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Hochofenarbeiter, 1927, Öl auf Leinwand, 60 x 75 cm, Stiftung Deutsches Historisches Museum, Berlin. Foto: Stiftung DHM

Conrad Felixmüller – Zwischen Kunst und Politik


Sein Frühwerk ziert jedes Expressionismus-Handbuch, danach wurde es still um ihn: Was Felixmüller nach 1930 malte, ist weitgehend vergessen. Diese Schau zeigt 200 Werke aus allen Schaffens-Phasen; als erste Retrospektive seit 22 Jahren.


Der ganze Felixmüller (1897 – 1977) soll es sein! Sein Frühwerk zählt zum Kanon des deutschen Expressionismus und ist in vielen Museen vertreten. Doch was danach kam, bleibt meist unbeachtet, als sei er untätig geblieben. Worüber der Maler sich bereits 1948 bitter beklagte: «Wollen Sie mich durchaus in den Expressionismus hineinkategorisieren und als 1920 gestorben hinstellen?»

 

Info

Conrad Felixmüller -

Zwischen Kunst und Politik

 

25.11. 2012 - 07.04. 2013

täglich außer montags 11 - 18 Uhr im Museum Gunzenhauser, Falkeplatz, Chemnitz

 

Katalog 28 €

 

Weitere Informationen

 

20.04.2013 - 07.07.2013
täglich außer montags 14 - 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr in der Städtischen Galerie,
Hauptstraße 60 - 64, Bietigheim-Bissingen

 

Weitere Informationen

 

13.10.2013 - 02.02.2014
täglich außer montags 11 - 18 Uhr im Ernst Barlach Haus, Jenischpark, Baron-Voght-Straße 50a, Hamburg

Das soll diese Ausstellung ändern: als erste Retrospektive des Gesamtwerks seit 22 Jahren. Die Kunstsammlungen Chemnitz zeigen ihren bedeutenden Bestand von 116 Arbeiten aus der Kollektion des Galeristen Alfred Gunzenhauser; dazu kommen rund 80 Leihgaben. So werden alle Phasen von Felixmüllers Schaffen dokumentiert.

 

Sächsischer Staatspreis für Wunderkind

 

Er war ein Wunderkind. Schon mit 15 Jahren wird der Arbeitersohn in die Kunstakademie Dresden aufgenommen; seine Zeichnungen, Holzschnitte und Drucke sind so markant wie ausdrucksstark. Bald kommt der Durchbruch: 1915 führt ihn Ludwig Meidner in den Berliner Künstler-Kreis um den «Sturm»-Galeristen Herwarth Walden ein. Er ist mit Otto Dix, Carl Sternheim und Franz Pfemfert befreundet, dessen Zeitschrift «Die Aktion» er illustriert.

 

1917 hält Felixmüller im Atelier regelmäßig «Expressionistische Soireen» ab. Ein Sammler zahlt ihm monatlich 250 Mark für das Vorkaufsrecht bei allen Werken. Der Jung-Star heiratet, ist Mitglied von Sezessions-Gruppen in Dresden und Berlin, tritt 1919 der KPD bei und 1924 wieder aus – und erhält 1920 für ein heute verschollenes Gemälde den Sächsischen Staatspreis.


Impressionen der Ausstellung

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Radikaler Bruch mit Sturm- und Drang-Jahren

 

Mit dem Preisgeld reist er nicht wie üblich nach Rom zur Künstler-Villa Massimo, sondern in Bergbau-Reviere von Ruhrgebiet und Sachsen. Dort beobachtet er Kohle-Kumpel und Stahl-Kocher in ihrer rußgeschwärzten Arbeitswelt. Seine Bilder sind weniger politische Anklagen mit revolutionären Forderungen, vielmehr einfühlsame Porträts ihrer Würde trotz widriger Lebensumstände; ihm liegt am «Mit-Empfinden» mit ihnen.

 

Mitte der 1920er Jahre löst sich Felixmüller vom Expressionismus. Nicht auf einen Schlag, sondern allmählich, dafür umso entschiedener. Damit steht er nicht allein: In der Weimarer Republik hat sich das O-Mensch-Pathos der Kriegszeit erschöpft. Viele Künstler wie Dix oder George Grosz greifen auf herkömmlich figurative Darstellungen zurück – und spitzen ihre «Neue Sachlichkeit» sozialkritisch zu. Doch wenige verwerfen ihre «Sturm- und Drang-Jahre» so radikal wie Felixmüller.

 

Kultivierung zur Salon-Malerei

 

Er versucht, verkaufte ältere Bilder gegen jüngere einzutauschen, und vernichtet oder übermalt viele frühe Arbeiten. Oder er rahmt Leinwände um und bemalt ihre Rückseite, da er sich neue nicht leisten kann. Geldnot plagt ihn und seine Familie jahrzehntelang; sein Stil-Wandel, den er «Kultivierung» nennt, wird von der Öffentlichkeit kaum goutiert.

 

Waren seine expressionistischen Bilder in bunten Farben mit leuchtenden Komplementär-Kontrasten gehalten, bevorzugt Felixmüller nun eine gedeckte Palette. Mit fein abgestuften Valeurs schafft er ausgewogene Kompositionen, die harmonisch wirken – oder fad. Stets zeigen sie, wie hervorragend der Künstler sein Handwerk beherrscht, doch viele gleichen akademischer Salon-Malerei.

 

Weder von Nazis noch SED geschätzt

 

Etwa manche der Aufträge, die ihm seine Bekannte Maria von Haugk vermittelt: Jahrelang lebt er davon, die Konterfeis sächsischer Adliger naturalistisch abzupinseln. 1933 porträtiert er gar auf eigene Initiative den nationalkonservativen Dichter Börries von Münchhausen als Domherrn mit Ritter-Rüstung, aber der erhoffte Nachfrage-Schub bleibt aus. Die NS-Machthaber betrachten Felixmüllers Werk als «Entartete Kunst» und diffamieren ihn in den gleichnamigen Propaganda-Schauen.

 

An seiner Außenseiter-Position ändert sich nach dem Zweiten Weltkrieg wenig. Anfangs erhält er wegen seiner KP-nahen Bilder aus den 1920er Jahren Posten in staatsnahen Künstler-Organisationen. Doch bei SED-Kulturfunktionären fallen seine melancholischen Landschaften und Familien-Idyllen unter Formalismus-Verdacht. Für den Sozialistischen Realismus sind selbst seine Arbeiter-Bilder wie «Der Maschinist» oder das Triptychon «Im Kohlenwerk» (beide 1951) nicht heroisch-optimistisch genug.

 

Leben + Lavieren in fünf Systemen

 

Malerei wird für Felixmüller immer mehr zum Privatvergnügen: An seinem Wohnort Tautenhain in Thüringen schmückt er die Dorfkirche 1952 mit einem religiösen Ölgemälde-Zyklus aus – ein in der frühen DDR wohl einmaliger Vorgang. Zumindest ist er seine Geldsorgen los: Bis 1962 lehrt er als Professor Zeichnen an der Universität Halle-Wittenberg. 1967 siedelt er nach West-Berlin über, wo er zehn Jahre später stirbt.

 

Info

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "geteilt | ungeteilt: Kunst in Deutschland 1945 bis 2010" im Albertinum, Dresden

 

und hier einen Beitrag zur Ausstellung "1912 - Mission Moderne" über die berühmte Sonderbund- Schau im Wallraf-Richartz-Museum, Köln

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Der Sturm: Zentrum der Avantgarde” über Herwarth Walden + den Expressionismus im Von der Heydt-Museum, Wuppertal

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Helmut Kolle: Ein Deutscher in Paris" über den früh verstorbenen "deutschen Picasso" im Museum Gunzenhauser, Chemnitz.

Ein deutsches Künstler-Schicksal im 20. Jahrhundert, wie es exemplarisch für viele andere in der zweiten und dritten Reihe ist: Felixmüller lebte und lavierte in fünf politischen Systemen. Er biederte sich nicht, noch legte er sich an, sondern zog sich lieber ins Privatleben zurück. Der Preis für seine Distanz war langjährige Nichtbeachtung. Nach fulminantem Auftakt wurde er später nur noch von wenigen Getreuen gefördert und ausgestellt.

 

Besser chronologisch hängen

 

Nun also in Chemnitz: Die Schau ist keine Rehabilitation; dafür ist Felixmüllers Beitrag zum Expressionismus zu geläufig. Sie glänzt mit hervorragenden Beispielen, die alle Facetten seines Frühwerks vorführen – und macht zugleich deutlich, warum seine Arbeiten ab den 1930ern Jahren wenig Aufmerksamkeit fanden. Ihr Realismus wirkt bei aller Raffinesse oft statisch und leblos; ihm eignet eine gewisse dekorative Glätte.

 

Allerdings sind die fast 200 Exponate zu Themen wie «Menschen», «Orte», «Arbeitswelten» etc. mit motivisch ähnlichen Arbeiten aus mehreren Jahrzehnten gruppiert. Das überzeugt mal mehr, mal weniger; bei einem Künstler mit so unterschiedlichen Werk-Phasen scheint eine chronologische Hängung eher angemessen.

 

Ebenso eine ausführlichere Dokumentation: Die Einführungen zu jeder Abteilung sind sehr knapp geraten. Damit löst die Ausstellung ihren Anspruch, Felixmüllers Werk-Entwicklung in die wechselhaften Zeitläufe einzubetten, nur ansatzweise ein; das leistet erst der vorzügliche Katalog.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 28.03.2013





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