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Schloss Hubertusburg - Hauptgebäude. Foto: Jörg Schöner /Quelle: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Die königliche Jagdresidenz Hubertusburg und der Frieden von 1763


Wer hierher wollte, musste verrückt sein: Schloss Hubertusburg, das "sächsische Versailles", war lange Psychiatrie-Klinik. Vor 250 Jahren schrieb es Weltgeschichte; die Jubiläums-Schau erinnert an alten Glanz, erwähnt aber kaum, wie es dazu kam.


Selten hat ein Prachtbau so schnell ausgedient: Schloss Hubertusburg erstrahlte nur wenige Jahre in vollem Glanz. 1721 verfügte der sächsische Kurfürst August der Starke, 50 Kilometer östlich von Leipzig in Wermsdorf eine Residenz zu errichten: als standesgemäßes Jagdschloss nach seiner Wahl 1697 zum polnischen König August II. Der erste Bau war nach drei Jahren fertig.

 

Info

Die königliche Jagdresidenz Hubertusburg und der Frieden von 1763

 

28.04.2013 - 05.10.2013

täglich 10 bis 18 Uhr

im Schloss Hubertusburg, Wermsdorf

 

Begleitheft gratis,
Katalog 14,90 €

 

Weitere Informationen

 

Ab 1733 ließ sein Sohn Friedrich August II. zwei Jahrzehnte lang Hubertusburg ausbauen: zu einer gigantischen Rundflügel-Anlage um einen weitläufigen Innenhof. Im Inneren wurde das größte barocke Jagdschloss in Europa üppig mit Rokoko-Dekor ausgestattet. Dazu kamen etliche Nebengebäude, Stallungen und Gärten; den Komplex rühmten Zeitgenossen als "sächsisches Versailles".

 

Im Zeichen der goldenen Hirschen

 

Es stand im Zeichen goldener Hirschen: Vier schmücken den Dachreiter, einer dient als Wetterfahne. Die Geweihträger verweisen wie der Schlossname auf eine Legende: Der heilige Hubertus erlebte auf einer Jagd die Vision eines weißen Hirschen, in dessen Geweih ein Kreuz im Strahlenkranz prangte. Danach wurde Hubertus Priester − und zum Schutzpatron aller Jäger.


Impressionen von Schloss + Ausstellung sowie Statements der Verantwortlichen; © SKD

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Blattgold von den Türklinken kratzen

 

So fromm wie der Namensgeber waren die Hausherren nicht: Sie frönten hier aufwändigen Parforce-Jagden. Dabei mussten bis zu 250 Treiber mit Hunden das Wild hetzen, bis es erschöpft vom Herrscher den Todesstoß empfing. Doch der sächsische Hofstaat konnte sich hier solcher Lustbarkeiten nicht lange erfreuen.

 

Nur vier Jahre nach Fertigstellung brach der Siebenjährige Krieg aus. Friedrich August II. floh nach Warschau; preußische Truppen besetzten Sachsen. Als Vergeltung für die Plünderung von Schloss Charlottenburg in Berlin durch sächsische Soldaten ließ König Friedrich der Große 1761 Hubertusburg systematisch ausrauben: Sogar Blattgold wurde von Türklinken gekratzt und eingeschmolzen. Allein die Schlosskapelle blieb verschont.

 

Friedens-Gespräche an geborgten Tischen

 

Ausgerechnet an diesem Ort kamen Ende 1762 die Gesandten von Preußen, Österreich und Sachsen zusammen, um den Frieden auszuhandeln. Da der Koloss leer war, musste man Stühle und Tische aus umliegenden Gasthöfen ausborgen. Am 15. Februar 1763 wurden die Friedensverträge unterschrieben und in den Folgetagen von den Monarchen ratifiziert.

 

Damit endete der erste weltweite Krieg: Als Verbündete der Kriegsparteien hatten sich Großbritannien, Frankreich und Spanien an so entlegenen Schauplätzen wie Nordamerika, Indien und den Philippinen bekämpft. Frankreich war bankrott und verlor die meisten seiner Übersee-Besitzungen. Daraus entsprangen neue Umwälzungen: der Unabhängigkeits-Krieg der USA und die Französische Revolution von 1789.

 

Anstalt für blödsinnige Weiber + Kinder

 

Für Hubertusburg war die Herrlichkeit vorbei. Das Schloss diente nacheinander als Steingut-Fabrik, Militärmagazin, Lazarett und Strafanstalt. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts richtete man Anstalten für weibliche Geisteskranke und "blödsinnige Kinder" ein. Sie wurden nach 1945 in reguläre Kliniken umgewandelt; derzeit ist in Nebengebäuden ein Psychiatrie-Krankenhaus untergebracht.

 

Zum 250-jährigen Jubiläum hat man Teile des Hauptgebäudes aufwändig restauriert: In sechs Räumen erinnert eine Ausstellung an die Bedeutung von Hubertusburg. Allerdings bis auf wenige Ausnahmen nicht mit originalen Einrichtungs-Gegenständen; die waren ja von den Preußen komplett verschleppt worden.

Halbe Ausstellung für Waffennarren

 

Stattdessen behelfen sich die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) mit Pretiosen aus ihren Beständen. Etwa aufwändig gearbeiteten und verzierten Schmuck- und Prunkwaffen; die halbe Schau ist höfischer Jagd-Begeisterung gewidmet. Sie spielte gewiss in der Barockzeit eine enorme Rolle; so ließ sich Kronprinzessin Maria Anna als Jagdgöttin Diana porträtieren.

 

Doch Vitrinen voller Hirschfänger, Weidmesser und Radschloss-Gewehre können trotz ausführlich erläuterter Unterschiede in Bauart und Dekor nicht davon ablenken, dass sie allein zum Totmachen bestimmt sind; Waffennarren kommen also voll auf ihre Kosten. Liebhabern der schönen Musen wird weniger geboten: zwei Säle zur Selbstdarstellung des Kurfürsten und der Hofkultur.

 

Essentielle Fragen ungeklärt

 

Der eigentliche Anlass dieser Ausstellung muss sich mit einem Kabinett bescheiden. Kleine Grafiken deuten Beginn und Verlauf des Siebenjährigen Krieges an, daneben finden sich ein paar Bilder aus sächsischen Sammlungen und staubige Uniformen aus dem "Armeemuseum Friedrich der Große" in der bayerischen Plassenburg ob Kulmbach. Zum Frieden gibt es nur die Vertrags-Urkunden und einen Schwung Gedenk-Medaillen.

 

Das ist nicht nur arg dürftig, sondern lässt auch wichtige Fragen ungeklärt. Warum trafen sich die Emissäre der Kriegsparteien eigentlich fernab jeder größeren Stadt mitten in der Pampa − in einem ausgeweideten Schloss-Kadaver, wo sie sich nicht einmal hinsetzen konnten? Wollte man verhindern, dass Delegations-Mitglieder etwas von Wert mitgehen lassen?

 

Völlig ignorierte Weltgeschichte

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Friederisiko" - zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen im Neuen Palais, Potsdam

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Raden Saleh (1811–1880): Ein javanischer Maler in Europa" über den ersten asiatischen Maler von Jagd- und Tier-Szenen im Lindenau-Museum, Altenburg

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Der Welt-Menschheit größte Erfindung!" mit Entwürfen des Weltraum-Fantasten Karl Hans Janke im Stadthaus Ulm.

 

Oder sollten sie durch Entbehrungen zu zügigen Verhandlungen genötigt werden? Das klappte nicht: Sie brauchten sechs Wochen bis zur Einigung auf die Vertragstexte. Die im Wesentlichen nur den Vorkriegszustand wiederherstellten − wieso dauerte das so lange? Diese seltsamen 45 Tage, in denen auf Hubertusburg Weltgeschichte geschrieben wurde, ignoriert die Schau völlig.

 

Entweder reichte ihr Budget nicht, um Objekte von Museen außerhalb des Freistaats auszuleihen. Oder die SKD sind so auf ihre populären Dauer- und Wechselausstellungen mit Barock-Prunk der Hausmarke August der Starke & Söhne fixiert, dass ihnen entgeht, wie manche Themen über den sächsischen Porzellan-Tellerrand hinausreichen.

 

Kosmos-Eroberer bekannter als Kurfürst

 

Oder die Epochengrenze des späten 18. Jahrhunderts überschreiten: Was in den 250 Jahren nach dem Friedensschluss in Hubertusburg geschah, kommt ebenso wenig vor. Dabei dürfte sein bekanntester Bewohner nicht mehr der unselige Kurfürst sein, sondern Karl Hans Janke: Der sonderbare Schöpfer verwegener Pläne zur Eroberung des Kosmos, die inzwischen als eigenwillige Kunstwerke Anerkennung genießen, verbrachte seine zweite Lebenshälfte in der dortigen DDR-Psychiatrie.



Von Ivo Nagelweihler, veröffentlicht am 05.09.2013





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