder; das wirkt geradezu expressiv.

 

So populär wie Pop-Ikone

 

So aufschlussreich diese Ausstellung ist: Sie wird Nofretetes Image kaum ändern. Als Sinnbild zeitloser Schönheit lässt sie sich beliebig für Produkt-Werbung einspannen; das führt ein skurriles Sammelsurium am Ende des Rundgangs vor.

 

Eine paradoxe Umwertung der Gegenwart: Ausgerechnet Echnaton und Nofretete, die von ihren Nachfolgern als Ketzer verdammt und aus Pharaonen-Listen gestrichen wurden, sind heute die bekanntesten Herrscher des Alten Ägyptens – und die mysteriöse Königin ist so populär wie eine Pop-Ikone.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 06.12.2012





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