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Pferde, von Löwen angegriffen und von einer Schlange verteidigt, 1841,sign. u. dat. u. re.: Raden Saleh 1841. Foto: Lindenau-Museum Altenburg

Raden Saleh (1811–1880): Ein javanischer Maler in Europa


Ein Prinz aus dem Orient als Pionier der kulturellen Globalisierung: Raden Saleh aus Java malte als erster Asiate Ölbilder. In Indonesien wird er wie ein Nationalheld verehrt; erstmals in Europa stellt das Lindenau-Museum sein Werk ausführlich vor.


Orientalische Prinzen haben in der europäischen Kollektiv-Fantasie ihren festen Platz. In kostbare Gewänder gehüllt, verbreiten sie den Glanz der großen weiten Welt; ihre erlesenen Umgangsformen zeugen von märchenhaftem Reichtum. Diese Klischees haben Kunst und Literatur vor 200 Jahren geprägt; sie wirken bis heute fort.

 

Info

Raden Saleh (1811–1880): Ein javanischer Maler in Europa

 

29.6.2013 – 22.9.2013

täglich außer montags,

12 bis 18 Uhr, am Wochenende ab 10 Uhr

im Lindenau-Museum, Gabelentzstraße 5, Altenburg

 

Weitere Informationen

 

Raden Saleh war ein solcher Prinz aus dem Orient. Allerdings war er weder reich noch mächtig; bloß seine Manieren sollen formvollendet gewesen sein. Auch reiste er 1829 nicht etwa nach Europa, um diplomatische Beziehungen zu knüpfen, mit Luxusgütern zu handeln oder das Herz einer fremden Schönen zu erobern − sondern, um Kunst zu studieren.

 

Erster Nichteuropäer an Kunstakademie

 

Er war der erste Asiate, mehr noch: der erste Nichteuropäer überhaupt, der eine akademische Ausbildung in Malerei genoss. Sie übte er fortan nach den Vorgaben seine Lehrer aus: Stilistische Experimente waren seine Sache nicht. Das macht ihn in der europäischen Kunstgeschichte zum passablen, aber konventionellen Salon-Künstler zweiten Ranges.

Impressionen der Ausstellung


 

Saleh-Bild für 1,6 Millionen Euro

 

Anders in Indonesien: In seiner Heimat gilt er als Begründer der modernen Malerei und wird wie ein Nationalheld verehrt. Eine Saleh-Retrospektive 2012 in Jakarta lockte rund 30.000 Besucher an; das ist enorm für ein Land ohne Tafelmalerei-Tradition. Für seine Bilder zahlen indonesische Käufer hohe Summen: etwa 1,5 Millionen Euro für die Jagdszene „In höchster Not“, die das Kölner Auktionshaus Van Ham 2011 versteigerte.

 

Dieses Gemälde entstand 1842 in Dresden. Obwohl Saleh lange und prägende Jahre in Deutschland verbracht hat, ist er hierzulande kaum bekannt. Das will das ambitionierte Lindenau-Museum im thüringischen Altenburg ändern: mit der ersten ihm gewidmeten Ausstellung samt Werkverzeichnis in Europa. Sie stellt einen Querschnitt durch sein Schaffen vor: darin entfaltet sich eine der schillerndsten und faszinierendsten Künstler-Biografien des 19. Jahrhunderts.

 

Werke über die halbe Welt verstreut

 

Das Museum besitzt nur eine kleine Grafik des Malers. Es hat aber gemeinsam mit dem Südostasien-Forschers und Saleh-Experten Werner Kraus, der die Ausstellung in Jakarta mitorganisierte, rund 80 Exponate zusammengetragen. Die Liste der Leihgeber reicht von Amsterdam bis Riga; Salehs Arbeiten sind über die halbe Welt verstreut.

 

Was nicht verwundert, denn er selbst zog fast ein Vierteljahrhundert lang durch halb Europa. 1811 kam Raden Saleh auf Java als Spross einer angesehenen Familie persischer Herkunft zur Welt. Nach dem frühen Tod seines Vaters wuchs er bei seinem Onkel auf; der war hochrangiger Angestellter der niederländischen Kolonial-Verwaltung.

 

Als Dandy von Den Haag nach Dresden

 

Früh erteilte ein in Java lebender belgischer Maler dem jungen Saleh Zeichenunterricht. 1829 durfte er für ein Kunststudium in die Niederlande reisen. Mit nur 23 Jahren etablierte er sich in Den Haag als Maler von Landschaften und Porträts; als eleganter Dandy bewegte er sich in der feinen Gesellschaft. 1839 gewährte ihm die Regierung ein Stipendium für eine ausgiebige Auslandsreise.

 

Die führte ihn nach Etappen in Düsseldorf, Frankfurt und Berlin nach Dresden, wo er sich jahrelang sesshaft wurde. Die sächsische Residenzstadt war eine Hochburg der romantischen Malerei und bürgerlichen Salonkultur, die den exotischen Neuankömmling begeistert aufnahm.

 

Das zeichnet die Ausstellung detailliert nach: Saleh verkehrte mit den Malern Johann Christian Clausen Dahl und Carl Gustav Carus, wurde ein enger Freund von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha und Dauergast auf dem Landgut der Mäzenaten-Familie Serre.

Farb-Symbolik im Pferde-Kampf

 

In diesen Jahren fand Saleh zu seinem Markenzeichen: bewegte Jagd- und Kampf-Szenen mit Reitern und wilden Bestien. Von französischen Romantikern wie Horace Vernet übernahm er verschlungene Kompositionen und exzentrische Tieransichten; sie reicherte er mit tropischer Fauna und Elementen südostasiatischer Landschaften an.

 

Salehs Symbolik wirkte auf europäische Betrachter fremdartig. Etwa bei Pferden: Schimmel dulden Attacken stets, Rappen wehren sich und Füchse flüchten panisch. Im Gemälde „Pferde, von Löwen angegriffen und von einer Schlange verteidigt“ (1841) widerspricht die Rolle des Reptils abendländischem Verständnis: Die Schlange ist nicht verderblich, sondern hilfreich. Was sich aus der Mythologie von Java ableiten lässt: Die Naga-Schlange garantiert die Fruchtbarkeit allen Lebens.

 

In Frankreich ist Orientalismus etabliert

 

Solche Bilder fanden reißenden Absatz. Sie entsprachen der Vorstellung von „leidenschaftlichen Orientalen“ aus einer Weltgegend voller Dramatik. Eine Fantasie, die Saleh geschickt förderte: Er nobilitierte sich selbst, indem er sich „Prinz“ nannte und den Zusatz „von“ in seinen Namen schmuggelte. Seine vermeintlich adlige Abstammung verschaffte ihm Zugang zu höchsten Kreisen und dem sächsischen Königshof.

 

Als er 1845 nach Paris übersiedelte, begann sein Stern zu sinken. In Frankreich hatte sich nach der Eroberung Algeriens 1830 der Orientalismus als Malschule längst etabliert. Salehs Motivwelt erregte hier ebenso wenig Aufsehen wie seine Herkunft aus Übersee. Sein letzter großer Erfolg war 1851 die Verleihung des niederländischen Titels „Maler des Königs“; danach kehrte er nach Java zurück.

 

Nur Gespräche über Zucker + Kaffee

 

Dort fiel es ihm schwer, wieder Fuß zu fassen. Zwar betreute er die staatliche Gemäldesammlung voller Porträts von Kolonial-Beamten, sammelte indigene Kunst für offizielle Stellen und malte weiter. Doch Saleh, der das kulturelle Leben Europas gewöhnt war, ödete die Beschränktheit der Kolonial-Verwaltung an. Diese Leute sprächen nur über „Zucker und Kaffee, Kaffee und Zucker“, beklagte er in Briefen.

 

1869 wurde er unter dem Verdacht rebellischer Umtriebe unbegründet verhaftet. Die Haft traumatisierte ihn; er verfiel in Depressionen. Während einer dreijährigen Reise durch Europa misslang ihm, sich hier wieder dauerhaft niederzulassen. Als er 1880 auf Java starb, war er nervlich zerrüttet und verarmt.

 

Genie der Liebenswürdigkeit + Freundschaft

 

Ein Wanderer zwischen den Welten, der überall ein Außenseiter blieb, obgleich er sich jedem Umfeld anzupassen verstand. Saleh scheint ein Genie der Liebenswürdigkeit und Freundschaft gewesen zu sein: Die Ausstellung strotzt geradezu von Zeugnissen, die seine zahllosen Kontakte in alle Richtungen belegen. Andernfalls wäre es ihm auch kaum gelungen, jahrelang in Elite- und Intellektuellen-Zirkeln europäischer Metropolen zu verkehren.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Das fremde Abendland? Orient begegnet Okzident von 1800 bis heute“ im Badischen Landesmuseum, Karlsruhe

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „ASIA: Looking South“ mit Gegenwarts-Kunst aus Indonesien in der Galerie ARNDT, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Orientalismus in Europa“ mit Werken des 19. Jahrhunderts in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München.

 

Alle wussten nur Gutes über ihn zu berichten. Von seinem einnehmenden Wesen, Takt und angenehmen Auftreten ist die Rede; er muss etliche Abendgesellschaften glänzend unterhalten haben. Porträts zeigen ihn als feinsinnig kultivierten Zeitgenossen, der trotz asiatischer Gesichtszüge ganz dem Schönheitsideal der Romantik entspricht. Dennoch scheiterte er letztlich als Maler: Für eine Fusion der Künste in Ost und West gab es kein Publikum. Ein realistischer Blick auf außereuropäische Kulturen war noch nicht gefragt.

 

Neues Saleh-Museum in Jakarta

 

Die Schau konzentriert sich vorwiegend auf Salehs Aufenthalte in Deutschland, insbesondere die Jahre in Dresden: Regierungschef von Sachsen war damals Bernhard August von Lindenau, dessen Nachlass den Grundstock des Museums bildet. Dagegen kommen die Lebensabschnitte in den Niederlanden und Java etwas zu kurz.

 

Aus praktischen Gründen: Der Transport von Arbeiten, die sich in Indonesien befinden, wäre zu teuer. Wer das Gesamtwerk von Saleh kennen will, müsste demnächst um den halben Globus fliegen: In Jakarta wird derzeit sein letzter Wohnsitz, das Herrenhaus von Cikini, in ein Prinz-Raden-Saleh-Museum umgewandelt.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 18.08.2013





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