Frankfurt am Main

Esprit Montmartre. Die Bohème in Paris um 1900

Henri Evenepoel: Le Café d’Harcourt à Paris, 1897, Öl auf Leinwand, 114 x 148 cm. Städel Museum. Fotoquelle: Schirn Kunsthalle Frankfurt
 

Riesiger Kontakthof der Elendsprostitution

 

Ihnen bot das Nachtleben einen unerschöpflichen Fundus von Sujets: nicht nur die Glitzerwelt der Fassaden und Shows, sondern auch die comédie humaine der Amüsierwütigen. Ausgelassenes Treiben und Champagnerlaune hielten Maler ebenso häufig fest wie verkaterte Ernüchterung und Delirien der Trunksüchtigen. Und natürlich Flirt, Balz und Anmache; die tausend Facetten des Spiels zwischen den Geschlechtern.

 

Montmartre galt auch als riesiger Kontakthof für käufliche Liebe. Elendsprostitution war allgegenwärtig; Frauen verdienten in einfachen Tätigkeiten nur halb so viel wie Männer. "Alle Welt sieht, dass der Verdienst der Frauen in Paris nicht zum Leben reicht", klagte der Schriftsteller Émile Zola an: "Die Arbeiterin kann zwischen zwei Möglichkeiten wählen: entweder Prostitution oder Hunger und langsamer Tod."

 

Toulouse-Lautrec wohnte im Bordell

 

Eine Damen-Wahl besonderer Art fand jeden Montag auf der Place Pigalle statt. Dort boten junge Mädchen bis 21 Jahre sich als Modelle für Maler an; rund 600 sollen es um 1890 allwöchentlich gewesen sein. Wie weit ihre Dienste gingen, lassen drastische Akte in der Ausstellung ahnen: Von Picasso ist eine Cunnilingus-Darstellung zu sehen, selbst van Gogh ist mit einer expliziten Sex-Kohlezeichnung vertreten.

 

Degas fertigte eine ganze Serie von Radierungen mit Bordell-Szenen an, in denen Frauen freimütig und selbstbewusst auftreten. Toulouse-Lautrec wohnte zeitweilig in einem Bordell und freundete sich mit den Angestellten an. Für ihn waren die Amüsierbetriebe nicht nur Anregung, sondern auch Einkommensquelle: Er entwarf Werbeplakate für cabarets.

 

Reiseführer für ausländische Erlebnishungrige

 

Neue fotomechanische Verfahren erlaubten, Zeichnungen direkt auf Papier zu drucken; allerdings ohne Schattierungen. Doch dafür war der flächige Stil von Toulouse-Lautrec und den Nabis-Künstlern ideal. Mit ihrer Betonung der Linie grenzten sie große Flächen in Kontrastfarben voneinander ab; Schrift wurde verschlungen mit Motiven kombiniert. So entstanden Plakate und Buch-Illustrationen, die das Bild der Belle Époque prägen sollten.

 

Was unzählige Erlebnishungrige anlockte: Um sich in Montmartre zurecht zu finden, konnten sie schon um 1900 unter einem Dutzend Reiseführer wählen. Manche richteten sich speziell an "ausländische Touristen", andere lockten mit eindeutig zweideutigen Titeln wie Guide secret des plaisirs parisiens ("Heimlicher Führer zu Pariser Freuden"). Fragt sich, ob es dabei stilvoller zuging als bei heutigem Spektakel-, Sauf- und Sex-Tourismus.

 

Von blauer Periode zum Kubismus

 

Die meisten Schaulustigen kamen kaum der Malerei wegen. Ohnehin gab es keinen typischen Montmartre-Stil, wie die Schau vorführt: Jeder Künstler pflegte seine eigene Handschrift. Die erste Generation zwischen 1880 und 1890, etwa die Katalanen Ramon Casas und Santiago Rusiñol, malten ihre Porträts und Straßenecken in aufgelockert tonigem Realismus. Ebenso Théophile-Alexandre Steinlen, der sich vor allem den Armen und Ausgestoßenen widmete.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Pablo Picasso: Frauen – Stiere – Alte Meister" im Kupferstichkabinett, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "1912 – Mission Moderne" - Rekonstruktion der "Jahrhundertschau des Sonderbundes" mit Werken von Van Gogh, Cezanne + Picasso im Wallraf-Richartz-Museum, Köln

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Daumier ist ungeheuer!“ über Honoré Daumier als Chronist von Paris im 19. Jahrhundert im Max Liebermann Haus, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Visions of Modernity" - Impressionismus und Klassische Moderne mit Werken von Van Gogh, Picasso + Modigliani im Deutsche Guggenheim, Berlin.

 

Félix Valloton und Pierre Bonnard kultivierten das Flächige bis nahe an die Abstraktion. Kees van Dongen und Alexis Mérodack-Janneau setzten dagegen wie die Fauvisten auf grobe Umrisse und starkfarbige Formen; sie fanden viele ihrer Motive im Zirkus. Wie Picasso, der acht Jahre lang in Montmartre lebte: Hier durchlief er die blaue wie rosa Periode und malte 1907 sein erstes kubistisches Bild, Les Desmoiselles d'Avignon.

 

Trödler werden Kunsthändler

 

Eine Ausnahmeerscheinung war Suzanne Valadon. Anfangs Modell und Geliebte von Malern wie Renoir und Toulouse-Lautrec, wurde sie autodidaktisch zur anerkannten Künstlerin. Ihren nüchternen Frauen-Akten fehlt die plüschige Frivolität vieler Werke männlicher Kollegen; sie wirken mit ihrer kühlen Detailtreue fast neusachlich.

 

Valadons Bilder kaufte ab 1900 der renommierte Kunsthändler Ambroise Vollard: Montmartre wurde auch zur Wiege des modernen Galeriebetriebs. Wobei viele Händler anfangs bessere Trödler waren, die Gemälde für wenig Geld in Zahlung nahmen, damit sich mittellose Künstler Essen und Farben leisten konnten. Das Gewerbe professionalisierte sich jedoch rasch mit wachsendem Prestige der Gegend – bis sie im Ersten Weltkrieg ausblutete und viele Akteure fortzogen.

 

Andrang wie in Montmartre-Gassen

 

Den Charakter des einstigen Künstler-Mekkas verdeutlicht die Schirn mit einer kongenialen Ausstellungs-Architektur. Ein langer Raumteiler zerschneidet den Saal in zwei gewundene Gassen, in denen es bei großem Andrang zugeht wie auf dem Hügel selbst: Überall hört man Getuschel und Gelächter, dauernd läuft jemand einem in die Arme oder versperrt die Sicht auf die Exponate.

 

Sie sind thematisch gruppiert – aber in harten Kontrasten. Neben friedlichen Stadtansichten hängen freizügige Akte und Bordell-Interieurs, an beschwingte Gruppen in Feierlaune grenzen Schnapsleichen, und nach bunten Zirkus-Momenten folgen düstere Elendsgestalten: das ganze Panoptikum, das einem wohl vor 100 Jahren in Montmartre begegnet wäre. Nur wird nicht an jeder Ecke Absinth ausgeschenkt.


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