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Karl Mediz: Roter Engel (Detail), 1902, Öl auf Leinwand, 172 x 185,5 cm. © Privatbesitz, Wien. Foto: Belvedere, Wien

Dekadenz – Positionen des österreichischen Symbolismus


Triptychon mit nackten Engeln: Der Symbolismus trat in Österreich noch üppiger, fantastischer und hemmungsloser auf als anderswo – oft mit Bezug auf christliche Traditionen. Das zeigt eine faszinierend vielfältige Überblicks-Schau im Belvedere.


Das kann kein Zufall sein: Während in der Kunsthalle Bielefeld noch eine große Ausstellung über den deutschen Symbolismus läuft, eröffnet das Belvedere in Wien eine Schau zum Symbolismus in Österreich. Nachdem er jahrzehntelang wenig Beachtung fand, wird plötzlich ein umfassender Gesamtüberblick über diese Kunstrichtung in ganz Mitteleuropa geboten.

 

Info

 

Dekadenz - Positionen des österreichischen Symbolismus

 

21.6.2013 - 13.10.2013

täglich 10 bis 18 Uhr, mittwochs 10 bis 21 Uhr im Unteren Belvedere, Rennweg 6, Wien

 

Katalog 42 €

 

Weitere Informationen

 

Die Symbolisten selbst hätten darin keinen Zufall gesehen: Für sie war die Welt voller Zeichen, Andeutungen und dunkler Ahnungen. Ihre Hinwendung zum Vieldeutigen und Geheimnisvollen war eine Gegenreaktion: gegen platten Rationalismus und Realismus des bürgerlichen Zeitalters, die aus ihrer Sicht das eigentliche Wesen des Daseins verfehlten.

 

Zuflucht bei der Kunst einst + jetzt

 

Das mag erklären, warum das Interesse am Symbolismus neu erwacht. Fortschrittsoptimismus ist passé; Schwindel erregende technische Neuerungen werden eher beargwöhnt, als dass man ihnen die Lösung von Menschheitsproblemen zutraut. Desillusionierte Zeitgenossen suchen Zuflucht bei der Kunst – vor allem bei Spielarten, deren Formenreichtum die Sinne betört. Davon bietet der Symbolismus reichlich.


Impressionen der Ausstellung

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Acht Meter langer Kunst-Altar

 

Insbesondere in seiner österreichischen Variante, fasst man den Begriff weit genug. Die rund 120 gezeigten Werke, überwiegend aus der Belvedere-Sammlung, entstanden fast alle vor 1914: Das Habsburger Reich war ein Vielvölkerstaat und Wien eine kosmopolitische Metropole, die Künstler aus ganz Europa anzog. Ausländer wie der Belgier Fernand Khnopff oder die Deutschen Max Klinger und Franz von Stuck feierten hier große Erfolge.

 

Von ihnen sind wegweisende Arbeiten zu sehen: etwa Klingers riesiges "Urteil des Paris" von 1887. Das fast acht Meter lange Triptychon ist weit mehr als ein Gemälde: Mit üppig beschnitztem und vergoldeten Rahmen, massivem Sockel in Marmor-Optik und drei aufgesetzten Figuren-Plastiken ähnelt es eher einem Kunst-Altar.

 

Waldpfad als Eingang ins Paradies

 

Wobei alle Elemente aufeinander bezogen sind: Rahmen und Sockel hören auf, reine Leinwand-Einfassungen zu sein, und werden integraler Teil des Werks. Sie vermitteln die Bild- mit der Außenwelt und lösen damit die Grenze zwischen beiden Sphären auf; dieses Eindringen der Kunst in die Wirklichkeit sollten diverse Spielarten der Klassischen Moderne weitertreiben.

 

Die Schau versammelt einige solcher monumentalen Triptychen. Assoziationen zu gotischen Altären waren beabsichtigt; sie sollten ähnlich weihevolle Ehrfurcht einflößen. Dazu passten (quasi-)christliche Bildthemen. Wilhelm List schuf 1905 ein dreiteiliges Ensemble über die "Heilige Elisabeth", Wilhelm Bernatzik 1904 das Triptychon "Eingang ins Paradies". Der sieht wie ein Waldpfad aus: Zwei Engel bewachen ihn, während er sich ins Irgendwo schlängelt.

Selbst-Stilisierung als Messias

 

Sakraler Tradition entsprang auch der verschwenderische Einsatz von Goldfarbe, die auf Ikonen das Himmlische und Heilige markiert. Nicht nur bei Gustav Klimt, dessen güldene Jugendstil-Jungfrauen bis heute ein Wiener Exportschlager sind; auch Franz von Stuck oder Eduard Veith griffen gern zu Gold. Ob diese Lust am Edelmetall-Glanz auf seine Allgegenwart im österreichischen Barock zurückgeht?

 

Am häufigsten finden sich Bezüge zur christlichen Ikonographie aber in (Selbst-)Porträts. Gesichter in Frontalansicht, unnatürlich symmetrisch, den starren Blick verklärt ins Weite gerichtet, zuweilen von hellen Zonen eingefasst, als sei es ein Nimbus: So stilisierten Maler ihre Modelle oder sich selbst als der Welt entrückte Erscheinungen, gar als der Messias. Das war nicht ketzerisch gemeint, sondern als Versprechen: Kunst wird Euch erlösen!

 

Nackter Hermaphrodit mit roten Flügeln

 

Wobei den Symbolisten Unrecht geschähe, täte man sie als Propagandisten einer artifiziellen Para-Religion ab, die das Christentum beerben sollte. Im Gegenteil: Sie griffen Abgründiges und Verdrängtes auf, das zuvor in der Kunst kaum vorkam – elementare Leidenschaften wie Angst und Hass, Verzweifelung und Todessehnsucht, oder auch Machtgier und Erfüllung, Begehren und Ekstase. Derlei wurde teils äußerst drastisch dargestellt.

 

Das akzeptierte die prüde Öffentlichkeit um 1900 allenfalls, wenn die Darstellungen in mythologischen Szenen oder fantastischer Symbolik verkleidet daherkamen. Etwa der "Rote Engel" (1902) von Karl Mediz: Unter einem mächtigen Rosenbusch greift sich ein nackter Hermaphrodit mit feuerroten Flügeln und Kleopatra-Frisur an seine prallen Brüste. Was um Himmels Willen mag das bedeuten?

 

Dekadenz als Geschichtsbewusstsein

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung "Schönheit und Geheimnis" - über den deutschen Symbolismus als andere Moderne in der Kunsthalle Bielefeld

 

und hier eine kultiversum-Rezension der Ausstellung Der Symbolismus in Lettland im Musée national d’ histoire et d’art, Luxemburg

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung  “Max Klinger – Von der herben Zartheit schöner Formen im Wilhelm-Lehnbruck-Museum, Duisburg

Die schillernde Ambivalenz vieler Bilder macht bis heute ihren Reiz aus. Sie sollten gerade nicht entziffert und verstanden werden, sondern subjektive Stimmungen und Empfindungen auslösen. Dafür bedienten sich die Künstler verschiedenster Malweisen: von der Altmeister-Präzision eines Max Klinger über den Falschfarben-Pointilismus von Giovanni Segantini bis zur Alptraum-Ästhetik eines Alfred Kubin. Der Symbolismus war kein Stil, sondern eine Geisteshaltung.

 

Hier kommt die "Dekadenz" ins Spiel, mit der die Ausstellung betitelt ist. Nicht als ennui ermatteter Lebemänner, die sich genusssüchtig Lustbarkeiten hingeben, sondern als Geschichtsbewusstsein: in einer Epoche zu leben, die das Beste hinter sich hat, aber aus dem Vollen ihres kulturellen Erbes schöpfen kann.

 

Gute Konjunktur-Aussichten

 

Wissend, wie es müßig wäre, ein weiteres System für das große Ganze errichten zu wollen, kombinierten die Künstler lieber Partikel des Vorhandenen zu neuen, vielschichtigen Kreationen. Ein damals wie heute zeitgemäßes Bewusstsein; man darf es postmodern nennen. In ihrem eklektischen Vorgehen, ihrer hemmungslosen Subjektivität und Aufmerksamkeit für Abseitiges sind diese Maler uns ganz nah. So dürfte der Symbolismus in der näheren Zukunft eine gute Konjunktur erleben.



Von Hannah Osterkorn, veröffentlicht am 01.10.2013





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