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Ryue Nishizawa: Garden and House, Tokyo, Japan, 2011. Foto: © Office of Ryue Nishizawa/ Quelle: ohe

Eastern Promises − Zeitgenössische Architektur und Raumproduktion in Ostasien


Asiens Mega-Städte gelten als Inbegriff von urbanem Chaos. Doch in Fernost entsteht auch wegweisende Architektur. Das MAK stellt 70 aktuelle Beispiele der letzten 10 Jahre vor: besser gelungen im Katalog als in der konfus gestalteten Ausstellung.


Diese Anspielung haben die Ausstellungsmacher wohl kaum beabsichtigt: „Eastern Promises“ ist der Name eines hervorragenden Thrillers von David Cronenberg, der 2007 im deutschsprachigen Raum unter dem Titel „Tödliche Versprechen“ ins Kino kam. Darin begehen russische Mafiosi in London grausame Verbrechen in großem Stil: von Menschenhandel bis Auftragsmorden.

 

Info

Eastern Promises – Zeitgenössische Architektur und Raumproduktion in Ostasien

 

05.06.2013 – 06.10.2013

dienstags 10 bis 22 Uhr,

mittwochs bis sonntags

10 bis 18 Uhr

im Museum für angewandte Kunst (MAK), Stubenring 5, Wien

 

Katalog 39 €

 

Weitere Informationen

Abgesehen von der verunglückten Formulierung, erscheint auch der Grundgedanke abwegig. Stadtleben in Asien wird hierzulande mit aus dem Boden gestampften Millionen-Metropolen, wimmelnden Massen, gesichtslos schäbigen Nutzbauten, Lärm und Umweltverschmutzung assoziiert − was für eine Verheißung!?

 

Fachchinesisch in der Raumproduktion

 

Da hält man sich besser an den Untertitel, auch wenn „Raumproduktion“ nach seltsamem Fachchinesisch klingt. Jenseits aller Wortklauberei präsentiert das Museum für angewandte Kunst (MAK) einen ausgezeichneten Überblick über aktuelle urbane Trends in vier ostasiatischen Ländern: China, Taiwan, Japan und Südkorea.

 

Auf jüngstem Stand: Keines der 70 vorgestellten Architektur-Projekte ist älter als zehn Jahre. Doch die Einbettung in die moderne Baugeschichte kommt keineswegs zu kurz. Im Gegenteil: Vier Prologe informieren kompetent und ausführlich über nationale Eigenheiten der einzelnen Länder, die im regionalen Vergleich besonders deutlich hervortreten.


Impressionen der Ausstellung


 

Tokio + Seoul sind bevölkerter als Beijing

 

Das ist eine Fundgrube von Details, die sonst selten zur Sprache kommen, aber unerlässlich sind, um die jeweilige Entwicklung zu verstehen. So leben in den Ballungsräumen von Tokio und Seoul weit mehr Menschen als in Beijing. Wobei Chinesen genauso viel Wohnfläche wie den wohlhabenden Japanern oder Südkoreanern zur Verfügung stehen: 33 Quadratmeter pro Kopf.

 

Vor 1995 gab es in China keine Architekten: Alle Bauvorhaben wurden von zentral gelenkten „Design-Instituten“ geplant und abgewickelt. Sie haben trotz Privatisierung immer noch einen Marktanteil von rund 90 Prozent, was die monotone Gestaltung im jetzigen Bauboom erklärt − unabhängige Architekten erhalten nur Nischen-Aufträge.

 

U-Bahn-Station mitten im Kaufhaus

 

Etwa in „Urban Villages“: Mitten in Wolkenkratzer-Schluchten bestehen alte Dorfkerne fort. Die früheren Bauern, die dort leben, hat ihr Grund und Boden reich gemacht: Im Gegensatz zu Städtern dürfen Dörfler Land besitzen.

 

In Tokio und Seoul prägen Firmen-Holdings die Baubranche: Sie errichten ganze Stadtteile − inklusive U-Bahn-Station im konzerneigenen Kaufhaus. Jeder zweite Südkoreaner wohnt mittlerweile in einem Hochhaus; meist in der Hauptstadt, wohin die Hälfte aller Landesbewohner gezogen ist. Vor dem Wohnungskauf suchen sie ihr neues Zuhause in showrooms mit Muster-Einrichtung aus, was ihre Geschmäcker stark standardisiert.

 

Illegaler Dachgeschoss-Ausbau in Taipeh

 

Dagegen lebt fast die Hälfte aller Tokioter allein und verbringt die meiste Zeit außer Haus. Damit sie das Nötigste rasch erledigen können, ist eine riesige convenience industry mit kleinen Läden und Dienstleistungen aller Art entstanden: Auf 27 Japaner kommt ein Verkaufsautomat.

 

Die gibt es auch in Taipeh an jeder Ecke, doch Taiwanesen sind mobiler. Jeder zweite hat ein Motorrad, während man in Tokio, Beijing und Seoul meist U-Bahn fährt. Taipeh ist zudem voller illegaler Bauten: waghalsigen Konstruktionen, die auf Dächern errichtet werden, um die Nutzfläche zu erhöhen.

 

Asiatisch a-hierarchisches Raumverständnis

 

All das und noch viel mehr erfährt man aus der exzellenten Dokumentation, die den halben Katalog füllt. Man könnte etliches davon auch in der Schau selbst finden, aber nur mit einigen Verrenkungen. Die Kuratoren vertreten ein „typisch asiatisches, a-hierarchisch orientiertes Raumverständnis“: Sie verteilen Texte und Bilder wild über die Ausstellungswände − mit penetrant schräg gestellten Überschriften und beliebig wirkenden Schnappschuss-Fotos.

 

Auch die Vorstellung der 70 neuen Bauprojekte folgt dieser Logik: Gewinkelte Paravents, die an historische ostasiatische Wandschirme erinnern sollen, sind „im strengen Diagonalraster“ quer durch die Räume verteilt. Und übersät mit einer zusammen gewürfelten Mixtur aus Kurztexten, Fotos in allen Formaten, Monitoren oder Displays und zuweilen auch Modellen.

Wahllos aufgereihte Filmschnipsel

 

Dieses abschreckend mäandernde Potpourri weist nur einen optischen Halt auf: ein enormer schwarzer Würfel im Zentrum, der an die Kaaba von Mekka gemahnt. Drinnen laufen kurze Streifen mit irgendwelchen Impressionen asiatischen Alltagslebens, wahllos aneinander gereiht. Mehr sinnliche Anschauung ist nicht − abgesehen von ein paar alten Dachschindeln, Tonformen und der Filmprojektion von Menschen, die in Beijing auf der Straße tanzen.

 

Mag sein, dass dieses Durcheinander authentisch asiatisches Lebensgefühl vermittelt, doch lenkt es arg von den Exponaten ab. Was jammerschade wäre, denn deren Auswahl ist hervorragend. Verständlicherweise kommt die Hälfte davon aus Japan: Dessen Architektur-Szene ist vielfältig, innovativ und international so renommiert wie einflussreich.

 

Topfpflanzen ersetzen Außenwände

 

Zwar fehlt mit Toyo Ito der Träger des Pritzker-Preises 2013, der als Nobelpreis für Architektur gilt. Doch Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa vom SANAA-Büro, derzeit Superstars der Branche, sind gleich mehrfach vertreten. Etwa mit Nichizawas „Garden and House“: Zwischen Büroblocks eingeklemmt, verzichtet das schmale Stadthaus mit vier Etagen auf Außenwände. Stattdessen nutzen die Bewohner Topfpflanzen als Sichtschutz.

 

Das „Shibura Building“ von Sejima, eines der wenigen Gewerbebauten der Auswahl, kommt ebenso fast ohne Wände aus, damit die Nutzer möglichst häufig zusammentreffen. Dasselbe soll das „Moriyima House“ von Nishizawa leisten, in dem die Gebäudefläche auf mehrere separate Kuben verteilt ist: Wenn die Bewohner sie wechseln, laufen sie sich über den Weg.

 

Böden schmiegen sich Gelände an

 

Solche Lösungen sollen der grassierenden Vereinzelung entgegen wirken. In Straßenzügen von Tokio und Seoul reiht sich eine Hochhaus-Fassade an die nächste; dahinter finden sich ein Konglomerat kleiner und kleinster Parzellen wie in Tokio oder monotone Wohntürme wie in Seoul. Derartige Stadtlandschaften bieten kaum öffentliche Räume zur Kontaktaufnahme.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier einen Beitrag über die Ausstellung „Architecture China – The 100 Contemporary Projects“ – Überblick über aktuelle Bauvorhaben in den Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Kultur: Stadt“ über weltweite Architektur-Projekte in Berlin + Graz

 

und hier einen Bericht zur  ”Architektur Biennale 2012“, der internationalen Architektur-Ausstellung in Venedig

 

Auch von Wang Shu, chinesischer Pritzker-Preisträger 2012, sind beispielhafte Arbeiten zu sehen. In Xiangshan hat sein „Amateur Architecture Studio“ den Campus der Kunstakademie geplant: als Kette zweistöckiger Bauten, deren Böden sich dem Gelände anschmiegen. Für die alte Kaiserstraße von Hangzhou entwarf er vieleckige Zierbauten aus Sichtbeton, die historische Überreste schützen.

 

Gebäude aus recycelten Plastikflaschen

 

Ähnlich spektakulär sieht der kreisrunde „Urban Tulou“ des Büros URBANUS aus. Seine Form entstammt runden Wehrbauten der Hakka-Minderheit, die ab dem 12. Jahrhundert entstanden. Die zeitgenössische Variante in Nanhai kann bis zu 1800 Menschen beherbergen; vor allem Wanderarbeiter, die wenig Miete zahlen können.

 

Elliptisch geformt haben Tezuka Architects den „Fuji Kindergarten“ in Tokio: Er umschließt alte Bäume im Hof, die ihn überragen. Den Umweltschutz-Gedanken überträgt das Büro MINIWIZ in Taipei auf nachhaltige Ressourcen-Nutzung: Es arbeitet ausschließlich mit wiederverwendeten Materialien, etwa Bausteinen aus recycelten Plastikflaschen.

 

Katalog-Studium statt Ausstellung

 

Solche Ansätze sind tatsächlich vielversprechend und zukunftsweisend. Doch um sie kennen zu lernen, braucht niemand sein Haus verlassen und sich ins MAK begeben: Es reicht völlig aus, daheim in Ruhe den Katalog zu studieren.



Von Ivo Nagelweihler, veröffentlicht am 20.09.2013





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