Berlin

Margaret Bourke-White: Fotografien 1930 bis 1945

LIFE Magazine Foto: Margaret Bourke-White in Air Force Uniform mit Offizieren, Südengland, 1942. Foto: Martin-Gropius-Bau Berlin

Ausstellung thematisiert Bezüge kaum

 

Anders als in der Frühphase ihres Schaffens stehen auf den Bildern aus der Sowjetunion nicht Maschinen im Zentrum, sondern die an ihnen hantierenden Menschen. Emblematisch dafür ist das Foto jenes muskulösen Arbeiters auf dem Generatoren-Gehäuse des Dnjeprostroj-Wasserkraftwerks, das auch als Plakatmotiv dient.

 

Es wirkt wie ein visuelles Echo auf das heroische Menschenbild, das in der stalinistischen Kultur gepflegt – und von sowjetischen Künstlern gefordert – wurde. Leider werden diese ästhetisch-gesellschaftlichen Bezüge in der Ausstellung, die inhaltlich allein der Biographie der Künstlerin folgt, kaum bis gar nicht thematisiert. 

 

Fotos vom Bombardement des Kreml

 

1938 reist Bourke-White nach Mitteleuropa. In ihren Berichten, zu denen sie die Texte oft selbst schreibt, dokumentiert sie die Sudeten-Krise in der Tschechoslowakei und den sich verschärfenden Antisemitismus: Fotografien von faschistischen Aufmärschen und fanatischen Anhängern kontrastiert die Schau mit Bildern des traditionellen Lebens osteuropäischer Juden, etwa in Talmud-Schulen.

 

1941 kehrt Bourke-White in die Sowjetunion zurück. Als die Wehrmacht einfällt, ist sie die einzige westliche Foto-Reporterin in Moskau. Am 19. Juli nimmt sie vom Dach der US-Botschaft aus das nächtliche Bombardement des Kreml auf: Seine Silhouette wird von Scheinwerfern der Luftabwehr und Leuchtspur-Munition beleuchtet.

 

Größtmögliche ästhetische Wirkung

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „True Stories – Amerikanische
Fotografie aus der Sammlung Moderne Kunst
“ in der Pinakothek der Moderne, München

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung
Henri Cartier-Bresson: 
Die Geometrie des Augenblicks
“ im Kunstmuseum Wolfsburg

 

sowie hier Eindrücke der Ausstellung „André Kertész – Fotografien“ im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

Wenige Tage später darf sie Stalin persönlich porträtieren. Er gibt sich während der Sitzung äußerst unwirsch, doch sie erhascht zufällig einen Augenblick, als er lächelt. Der milde großväterlich wirkende Josip Wissarionowitsch ziert im März 1943 das Titelblatt von Life: Es soll den Lesern ein freundliches Bild des Diktators vermitteln, der in dieser Phase der wichtigste Alliierte der USA ist.

 

Zugleich belegt diese Aufnahme, wie Bourke-White bei wirklich jedem Motiv nach größtmöglicher ästhetischer Wirkung strebte – ganz egal, was es zeigte. Falls die Amerikanerin noch andere Kriterien berücksichtigt hat, erfährt man in der Ausstellung darüber wenig.

 

Fotos als Zeitzeugnisse

 

Doch Bourke-White war keine unabhängige Künstlerin: Ihre Bild-Berichte während des Krieges verbreiteten patriotische Botschaften. Auch ihre übrigen Reportagen für mehrere der auflagenstärksten US-Illustrierten haben die öffentliche Meinung stark mitgeprägt: Sie sind Zeitzeugnisse. In jedem Fall wirken diese Bilder noch nach Jahrzehnten so stark, dass sie ihre Fragen gleichsam von selbst stellen.