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Frauke Finsterwalder bei der Premiere von "Finsterworld" in München. Foto: BR

Große Sehnsucht nach Nähe in Nordeuropa


"Finsterworld" ist der erste Spielfilm von Frauke Finsterwalder; ihr Mann, Pop-Literat Christian Kracht, schrieb am Drehbuch mit. Ein Gespräch über Normalität, Küsse auf der Straße in Argentinien und subtile Irritationen durch eine leere Welt.


Frau Finsterwalder, was bedeutet Kino für Sie?

 

Ich möchte mich in keinem Fall im Kino mit Dingen langweilen, die ich schon in meinem Leben habe oder die leer sind. Für mich ist Kino eine permanente Überforderung. Ich sitze in einem dunklen Raum und sehe etwas, das mich in irgendeiner Art und Weise überfordert.

 

Info

 

Finsterworld

 

Regie: Frauke Finsterwalder,

91 Min., Deutschland 2013;

mit: Corinna Harfouch, Carla Juri, Sandra Hüller, Ronald Zehrfeld

 

Website zum Film

 

Das kann emotional sein, wenn etwas schön oder grauenhaft oder lustig und auch spannend ist. Mir ist wichtig, einen Film zu machen, der mir beim Anschauen Spaß macht, der wach hält, weil etwas Neues passiert. Viele Autorenfilmer machen insofern unterhaltsamere Filme als Hollywood.

 

Keiner darf abfallen

 

Wie haben Sie Ihren Cast mit vielen nebeneinander gleichberechtigten Rollen zusammengestellt?

 

Zwei Rollen standen für mich von Anfang an fest: Sandra Hüller sollte die Filmemacherin Franziska Feldenhoven spielen, und Corinna Harfouch die Inga Sandberg.

 

Um diese beiden Schauspielerinnen herum habe ich die Figuren besetzt. Das war schwierig: Mit den beiden Frauen war der Qualitätsstandard sehr hoch gesetzt, und in einem Ensemblefilm darf keiner abfallen.


Offizieller Film-Trailer

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Risiko eines völlig anderen Films

 

Nach einigen Dokus ist „Finsterworld“ Ihr erster Spielfilm. Die Hauptfigur der Dokumentarfilmerin Franziska stellt eine Art fiktionale Kollegin dar. Sie leidet unter dem Projekt, das sie sich ausgesucht hat. Kennen Sie das?

 

Im Dokumentarfilm muss man unheimlich geduldig sein und sich dem Risiko stellen, dass ein völlig anderer Film herauskommt, als der, den man erwartet hat. Die Protagonisten spielen keine Rolle, sondern sind sie selber.

 

Das kann Spaß machen, kann aber auch sehr frustrierend sein. In jedem Fall muss man bereit sein, den Film komplett umzustellen. Das ist der große Unterschied zum Spielfilm.

 

Verborgene Wünsche + Verletzlichkeit

 

Trägt die Figur biografische Züge? 

 

Nein. Ich habe zwar auch Dokumentarfilme gemacht, aber in dieser Franziska ist nicht mehr von mir drin als in jeder anderen Figur. Die sind Teil von mir und auch vom Co-Autor (Ehemann Christian Kracht, A.d.R.). Andere Figuren, wie der Fußpfleger Claude, haben viel mehr mit mir zu tun.

 

Michael Maertens spielt Claude. Er schafft es, als Fußpfleger mithilfe seines Hornhaut-Hobels quasi mechanisch die psychische menschliche Hülle aufzubrechen. Was verbergen Menschen?

 

Geheime Wünsche und ihre Verletzlichkeit. Claude ist von daher besonders, weil er als einzige Figur im Film sozial intakt ist. Hinter allem in "Finsterworld" steckt die Frage, was ist normal und was nicht. Was tun Menschen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen? Und wer bestimmt eigentlich, was normal ist?

 

Im Kuschel-Kostüm die Welt umarmen

 

Roland Zehrfeld spielt den Polizisten Tom; privat schlüpft er gern in das Kostüm eines Kuscheltiers und sehnt sich nach Berührung. Was fehlt Tom?

 

Ich habe das Drehbuch in Argentinien geschrieben; ein Land, in dem sich Menschen ständig berühren und auf der Straße küssen. In Deutschland finden solche intentionslosen Berührungen nicht statt.

 

Der Furry-Episode liegt außerdem die Geschichte der Inderin Amma zugrunde, die durch die Welt reist und Menschen umarmt. In München standen 2.000 Menschen an einem Wochenende Schlange, um sich von ihr umarmen zu lassen. Das scheint extrem, spricht aber für eine große Sehnsucht nach Nähe in unserer nordeuropäischen Gesellschaft.

Kein Drehbuch ohne Gang ins Exil

 

Sie leben in Italien und Afrika. Ist der Film eine Interpretation Ihrer deutschen Heimat?

 

"Finsterworld" ist meine Weltsicht und keine allgemeine Aussage über Deutschland oder wie Deutschland ist. Aber natürlich geht es mir um auch um deutsche Besonderheiten.

 

Pflegen Sie Traditionen?

 

Da sind keine konkret deutschen Eigenheiten, die ich vermisse. Eher Dinge, die ich aus der Kindheit kenne, an die ich melancholisch zurückdenke. Die haben weniger mit Deutschland und mehr mit meinem persönlichen Leben zu tun. Außerdem hätte ich dieses Drehbuch wohl nicht schreiben können, ohne ins Exil zu gehen.

 

Horror überzeugte Kameramann

 

Ist Distanz notwendig, um eine Gesellschaftsstudie wie diesen Film auf den Weg zu bringen?

 

Als Künstler bewegt man sich häufig weg aus seinem bekannten Raum. Erst aus der Distanz beginnt man über Dinge nachzudenken, die einem  sonst alltäglich vorkommen. Ohne Abstand nimmt man die hin und hinterfragt sie nicht ständig.

 

„Finsterworld“ bewegt sich zwischen vielen Genres: Komödie, Drama, Tragödie, Satire...

 

... und Horror! Das ist ganz wichtig. Als ich mit meinem Kameramann Markus Förderer über den Film sprach, war Horror immer ein großes Thema. Das hat ihn überzeugt, den Film zu machen. Er ist sehr Genre-affin.

 

Hässlichkeit lugt hinter Schönheit hervor

 

Haben Sie mit ihm den sehr eigenen, cleanen Look des Films entwickelt?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Finsterworld" - von Frauke Finsterwalder

 

und hier einen Beitrag zum Film "Was bleibt" - von Hans-Christian Schmid, ein Drama um eine Familienaufstellung mit Corinna Harfouch

 

und hier einen Bericht über den Film "Dr.Ketel- Der Schatten von Neukölln" - sozialkritischer Thriller von Linus de Paoli

 

und hier eine Rezension des Films "Der feine Unterschied" - gelungenes Sozial-Drama von Sylvie Michel

 

Nachdem das Drehbuch fertig war, schwebte mir erst eine realistische Art von Film vor. Im Zuge der Vorbereitung zum Dreh wurde mir klar, dass es weniger interessant ist, die Realität zu zeigen: Automassen, die sich durch Straßen quetschen; Menschen, die in der Tankstelle einkaufen und so weiter.

 

Ich wollte eine leere Welt zeigen. Dahinter steckt die Idee, eine subtile Irritation zu erzeugen. Diese Leere fällt nicht sofort auf, aber auf Dauer entsteht diese Irritation. Und ich fand es interessanter, hinter Schönheit die Hässlichkeit hervor scheinen zu lassen, die in den Figuren meines Films lauert.

 

Tag und Nacht arbeiten

 

In Ihrem vorherigen Film „Die große Pyramide“ haben Sie Ihren Mann, Christian Kracht, als einen der Protagonisten mit der Kamera begleitet. Nun hat er das Drehbuch mitgeschrieben. Wie trennen Sie Berufliches und Privates?

 

Das können wir nicht trennen. Als Schriftsteller wie als Filmemacher arbeitet man Tag und Nacht. Nicht unbedingt produktiv oder sinnvoll, indem man Bücher schreibt, aber eben zum Beispiel nachts, wenn man träumt.

 

Sie beschreiben den gemeinsamen Schreibprozess wie eine Therapiesituation. Verspüren Sie etwas wie eine Erleichterung der Seele?

 

Ich schreibe und verarbeite Alpträume. Das ist ein großes Geschenk; heißt aber nicht, dass sie dadurch weg sind.



Von Denis Demmerle, veröffentlicht am 15.10.2013





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