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Attische Augenschale (Detail), um 520 v. Chr., Martin-von-Wagner-Museum der Universität Würzburg. Foto: ohe

Die Krim – Goldene Insel im Schwarzen Meer: Griechen – Skythen – Goten


Ethnische Endmoräne der Ukraine: Seit der Antike ist die Halbinsel im Schwarzen Meer eine Drehscheibe zwischen Europa und Asien. Das Landesmuseum zeigt erstmals in Deutschland prachtvolle Funde von Völkern, die man kaum dem Namen nach kennt.


Was weiß man hierzulande über die Krim? Weinliebhaber kennen Krimsekt, doch der ist ihnen meist zu süß. Geschichtskundige erinnern den Krimkrieg, in dem Russland 1853/6 gegen Großbritannien, Frankreich und das Osmanische Reich kämpfte. Oder die Konferenz im Badeort Jalta auf der Krim, die Anfang 1945 die Ost-West-Teilung besiegelte. Mehr aber wohl meist nicht.

 

Info

 

Die Krim – Goldene Insel im Schwarzen Meer:
Griechen – Skythen – Goten

 

04.07.2013 – 19.01.2014

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr,

samstags 13 bis 18 Uhr im LVR-LandesMuseum Bonn, Colmantstraße 14-16, Bonn

 

Katalog 19,90 €

 

Weitere Informationen

 

Dabei ist die Krim einer der spannendsten Kulturregionen Europas: Seit Jahrtausenden treffen hier verschiedenste Völker auf engstem Raum zusammen, befehden sich oder verschmelzen miteinander. Die atemberaubende Vielfalt ihrer Hinterlassenschaften zeigt nun das Landesmuseum Bonn anhand von rund 550 Objekten; viele kommen aus ukrainischen Museen und wurden noch nie im Westen ausgestellt.

 

Keine russischen Leihgeber

 

Was am ungesicherten Status der Krim liegen könnte: 1954 wurde sie der Ukraine angegliedert, doch ihre Bewohner sind überwiegend Russen. Sie forderten nach dem Ende der Sowjetunion lautstark bis Ende der 1990er Jahre den Anschluss an Moskau; zudem liegt die russische Schwarzmeer-Flotte im Krim-Hafen Sewastopol vor Anker. Das macht ukrainische Beteiligung an Krim-Ausstellungen im Ausland delikat: Russische Museen sind nicht unter den Leihgebern.


Interview mit Kuratorin Stephanie Müller + Impressionen der Ausstellung


 

Griechen gründen Krim-Kolonien

 

Auch ohne ihre Mithilfe ist die präsentierte Fülle überwältigend: vor allem wegen prächtiger Fundstücke von Völkern wie den Skythen, Sarmaten und Goten, von denen man in Westeuropa allenfalls die Namen kennt. Ihr hoch entwickeltes Kunsthandwerk in phantasievollen Formen ist in Deutschland fast nie zu sehen.

 

Dass die Nachwelt überhaupt über diese schriftlosen Völker unterrichtet ist, verdankt sie den alten Griechen. Ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. gründeten Auswanderer aus Hellas und Kleinasien neue Siedlungen an den Küsten der Krim: etwa Pantikapaion, das heutige Kertsch, an der Meerenge zwischen Schwarzem und Asowschen Meer; oder Chersonesos, das heutige Sewastopol, an der Südküste.

 

Halbinsel wird Kornkammer Griechenlands

 

Die griechischen Kolonien waren eigenständige Städte, organisiert wie Vorbilder im Mutterland. Um sie herum lebten Nomadenvölker: im südlichen Bergland die Taurer, über die man wenig weiß, nördlich davon die Skythen in der endlosen Steppe, die sich weit in die Ukraine und nach Russland erstreckt. Sie wurden ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. von Sarmaten verdrängt, die von Osten aus dem Ural- und südlichen Wolga-Gebiet kamen.

 

Anfangs lebten die Griechen von Fischfang und Getreide für ihren Eigenbedarf; später schickten sie Trockenfisch und Weizen ins Mutterland. Das war so lukrativ, dass bald auch Skythen sesshaft wurden, um Export-Getreide anzubauen: Die Krim wurde zu Griechenlands Kornkammer. Aus einer Rede des Demosthenes geht hervor, dass im 4. Jahrhundert v. Chr. allein die Kleinstadt Theodosia jährlich 80.000 Tonnen Weizen nach Athen lieferte.

 

Dekor beider Kulturen auf Grab-Schmuck

 

Ihr Agrarhandel im großen Stil machte Krim-Griechen und Skythen reich. Das belegen etwa kostbare Beigaben, die sich skythische Adlige ins Grab legen ließen: Waffenzier und mit Juwelen besetzter Goldschmuck tragen Dekore aus beiden Kulturen. Besonders wertvolle Stücke wurden in den letzten 20 Jahren auf dem Gräberfeld von Ust‘-Al’ma gefunden: Hier ließ sich die skythische Oberschicht der Spätzeit bestatten.

 

Die späten Skythen passten auch ihre Lebensführung an die Nachbarn an: In der Inselmitte gründeten sie ihre Hauptstadt Neapolis Skythike. Dieser Ort war keine polis selbstständiger Bürger nach griechischem Verständnis, sondern eine Herrscher-Residenz. Sie ist es bis heute: als Simferopol, die Regional-Hauptstadt der Krim.

 

Multikulti-Reichshauptstadt

 

Die Multikulti-Metropole der Krim war aber Pantikapaion. Die Stadt beherrschte ab 480 v. Chr. beide Seiten der heutigen Meerenge von Kertsch; als Zentrum des „Bosporanischen Reichs“ war sie Athens wichtigster Handelspartner. 110 v. Chr. wurde sie Angriffen von Skythen nicht mehr Herr und unterwarf sich dem pontischen König Mithridates VI. Eupator. Als „Hannibal des Ostens“ trotzte er lange der antiken Weltmacht Rom.

Bosporanisches Reich so alt wie Rom

 

Im Jahr 17 n. Chr. wurde das Bosporanische Reich ein Klientelstaat Roms und blieb es 330 Jahre lang. Währenddessen vermischte sich die Eliten der Griechen und Sarmaten: Das Heer wurde nach sarmatischem Vorbild umorganisiert, die Herrscher verwendeten als Embleme so genannte Tamga-Zeichen der Steppenvölker. Als das Bosporanische Reich Ende des 4. Jahrhunderts zerfiel, hatte es mehr als 800 Jahre bestanden – wie Westrom.

 

In der Spätantike wurden neue Völker vom Reichtum der Krim angelockt: Nach Thrakern und Kelten kamen Hunnen und Goten; erstere von Osten, letztere von Nordwesten. Auch ihre Präsenz ist archäologisch gut belegt: etwa durch aufwändig gearbeiteter Silber-Schnallen und Fibeln mit stilisierten Adler-Köpfen, mit denen Frauen ihre Gewänder verzierten.

 

Gotisches Fürstentum bis 1475

 

Einige gotische Gruppen konnten sich gegen den Hunnen-Ansturm behaupten. Als die Krim unter Kontrolle des oströmischen Reichs stand, gründeten Goten an der Südspitze ein kleines Fürstentum, das sich bis 1475 halten konnte. Da beherrschten längst Genueser und Venezianer die Küsten, dagegen Krimtataren das Inselinnere.

 

Tummelplatz der Völker und Schmelztiegel der Einflüsse aus allen Himmelsrichtungen: Die antike Krim hatte sogar Handelskontakte nach Ostasien. Das beweisen chinesische Lack-Kästchen aus dem 2. Jahrhundert v. Chr., die man in Ust‘-Al’ma ausgrub. Drei restaurierte Exemplare werden vorgeführt; sie dürften reichen Skythinnen als beauty case gedient haben. Die teuren gadgets wurden nicht direkt auf der Seidenstraße importiert, sondern wechselten mehrmals den Besitzer, bevor sie nach langer Reise die Krim erreichten.

 

Letzte Ausfahrt der Steppen-Autobahn

 

Hier endete die Tausende Kilometer langen Steppen-Autobahn, die Mittelasien mit Osteuropa verbindet. Eine „ethnische Endmoräne“ nennt der britische Publizist Neil Ascherson treffend die Krim: Auf der Halbinsel lagern sich seit Jahrtausenden Spuren aller Völker ab, die auf Wanderschaft waren und dort hängen blieben.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Kykladen – Lebenswelten einer frühgriechischen Kultur“  im Badischen Landesmuseum, Schloss Karlsruhe

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Antike Welten“ mit Meisterwerken der griechischen + römischen Kunst im Alten Museum, Berlin

 

und hier einen kultiversum-Bericht über die Ausstellung „Amazonen – Geheimnisvolle Kriegerinnen“ über Skythen-Frauen als ihre realen Vorbilder im Historischen Museum der Pfalz, Speyer.

 

Die Krim war aber nicht nur End-, sondern auch Anfangspunkt: für eine grundlegende und ungemein folgenreiche Unterscheidung. Nämlich die zwischen „Kultur“ oder „Zivilisation“ und „Barbarei“: Hier trafen die antiken Griechen erstmals auf Menschen, deren Sprache und Lebensweise sie überhaupt nicht verstanden. Dieser Andersartigkeit begegneten sie zunächst voll Achtung.

 

Bestmögliche Kriegslist der Skythen

 

Der Geschichtsschreiber Herodot nannte die Nomaden in der Steppe „unerreichbar“, was die bestmögliche Kriegslist sei: „Es ist unmöglich, jemanden zu fassen, wenn er sich nicht finden lassen will.“ Insofern fiel den Neuankömmlingen friedliche Koexistenz mit diesen Fremden nicht schwer, zumal sie bald zur gewinnbringenden Handelspartnerschaft wurde. Erst nach den Perserkriegen galt „barbarisch“ als schlecht; seither soll jeder, den man dafür hält, nolens volens zivilisiert werden.

 

Auf der Krim unternahm Stalin den bisher letzten dieser Versuche. 1944 ließ er alle Krimtataren nach Zentralasien deportieren, weil er sie fälschlich der Kollaboration mit den Nazis bezichtigte. Erst seit 1988 dürfen sie zurückkehren; heute stellen sie etwa ein Zehntel der Halbinsel-Bewohner.

 

Was Aschersons Diagnose bestätigt: „Die Krim ist ein Ort des Ankommens und Wegziehens; sie sah schon viele Siedler kommen und, manchmal Jahrhunderte später, wieder gehen. Diese Halbinsel, wo jeder in irgendeiner Weise ein Einwanderer ist, kann niemand je wirklich besitzen.“



Von Wibke Weishaupt, veröffentlicht am 17.12.2013





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