Jem Cohen

Museum Hours

Johann (Robert "Bobby" Sommer) ist ein Museumswärter im prächtigen Kunsthistorischen Museum in Wien. Foto: Arsenal Filmverleih
(Kinostart: 10.4.) Heute wieder Ruhetag: Ein Museumswärter und eine kanadische Touristin lassen sich plaudernd durch Wien treiben. Derweil filmt Regisseur Jem Cohen, was ihm vor die Linse kommt – er agiert so planlos wie seine Protagonisten.

Wien ist der Turbomodernisierung bisher erfolgreich entgangen; hier geht es nicht so grell und hektisch zu wie in anderen Metropolen. Das mag auch an Wiens ausgedehnter Museums-Landschaft liegen. Museen sind Zonen der Entschleunigung und Kontemplation; wem es pressiert, der hat von ihnen wenig.

 

Info

 

Museum Hours

 

Regie: Jem Cohen,

106 Min., Österreich/ USA 2012;

mit: Robert Sommer, Mary Margaret O’Hara, Ela Piplits

 

Website zum Film

 

Den Wienern sagt man ohnehin nach, sie seien eher bedächtig, gemütlich und zuweilen grantig. Museen und Wiener passen also perfekt zusammen. Kein Wunder, dass der kanadische Filmemacher Jem Cohen „Museum Hours“ in Österreichs Hauptstadt ansiedelt. Genauer: im Kunsthistorischen Museum (KHM), dessen Kollektion Alter Meister zu den größten und bedeutendsten der Welt zählt.

 

Ex-Tourmanager bewacht Bilder

 

Hier arbeitet Johann (Robert „Bobby“ Sommer) als Museumswärter. Der unscheinbare Junggeselle hatte schon aufregendere Jobs: In den 1970er Jahren tourte er als Manager mit Rockbands durch halb Europa, später brachte er Berufsschülern Holz-Verarbeitung bei. Nun schleicht er durch Säle, passt auf die Besucher auf und betrachtet Kunstwerke.


Offizieller Filmtrailer (engl.)


 

Gemälde nur als Schnittbilder

 

Eines Tages fällt ihm die gleichaltrige Anne (Mary Margaret O’Hara) auf, weil sie leicht verwirrt wirkt. Sie ist aus Montreal überstürzt nach Wien gereist, um sich um ihre Cousine zu kümmern, die komatös im Spital liegt. Anne versteht kein Deutsch, war noch nie in der Stadt und hat wenig Geld; Johann nimmt sich ihrer an.

 

Aus dieser Zufallsbekanntschaft könnte etwas werden, zumal Anne im KHM ihr Faible für Ölgemälde entdeckt. Doch dafür interessiert sich Regisseur Cohen nur als locker eingestreute Schnittbilder. Damit Kunst überhaupt eine Rolle spielt, muss Ela Piplits vor Museums-Besuchern einen ellenlangen Vortrag über Nebenfiguren auf Wimmelbildern von Pieter Bruegel d. Ä. halten – so fesselnd wie eine Standard-Führung am Sonntagnachmittag.

 

Plaudereien vom Hölzchen aufs Stöckchen

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung "Tat Ort Museum"  - über Aktivitäten eines Museums zum 150. Jahrestag im Wallraf-Richartz-Museum, Köln

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Brueghel – Gemälde von Jan Brueghel d. Ä." - mit Werken seines Vaters Pieter Bruegel d. Ä. in der Alten Pinakothek, München

 

 

und hier einen Beitrag über den Film "Die Mühle und das Kreuz" - Verfilmung eines Gemäldes von Pieter Bruegel d. Ä. durch Lech Majewski.

 

Ansonsten streunt die Kamera durch Wien und lichtet ab, was ihr vor die Linse kommt: Passanten an Bushaltestellen, Tauben im Park, Kippen im Rinnstein. Eingänge, Ausfahrten, Fassaden-Details oder Trödel auf dem Flohmarkt – in immer neuen Varianten, denn die Stadt ist ja groß. Dass ständig eine dichte Wolkendecke über dem Schneematsch am Boden hängt, die alles in diffus bleiches Licht taucht, erhöht den Reiz dieser Moment-Aufnahmen nicht.

 

Auf Bildern wie im Straßenleben schätze er Nebensächliches, sagt Cohen. Und offenbar auch in Dialogen: Die Plaudereien von Johann und Anne plätschern so dahin; sie kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen. Beide sind weder beschränkt noch borniert, doch ebenso wenig geistreich: zwei drifters von beiden Seiten des Atlantiks, die ihr Außenseiter-Dasein leben, wie es eben kommt.

 

Besser ins nächste Museum gehen

 

Das dürfte sie für Regisseur Cohen attraktiv machen: Sie agieren so planlos, wie der gesamte Film durch die Gegend mäandert. Als Repräsentanten eines Lebensstils, der früher einmal „alternativ“ genannt wurde: Spontan bleiben, sich bloß nicht festlegen, plötzlichen Eingebungen folgen und unberechenbar sein – für sich selbst und andere. Nach dem Motto: Niemand kommt so weit wie derjenige, der nicht weiß, wohin er will.

 

Was für Lebensläufe stimmen mag, bei Filmen weniger: Die Szenen im Museum und Streifzüge durch die Stadt verbindet praktisch nichts. Kunst und Leben bleiben säuberlich getrennt. Sich durch fremde Städte treiben zu lassen, ist für Touristen toll – aber nicht für diejenigen, die sich hernach ihre Schnappschüsse angucken müssen. Die gut 100 Minuten, die „Museums Hours“ dauert, verbringt man besser im nächstgelegenen Museum.