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Hélio Oiticica + Neville D’Almeida: Cosmococa CC5–Hendrix War, 1973 / 2013. Installationsansicht: Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2013. © Schirn Kunsthalle Frankfurt Foto: Norbert Miguletz

Hélio Oiticica: Das große Labyrinth + Brasiliana


Expeditionen auf einen kaum bekannten Kunst-Kontinent: Das MMK stellt den "Andy Warhol Brasiliens" erstmals in Deutschland ausführlich vor. Die Schirn präsentiert acht große Raum-Installationen – ein alle Nerven kitzelndes Fest für die Sinne.


Die fünftgrößte Nation der Erde muss erst diesjähriges Gastland der Frankfurter Buchmesse werden, bevor man sich hierzulande näher mit ihrer Kunst befasst. Aber immerhin: Im Sommer war junge Kunst aus Brasilien im Düsseldorfer KIT zu sehen. Zurzeit zeigt das Berliner Museum für Fotografie Aufnahmen aus den 1940/60er Jahren; damals schloss das Land zur internationalen Moderne auf, bevor ab 1964 die Militärdiktatur jede Kreativität abwürgte.

 

Info

 

Hélio Oiticica:
Das große Labyrinth

 

28.09.2013 - 02.02.2014

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr im Museum für Moderne Kunst (MMK), Domstraße 10, Frankfurt/Main

 

Katalog 34,80 €

 

Weitere Informationen

 

Brasiliana: Installationen von 1960 bis heute

 

02.10.2013 - 05.01.2014

täglich außer montags 10 bis 19 Uhr, mittwochs + donnerstags bis 22 Uhr

in der Schirn Kunsthalle, Römerberg, Frankfurt/Main

 

Katalog 25 €

 

Weitere Informationen

 

Und in Frankfurt pflasterte Kunst aus Brasilien die Innenstadt: Zwei Monate lang zierten Bilder junger Street-Art-Künstler die Straßen und Fassaden der Main-Metropole. Ihre Freiluft-Arbeiten würden wohl kaum den hiesigen Winter überstehen. Dagegen sind viele Werke eines Künstlers unvergänglich, dem das Museum für Moderne Kunst (MMK) die erste große Retrospektive in Deutschland ausrichtet: Hélio Oiticica (1937–1980).

 

Vor allem Lebens-Künstler

 

Er war eine Zentralgestalt der brasilianischen Kultur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts; oft wird er mit Andy Warhol oder Joseph Beuys verglichen. Das tut ihm beinahe Unrecht. Während Beuys' Praxis der Mission eines sittenstrengen Predigers glich und Warhol in seiner "Factory" andere Kreative agieren ließ, um die Ergebnisse zu vermarkten, war Oiticica vor allem Lebens-Künstler.

 

An Vermarktung lag ihm wenig; auf den traditionellen Kunstbetrieb pfiff er. Ihn interessierte, Kunst aus ihrem musealen Ghetto herauszuholen, um damit den Lebensalltag der Menschen zu bereichern: Seine Werke sollten ihnen ungeahnte, aufregende Erfahrungen bescheren.

 

Neuer Ansatz südlich des Äquators

 

Er wollte die Trennung zwischen Objekt und Betrachtern aufheben, sie in die Kunstpraxis einbeziehen und an ihr teilhaben lassen. Heute macht das jeder Aktionskünstler. Vor 50 Jahren war dieser Ansatz völlig neu; insbesondere südlich des Äquators.


Impressionen der Ausstellung "Hélio Oiticica: Das große Labyrinth"

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Geometrie zum Schwingen bringen

 

Dabei fing Oiticica als konventioneller Bildermaler an. Als er Mitte der 1950er Jahre in Rio de Janeiro studierte, dominierte die "Konkrete Kunst": Die Prinzipien von Malewitsch und Mondrian hatten europäische Einwanderer wie Max Bill nach Brasilien importiert. Oiticica widmet sich rechtwinkligen Farb- und Formstudien, doch bald wird ihm das zu steril: In seinen Metaesquemas tanzen die geometrischen Körper schon aus der Reihe.

 

Wenig später löst er die Formen von der Leinwand und katapultiert sie in den Raum. Seine monochromen Bilaterais und Relevos especiais sind frei schwebende Objekte, die man umrunden muss, um sie ganz zu erfassen. Damit bestückt er ab 1959 Ausstellungen der "Neoconcretismo"-Gruppe; sie will der rigiden Abstraktion in Europa eine beschwingte Variante entgegensetzen.

 

Kaffeebohnen + Muscheln ertasten

 

Dann geht alles sehr schnell: Die experimentierfreudigen sixties beschleunigen Kunst und Kultur auch in Brasilien. 1960 baut Oiticica seinen ersten Penetrável. Der mannshohe Kasten ist begehbar; in warmen Gelb- und Rottönen gestrichene Wände kann man verschieben, um verschiedene Farbwirkungen zu erleben.

 

Drei Jahre später fängt der Künstler mit Bólides an: Behältern aus Holz oder Glas, die mit diversen Materialien gefüllt sind – von Wasser und Farbpigmenten bis zu Kaffeebohnen oder Muscheln. In denen darf man herumwühlen, um sie zu ertasten. Das klingt nach haptischer Übung im Reha-Kurs, dürfte aber für das Zielpublikum ungewöhnlich gewesen sein: Brasiliens Oberschicht lässt Handgriffe von Hausangestellten erledigen.

 

In Umhängen aus Stoffbahnen tanzen

 

Bei der Entgrenzung seiner Werke kennt Oiticica nun keine Grenzen mehr. Ab 1965 entwirft der begeisterte Samba-Tänzer Parangolés: Umhänge aus mehreren Stoffbahnen, in die man hineinschlüpfen soll, um das Zusammenspiel von Körper und Kunst zu spüren.

 

Primär-Erfahrungen vermitteln auch aufwändige Installationen, die er konstruiert. Tropicália von 1967 sieht wie ein Mini-Ferienclub aus: mit Strandsand, tropischen Pflanzen und lebenden Vögeln im Käfig. Solche Freizeit-Parks betreibt heutzutage eine lukrative Branche, aber in Brasilien lieferte der Werktitel das Stichwort für eine kulturelle Protestbewegung gegen den reaktionären machismo der Militär-Junta.

 

Erlebnislandschaft für alle Sinne

 

Zwei Jahre später stellt Oiticica in London sein persönliches Paradies aus. Éden ist eine Erlebnislandschaft für alle Sinne: Man kann barfuss über verschiedene Materialien laufen, an allerlei Dingen schnuppern, Musik hören oder auf Matratzen entspannen – allerdings in spartanischer Umgebung.

 

Nachlass geht 2009 in Flammen auf

 

1970 emigriert der Künstler nach New York. Dem Dauerkokser bekommt die große Freiheit schlecht: Fortan kreisen seine Entwürfe meist um das weiße Pulver oder wiederholen frühere Ideen. 1980 stirbt er mit nur 42 Jahren an einem Schlaganfall.

 

Doch seine Bedeutung für Brasiliens Kunst-Szene ist ungebrochen, obwohl ein Großteil seines Nachlasses 2009 in Flammen aufging. Was übrig blieb, ist im MMK zu sehen. Beispiele aus allen Schaffensphasen erlauben, seine Entwicklung nachzuvollziehen: wie rasch er von einer Form zu anderen wechselte, immer auf der Suche nach intensiven Eindrücken.

 

Kokain im Antlitz von Jimi Hendrix

 

Die verwinkelte Architektur des Museums passt perfekt zu dieser Ausstellung: Hinter jeder Ecke lauert die nächste Überraschung – bis hin zu Wänden am Treppenaufgang, die mit Oiticica-Farben getüncht sind. Warum er sie empfiehlt, lässt sich in seinen verschlungenen Theorien nachlesen: Sie werden im Katalog erstmals auf Deutsch publiziert.

 

An Oiticica kommt auch die Schirn Kunsthalle nicht vorbei. Für ihre Brasiliana-Ausstellung hat sie leider eine schwache Arbeit ausgewählt: Cosmococa CC5 (Hendrix War) dachte er sich 1973 mit dem Filmemacher Neville D'Almeida aus: Durch den Raum spannen sich Hängematten. Ringsum werden Plattencover von Jimi Hendrix an die Wände projiziert; seine Gesichtszüge sind mit Kokainlinien markiert.


Impressionen der Ausstellung "Brasiliana"

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Symbolische Wiedergeburt

 

Wie damals die beiden Koksnasen abhingen, um sich ihren Stoff und Hendrix' Gitarrensoli reinzuziehen, wird sehr anschaulich; mehr aber auch nicht. Oiticica-Weggefährtin Lygia Clark ermöglicht dagegen dem Besucher, seine eigene Empfängnis und Geburt symbolisch zu durchlaufen.

 

Das geht mit A casa é o corpo ("Das Haus ist der Körper") von 1968 ganz einfach. Obwohl der Einstieg in einen stockdunklen Kasten schwierig ist: Luftballons (Eier oder Spermien?) versperren den Weg. Ein "Geburtskanal" aus aufgeblasenem Plastik führt in den zweiten Kasten. Hier erfreuen bunte Fäden und Kugeln die Sinne, bevor man in die Außenwelt entlassen wird.

 

Sozialkritik der schlichten Art

 

Starke Reize verbreiten alle acht gezeigten Installationen; das eint sie neben ihrem Herkunftsland und Platzbedarf. Dennoch bleiben einige blass. Rio oir von Cildo Meireles lässt in der Dunkelkammer Wassergeräusche, im Spiegelkabinett lautstarkes Gelächter ertönen; beides nervt. Ernesto Neto hängt sackartige Netze auf, die er mit Gewürzen füllt. Deren Duft scheint längst verflogen; die im Raum baumelnden Beutel sind ein trister Anblick.

 

Sozialkritik der schlichten Art bietet das Dreikanal-Video Universo do Baile von Dias & Riedweg. In der Mitte prangt Brasiliens Flagge, links stammelt sich ein Transvestit durch den Verfassungstext, rechts toben Teenager bei einer outdoor party und prügeln sich mit Ordnern. Merke: Konstitutionell garantierte Bürgerrechte gelten nicht jederzeit und überall.

 

Tropfsteinhöhle aus dünnem Sperrholz

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Dokumentarfilms "Hélio Oiticica" - brillantes Künstler-Porträt von seinem Neffen Cesar Oiticica Filho

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Avante Brasil: Junge Kunst aus Brasilien” im KIT – Kunst im Tunnel, Düsseldorf

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Das Verlangen nach Form” über Neoconcretismo + zeitgenössische Kunst aus Brasilien in der Akademie der Künste, Berlin

 

Etwas subtiler geht Tunga vor: Seine Triade Trinidade besteht aus massigen Materialien wie Kübeln und Töpfen, Ketten und Stangen, einer großen Bronzeglocke und Seilen. Dieses heavy metal environment wurde am Eröffnungstag in einer Performance mit Lehm beschmiert: als sei es die Weihestätte eines archaischen Kults. Ohne zeremonielles Tamtam erscheint das Ensemble eher wie eine archäologische Ausgrabungsstätte, die erschöpft ist.

 

Die jüngsten Teilnehmer liefern hingegen die besten Beiträge. Der 40-jährige Henrique Oliveira montiert aus dünnem Sperrholz, das in Brasilien für Bauzäune verwendet wird, fantastische Kreationen: An Luftwurzeln erinnernde Gebilde umschlingen ganze Stockwerke oder Fassaden. Für die Schirn hat er eine Art Tropfsteinhöhle gebaut, die beim Betreten mit Empfindungen wie im Erdinneren aufwartet.

 

Raffiniert + sinnesfroh

 

Und Maria Nepomuceno, geboren 1976, schafft aus bunten Stricken und Stroh ihre eigene Welt. Zu organisch anmutenden Formen geflochten, ringeln sie sich über den Boden, klettern wie Tentakel die Wände empor oder bilden Gefäße, in denen Perlen verführerisch glitzern. Ein Parallel-Kosmos wie der Dschungel: Alles schillert, verändert sich ständig und ist anders, als es scheint. Das ist so raffiniert wie sinnesfroh – und von kopflastiger Konzept-Kunst so weit entfernt wie Brasilien von Deutschland.



Von Ivo Nagelweihler, veröffentlicht am 10.11.2013





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