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Kunsthaus Graz, 2003 Schloßbergblick, Architekten: Peter Cook and Colin Fournier. Foto: Universalmuseum Joanneum / Christian Plach/ Quelle: Akademie der Künste

Kultur:Stadt


Abgesang auf den Bilbao-Effekt: Neue Kultur-Bauten können eine Stadt nur beleben, wenn sie ins Umfeld eingebettet werden. Das zeigt anschaulich eine Architektur-Ausstellung in der Akademie der Künste – mit Modellen und viel iPad-Klimbim.


Seit 40 Jahren blähen sich am Bennelong Point in Sydney die Segel der Kultur. Das Opernhaus von Jørn Utzon verankerte mit seiner kühnen Dachkonstruktion nicht nur die Stadt selbst, sondern den ganzen Kontinent Australien dank dieses architektonischen Zeichens auf der Landkarte zeitgenössischer Kultur.

 

Info

Kultur:Stadt

 

15.03.2013 – 26.05.2013

täglich außer montags

11 – 19 Uhr

in der Akademie der Künste,

Hanseatenweg 10, Berlin

 

Weitere Informationen

 

28.06.2013 – 13.10.2013
täglich außer montags 10 bis 17 Uhr im Kunsthaus Graz, Lendkai 1

 

Weitere Informationen

Vom entsprechenden Effekt spricht man allerdings erst seit 1997: Damals eröffnete das Guggenheim Museum eine Dependance in Bilbao und wertete die baskische Industriestadt nachhaltig auf. Auch Architekt Frank O. Gehry bemühte nautische Metaphorik für seinen Bau: Dessen kurvig-kantige Dachlandschaft soll davon inspiriert sein, dass pralle Segel bei drehendem Wind plötzlich zu flatternden Stoffbahnen werden.

 

Gegenwind für Elbphilharmonie

 

Positive Effekte wünscht sich auch Hamburg von der Elbphilharmonie der Architekten Herzog & de Meuron. Als Flaggschiff der entstehenden Hafen City soll das Konzerthaus mit zerzauster Glaskrone ein neues Wahrzeichen der Hansestadt werden. Wegen Bau-Verzögerung und Kosten-Explosion bläst dem Renommier-Projekt inzwischen allerdings scharfer Gegenwind entgegen.


Interview mit Kurator Matthias Sauerbruch + Impressionen der Ausstellung


 

Eingriffe in städtische Umgebung

 

Aufstieg und Niedergang des «Bilbao-Effekts» dokumentiert die Ausstellung «Kultur:Stadt»; zuerst in der Berliner Akademie der Künste, danach im Kunsthaus Graz. Ihr Hauptinteresse gelte aber den Strategien dieser architektonischen Eingriffe in ihre städtische Umgebung, betont Kurator Matthias Sauerbruch, Architekt mit Büro in Berlin. 37 Projekte sollen zeigen, wie Kulturbauten Städte beeinflussen – baulich, ökonomisch und sozial.

 

Städte benötigen nicht unbedingt architektonische Ikonen; sie drücken wie in Sydney, Bilbao oder Hamburg oft ein ausgeprägtes Minderwertigkeitsgefühl aus. Kulturbauten können sich auch verstecken. Das von Jarbonegg & Pálffy 1992 entworfene Kunstzentrum der Generali Foundation in Wien fügt sich introvertiert in den unregelmäßigen Grundriss eines Hinterhofs ein.

 

Centre Pompidou als temporäre Zeltstadt

 

Mit funktional und einfühlsam gestalteten Innenräumen und ihrer Lage in direkter Nachbarschaft der Wiener Kunstinstitutionen beansprucht die Stiftung gleichwohl, als inhaltlich arbeitender Konkurrent der etablierten Museen wahrgenommen zu werden.

 

Andere Beispiele setzen ebenfalls auf architektonische Diskretion. Ein Ableger des Centre Pompidou fungiert als temporäre Zeltstadt, die transportabel ist und in variabler Form immer neu errichtet werden kann. Der Berliner Club Berghain zog in ein ehemaliges Kraftwerk ein: Er verzichtet auf bauliche Außenwirkung; wichtig ist nur, was drinnen passiert. Und die soziales Initative «Detroit Soup» spart sich eigene Räumlichkeiten und nutzt als Gast immer wieder andere Orte in der deindustrialisierten US-Metropole.

 

Kultur erhält Industrie-Großbauten

 

Kultur- und Kreativ-Wirtschaft ist zu einer bedeutenden Branche geworden. Der Ökonom Andy Pratt weist im Katalog nach, dass ihre Bruttowertschöpfung stetig wächst und in manchen Ländern mit der Automobil- und Chemie-Industrie gleichgezogen hat. Da verwundert nicht, dass Kultur-Einrichtungen verlassene Industrie-Standorte übernehmen und sie mit neuem Leben und Sinn erfüllen.

 

Beispiele sind etwa das Museum Tate Modern in London, die Zeche Zollverein in Essen oder das Berliner Radialsystem, ein Veranstaltungsort für Tanz und Konzerte. Ob Heizkraftwerk, Kohlebergwerk oder Abwasser-Pumpwerk – industrielle Großbauten von gestern können heute oft nur durch kulturelle Nutzung erhalten werden.

Infos nur im Tablet-Computer

 

Solche Gebäude werden in «Kultur:Stadt» wie in einer Skulpturen-Ausstellung inszeniert. Auf kleinen Tischen stehen Architektur-Modelle sozusagen egalitär nebeneinander, nur durch Nummern gekennzeichnet. Eine radikale Präsentation: Die Bauten werden als Modelle überästhetisiert, Informationen über sie dagegen nur digital vermittelt.

 

Wer mehr über die Exponate erfahren will, muss sich einen Tablet-Computer ausleihen. Darauf ist allerlei Content gespeichert: Daten zur Planungs- und Baugeschichte, Grundrisse, Fotostrecken mit Außen- und Innenansichten – und 37 Video-Kurzvorträge von Kurator Sauerbruch, warum die jeweiligen Objekte in die Ausstellung aufgenommen wurden.

 

Ausstellungs-Ort macht sich überflüssig

 

Auf dem PC-Bildschirm kann man außerdem Doku- oder Experimental-Filme ansehen, die Jung-Regisseure über die meisten Gebäude gedreht haben. Dazu darf man sich auf Stühlen und Sesseln niederlassen. Was den abgedunkelten Schauräumen einen bizarren Anblick verleiht: Die meisten Besucher hocken mit Kopfhörern autistisch über ihren iPads und wischen sich durch das Infomaterial.

 

Das mag hochmodern und intermedial wirken, verlegt die Ausstellung aber sehr weit ins Virtuelle: Wozu sich noch sich in die Akademie der Künste bemühen, wenn doch die meisten Inhalte auch bequem am heimischen PC aus dem Internet abgerufen werden könnten? So macht sich die Akademie als Ausstellungs-Ort überflüssig.

 

Katalog als eigentliche Ausstellung

 

Was dem Ansatz von «Kultur:Stadt» völlig widerspricht: Die Schau will zeigen, wie wichtig Kulturinstitutionen für die Entstehung gesellschaftlicher Urbanität sind. In Museen, Konzerthäuser und Bibliotheken soll Kultur nicht nur passiv konsumiert werden. Solche Einrichtungen laden dazu ein, sich mit ihr intellektuell, emotional und physisch auseinanderzusetzen. Die Exponate dieser Ausstellung lassen sich jedoch im Schnelldurchlauf in wenigen Minuten abhaken.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung der Architektur-Biennale 2012 in den Giardini + Arsenale, Venedig

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Die Weisheit baut sich ein Haus“ über Bibliotheks-Bauten in der Pinakothek der Moderne, München

 

und hier ein Bericht über die Ausstellung des japanischen Architektur-Büros SANAA – Tokio in der Galerie Aedes am Pfefferberg, Berlin

Wichtigstes Element von «Kultur:Stadt» ist daher der vorzügliche Katalog. Erst mit ihm wird die Hauptthese der Ausstellungsmacher deutlich: Stadtplanung und kulturelle Entwicklung müssen Hand in Hand gehen, anstatt sich gegenseitig als Mittel zum Zweck zu verstehen. Gerade die Erschöpfung des Bilbao-Effekts erfordert neue Sichtweisen.

 

Kein Spielplatz für Investoren-Spektakel

 

Der Soziologe Richard Sennett verlangt in einem so giftigen wie triftigen Essay, Stadt als partizipative Struktur zu begreifen und nicht als Spielplatz für Investoren-Spektakel. Im besten Fall können dann Kultureinrichtungen in das soziale und infrastrukturelle Gefüge der Stadt hineinwirken.

 

In London konnte die Tate Modern nicht nur die sozial schwache Bankside wieder zurück ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken, sondern sogar in die Stadtmitte, indem das Areal über die Fußgängerbrücke Millennium Bridge direkt mit der City verbunden wurde.

 

Tate-Monolith in London

 

Bis 2016 soll nun noch ein Erweiterungsbau entstehen. Er wird der historischen Turbinenhalle mit Schornstein am Themse-Ufer einen markanten Kontrapunkt entgegensetzen und das Museum räumlich völlig neu organisieren. Herzog & de Meuron, die schon den Umbau ab 1994 planten, haben dafür einen kristallin gezackten, steil aufragenden Monolithen entworfen. Ihren Glauben an den «Bilbao-Effekt» haben diese Architekten offenbar noch nicht verloren.



Von Carl Halstenbach, veröffentlicht am 20.04.2013





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