Fatih Akin

Ich war schon immer sentimental

Fatih Akin auf der Viennale 2009. Foto: Manfred Werner/ Wikipedia

Offizielle Dreh-Genehmigung bekommen

 

Es fällt auf, dass Sie keine eindeutigen Fakten vortragen, etwa Krankheits-Statistiken.

 

Meine Fakten sind Bilder. Ich bin Bilder-Sammler; im Dokumentarischen ist das meine Stärke.

 

Wie liefen die Dreharbeiten ab?

 

Die Gegenseite macht sehr dämliche Aussagen, womit sie sich selbst bloßstellt, etwa: «Wir können nichts für den starken Regen». Wenn man mir versichert, der Müll sei organisch, ich dort aber Computer-Schrott oder Krankenhaus-Abfall wie Spritzen sehe und filme, dann sind das Fakten. Wir haben vieles illegal gemacht, indem wir über Zäune kletterten und auch öfter vertrieben wurden; es kam zu Prügeleien. Als das so nicht weitergehen konnte, habe ich beim Gouverneur von Trabzon eine Dreh-Genehmigung beantragt und auch bekommen.

 

Dorf-Fotograf nahm 70 Prozent des Films auf

 

Wie haben Sie die Aufnahmen organisatorisch gelöst?

 

Schnell war klar, dass ein Team vor Ort sein muss, um sofort reagieren zu können; von Deutschland aus ist das nicht möglich. In Çamburnu gab es diesen wunderbaren Dorf-Fotografen, der arbeitslos geworden war und als Hausmeister arbeitete. Er wurde zu unserem Kameramann und Regisseur vor Ort: 70 Prozent des fertigen Films stammen von ihm. Er hatte keine Scheu, Politiker zu filmen, die zur Besichtigung der Deponie kamen. Er hatte auch einen Spion in der Deponie, der dort arbeitete und ihn informierte.

 

Die Deponie soll bis 2014 in Betrieb bleiben. Was passiert dann?

 

Dann wird sie geschlossen und an anderer Stelle eine neue gebaut – mit den gleichen Methoden. Es sei denn, der Film stärkt das Umwelt-Bewusstsein in der Türkei: Vielleicht demonstrieren dann nicht nur hundert Leute dagegen, sondern viel mehr.  

 

Viele Dorf-Bewohner sehen Akin ähnlich

 

Ist «Müll im Garten Eden» wie Ihre Erfolgs-Komödie «Soul Kitchen» ein sentimentaler Film?

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Müll im Garten Eden„.

Ich war schon immer sentimental. Bei der Arbeit am Film musste ich oft an Asterix und sein kleines gallisches Dorf denken, das versucht, sich gegen die römische Mehrheit durchzusetzen. «Soul Kitchen» zeigt eine Heimat von mir, Çamburnu eine andere.

 

Von Ihnen stammt der Satz: «Heimat ist ein Zustand und nicht ein Ort.» Wie meinen Sie das?

 

Als Kind meiner Eltern hat mich mein Vater geprägt, genau wie er von seinem Vater geprägt wurde. Die soziale Umgebung prägt den Charakter; Raum hat Einfluss auf die Person. Mich interessierte, woher mein Großvater kommt: aus welcher Landschaft mit welchen Leuten. Ich bin da als Großstadt-Mensch hingereist und habe viele Physiognomien gesehen, bei denen ich mir einbilde: Die sehen mir ähnlich. Ich fand die Leute dort sehr würdevoll; das würde ich mir gerne in meiner schnelllebigen Großstadt-Existenz aneignen.