
Exil macht redselig. In Abbas Kiarostamis letzten beiden Filmen, die im Ausland entstanden sind, wird wahrscheinlich mehr gesprochen als in all seinen früheren zusammen. Obwohl seine im Iran gedrehten Werke keineswegs wortkarg waren: Manchmal debattierten die Protagonisten ausgiebig und tiefschürfend existentielle Fragen.
Info
Like Someone in Love
Regie: Abbas Kiarostami,
108 Min., Japan/ Frankreich 2012;
mit: Rin Takanashi, Tadashi Okuno, Ryo Kase
Wankelmütiges girlie als Callgirl
In „Like Someone in Love“ geht es genauso geschwätzig zu; was umso mehr auffällt, weil das Personal kaum so geistreich parliert wie Binoche und Shimell in ihren vor Esprit funkelnden Rededuellen. Das sollte man den Beteiligten nachsehen: Studentin Akiko (Rin Takanashi) verdient sich als Callgirl etwas hinzu, ist aber ein wankelmütiges girlie. Wenn sie unsicher ist, was oft vorkommt, muss sie ihre Freundin um Rat fragen.
Offizieller Filmtrailer, Englisch untertitelt
Escort lady mit Suppe + Wein bewirten
So hat ihr Zuhälter seine liebe Mühe, sie zu ihrem nächsten Kunden zu bugsieren. Akiko fühlt sich eher verpflichtet, ihre Oma aus der Provinz zu treffen, die für einen Tag nach Tokio angereist ist, lässt sich aber schließlich breitschlagen. Nach langer Taxifahrt in eine Vorstadt landet sie bei Herrn Takashi (Tadashi Okuno): Der pensionierte Soziologie-Professor empfängt sie in seiner Wohnung voller Bücher.
Als Galan alter Schule hat er Suppe gekocht und will mit seiner escort lady bei einem Glas Wein plaudern, doch die müde Akiko schläft bald ein. Das weckt beim Gastgeber väterliche Instinkte: Am nächsten Morgen kutschiert er sie zur Uni. Dort treffen beide auf ihren eifersüchtigen Freund Noriaki (Ryo Kase); ihm stellt sich Takashi als Akikos Großvater vor.
Ladehemmung bei allen Akteuren
Da Takashis Wagen streikt, repariert Noriaki ihn in seiner Auto-Werkstatt. Nach einigem Hin und Her treffen die Hobby-Hure und ihr Pseudo-Opa wieder in dessen Haus ein. Hier muss Akiko die langatmige Tirade einer neugierigen Nachbarin über sich ergehen lassen, die behauptet, sie hätte den alten Herrn einst geliebt und beinahe geheiratet. Bis sich unversehens die Handlung überschlägt: Noriaki entpuppt sich als ungestümer Mann der Tat.
Hintergrund
Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit
Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Die Liebesfälscher - Copie Conforme" - Liebesdrama mit Juliette Binoche von Abbas Kiarostami
und hier einen Bericht über den Film "Guilty of Romance" - brillanter japanischer Erotik-Psycho-Thriller von Sion Sono
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Stille und bewegte Bilder" mit Fotografien von Abbas Kiarostami in Bochum, Wiesbaden + Chemnitz.
Behäbig dahinplätschern wie das Leben
Als sarkastischer Kommentar zur Welt der käuflichen Liebe ist das ganz treffend. Keiner kriegt, was er erhofft: Das leichte Mädchen kein schnelles Geld bei unkomplizierten dates, der rüstige Rentner kein prickelndes Schäferstündchen und der aufbrausende Mechaniker keinen Kontakt zur Familie seiner Verlobten. Stattdessen verheddern sich alle in einem Netz aus Notlügen, aufkeimenden Sympathien, Verantwortungsgefühl und Verpflichtungen.
Das breitet der Film in Sequenzen aus, die so behäbig dahinplätschern wie wahres Leben: Dass sich Handlung raffen lässt, ignoriert Kiarostami. Geduldig folgt die Kamera dem Wagen des Professors, wenn er im Schritttempo durch die Straßen schleicht; hört Akiko zehn Nachrichten ihrer Oma auf dem Handy ab, wird kein Räuspern ausgelassen.
Völlig auf Mimik konzentriert
Angeblich hat der Regisseur während der Dreharbeiten genossen, dass er kein Wort von den japanischen Dialogen seiner Darsteller verstand; so konnte er sich völlig auf ihre Mimik konzentrieren. Das mag für ihn beim Aufnehmen die reine Freude gewesen sein; beim Zusehen weniger.