Berlin + Wien

Wien – Berlin: Kunst zweier Metropolen von Schiele bis Grosz

Ernst Ludwig Kirchner: Frauen auf der Straße (Detail), 1915. Von der Heydt-Museum, Wuppertal. Foto: Berlinische Galerie

 

Theater-Revolution mit Konstruktivismus

 

Auch das ändert diese Schau: In zwei Räumen werden Wiener Sonder-Tendenzen vorgestellt. Etwa die dynamisch-abstrakten Ölgemälde von Erika Giovanna Klien und ihr selbst gezeichneter Comic-Strip „Klessheimer Sendbote“, den sie 1926/27 aus der Provinz an ihre Wiener Freunde verschickt.

 

Oder die raumfüllende Konstruktion „Träger-Leger-System“, mit der Friedrich Kiesler 1924 das Theater revolutionieren will: Seine Ideen für neuartige Kulissen kombinieren Elemente von russischem Konstruktivismus mit De Stijl und Mondrian.

 

Erotisch verschlüsselte Neue Sachlichkeit

 

Ende der 1920er Jahre macht sich dann in beiden Metropolen wieder Nüchternheit breit: Die Neue Sachlichkeit wird zum dominierenden Stil. Ihr ist in der Berlinischen Galerie der zentrale Saal gewidmet: mit Interieurs, die Oberflächen von Objekten optisch herausstellen, und erotisch verschlüsselten Bildnissen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Dekadenz“ über den österreichischen Symbolismus im Unteren Belvedere, Wien

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „William Wauer und der Berliner Kubismus“ im Georg-Kolbe-Museum, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Dynamik!“ über „Kubismus / Futurismus / Kinetismus“ im Wien der 1920er Jahre im Belvedere, Wien

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Bilderbuch des Berliner Lebens“ über Hans Baluschek im Bröhan-Museum, Berlin

 

und hier eine Rezension der Ausstellung „«Die Welt will Grunewald von mir»“ über Walter Leistikow, ebenfalls im Bröhan-Museum

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Die Kulisse explodiert“ über den Theater-Visionär Friedrich J. Kiesler in der Villa Stuck, München.

Der Berliner Christian Schad reichert etwa das Porträt des Schriftstellers Ludwig Bäumer mit einer verführerischen Orchidee an. Während der Abgebildete frontal vor einem Spiegelkabinett steht, spiegeln sich im Hintergrund der pralle Dolden und die lasziv wirkenden Blütenblätter der Blume – als seien sie Fragmente eines Traums.

 

Enge + bedrohliche Welt

 

Dagegen verpackte der Wiener Maler Rudolf Wacker seine sinnlichen Botschaften in vermeintlich neutrale Stillleben: Zwischen Kisten und Kartons spielen pralle Früchte und Gemüse eine metaphorisch mehrdeutige Rolle. Solche Bilder lassen die Lebensgier der späten 1920er Jahre erahnen. Doch die Vorahnung einer dunklen Epoche, die über beide Städte und Länder hereinbrechen wird, ist nicht fern.

 

Lotte Laserstein zwängt 1930 ihre melancholische Tischgesellschaft aus lauter mutlosen Gestalten am „Abend über Potsdam“ in einen Rahmen, der viel zu klein erscheint. Die Aufbruchsstimmung ist passé, die Welt fühlt sich plötzlich eng und bedrohlich an.

 

Gelungene Selbstbeschränkung

 

Im „Verhör I“ der Wiener Malerin Friedl Dickers herrscht 1934 schon eine kafkaesk wirkende Atmosphäre aus Angst und Verrat. Dickers wird zehn Jahre später in Auschwitz ermordet – während in Wien und Berlin die gleichen Verbrecher herrschen.

 

Solche kulturhistorischen Metropolen-Vergleiche sind ein gewagtes Unterfangen; so uferte die Ausstellung „Berlin – Moskau“ in zwei Teilen 1995 und 2003 völlig aus. Doch diese Schau ist rundum gelungen: Mit dem Belvedere in Wien und der Berlinischen Galerie haben zwei Partner zueinander gefunden, die sich auf die Kunst der weisen Selbstbeschränkung verstehen. Eine Tugend, die ansonsten in beiden Hauptstädten eher selten zu finden ist.