Klicken Sie für einen Ausdruck bitte hier oder benutzen Sie manuell die Druckfunktion Ihres Browsers.



Gisèle Freund : Selbstporträt mit Rolleiflex (Detail), London, 1952, © IMEC, Fonds MCC. Fotoquelle: Akademie der Künste, Berlin

Gisèle Freund – Fotografische Szenen und Porträts


Porträtistin des Geistes: Als Freundin von Benjamin, Virginia Woolf, Frida Kahlo, Sartre, de Beauvoir etc. schuf Gisèle Freund moderne Ikonen; ihre Fotos von Eva Perón lösten eine Staatskrise aus. Die Akademie der Künste zeigt ihr Œuvre in 280 Aufnahmen.


„Glauben Sie nicht, dass es ausreicht, auf einen Knopf zu drücken!“, wies die Porträtfotografin Gisèle Freund (1908-2000) einmal Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre zurecht. Das Starphilosophen-Paar hatte der Fotografin nur fünf Minuten für einen Termin gewährt. Freund schickte Beauvoir eine Aufnahme mit der Anmerkung: Wenn sie gelungen sei, liege dies daran, dass sie ihre Gesichter bereits gut kenne – für ernsthaftes Arbeiten sei keine Zeit gewesen.

 

Info

 

Gisèle Freund – Fotografische Szenen und Porträts

 

23.05.2014 – 10.08.2014

täglich außer montags

11 bis 19 Uhr

in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Freund war ein starker Charakter mit klarem Blick und sehr begabt im Umgang mit Menschen; das zeigt die Ausstellung in der Akademie der Künste anhand von 280 Farb- und Schwarzweiß-Aufnahmen von 1935 bis 1965. Ihre Anordnung in 14 Abteilungen entspricht je einem Personen- oder Themenkreis von Freunds berühmten Porträt-Serien und Reportagen.

 

Pionierin der Farbfotografie

 

Die gebürtige Berlinerin jüdischer Herkunft, die 1933 nach Frankreich und im Zweiten Weltkrieg nach Argentinien auswanderte, verstand sich als Foto-Journalistin. Sie war eine Pionierin der Farbfotografie; solche Filme benutzte sie schon in den 1930er Jahren. Ihre Reportagen wurden häufig vom Life Magazine und anderen namhaften Illustrierten gedruckt.


Impressionen der Ausstellung


 

Simone de Beauvoir auf Bett hingestreckt

 

Berühmt wurde Freund als Erzählerin persönlicher Geschichten in Bildern. Ihre Porträts zeigen Künstler und Literaten, mit denen sie häufig eng befreundet war; man hat sie eine „Porträtistin des Geistes“ genannt. In ihrer Dokumentation von Pariser Bibliotheken, die in der Schau gezeigt wird, gelingen ihr jedoch die eindrucksvollsten Aufnahmen von Kindern; deren Verhalten ist schwierig festzuhalten.

 

Bei Freund verbindet sich ein scharfer Blick für Haltung und Mimik mit Talent für das Erfassen lebendiger Bewegung. So präsentiert sie Simone de Beauvoir als schöne junge Frau mit hellem Lippenstift, verträumt am Fenster sitzend oder auf einem Bett hingestreckt. Sie zeigt die Malerin Frida Kahlo als feuerrot gewandete Prinzessin im Rollstuhl; gespiegelt zwischen ihrem Arzt, der hinter ihr steht, und dem Porträt ihres Vaters, an dem sie malt.

 

André Breton im lila Jackett

 

Oder die Schriftstellerin Virginia Woolf als schüchterne feine Dame in spätviktorianischem Interieur; Jahre später – nach ihrem Freitod – ihren gealterten Gatten Leonard neben dem Schreibtisch, an dem sie früher gearbeitet hatte. Oder den jungen, noch unbekannten Autor Vladimir Nabokov, wie er in einem Schweizer Park laut lacht. Oder den herausfordernden Blick des Ober-Surrealisten André Breton; er thront im lila Jackett zwischen Kunstschätzen in seiner Wohnung.

 

Zweimal ist Freund aus der Emigration nach Berlin zurückgekehrt: 1957 und 1962. Einige der dabei entstandenen Aufnahmen sind ebenfalls ausgestellt. In Ostberlin wird die Stalinallee gebaut; eine Lehrerinnen-Brigade klopft Steine. Am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow ist es windig.

Erste Leica von Papa zum Abitur

 

In Westberlin spähen ältere Herrschaften in die Schaufenster einer Konditorei. Derweil entsteht im Hansaviertel ein Muster-Quartier der Internationalen Bauausstellung: Wohnblocks und Punkt-Hochhäuser nach Plänen des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer. 1962 wird am Potsdamer Platz die Mauer ausgebaut.

 

Aufgewachsen als behütete, gebildete Bürgertochter in Berlin-Schöneberg, erwirbt Freund später die Lebenserfahrung einer Abenteurerin und entwickelt die Menschenkenntnis einer Diplomatin. Ihr Vater hat ihr zum Abitur eine Leica geschenkt. Sie steht der KPD nahe und studiert Soziologie bei Karl Mannheim und Max Horkheimer. Ab 1931 promoviert sie in Paris über ein fotohistorisches Thema; nach der NSDAP-Machtübernahme 1933 bleibt sie dort.

 

„Machen Sie mich unsterblich!“

 

Kurz vor dem Einmarsch deutscher Truppen flieht Freund 1940 erst nach Südfrankreich und dann nach Buenos Aires. Von Südamerika ist sie begeistert; Freund bereist und fotografiert Patagonien, Chile und Mexiko. 1947 tritt sie der neu gegründeten Foto-Agentur „Magnum“ bei, muss aber 1954 austreten, da sie in der McCarthy-Ära als Sozialistin diffamiert wird. Von da an bleibt sie in Paris.

 

„Machen Sie mich unsterblich!“: Mit dieser Forderung gewährt ihr 1950 Eva Perón einen Termin. Freund fotografiert Argentiniens damalige First Lady als moderne Cleopatra mit Bergen von Pelzen und Schmuck, bei der Maniküre und vor einem riesigen Frisierspiegel. Evita ordnet Papiere, während ihr Friseur respektvoll wartet. Dann setzt sie einen Hut auf und wendet der Kamera ihr Profil zu.

 

Flucht vor Propaganda-Minister Argentiniens

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Margaret Bourke-White: Fotografien 1930 bis 1945“ – Retrospektive der Foto-Reporterin von Life + Fortune im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Brassaï Brassaï. Im Atelier & Auf der Straße“ mit Künstler-Porträts aus Paris im Museum Berggruen, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Walter Benjamin: Eine Reflexion in Bildern“ in der Pinakothek der Moderne, München

 

und hier einen kultiversum-Bericht über die Ausstellung „Frida Kahlo – Retrospektive“ im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

 

Das war sehr persönlich, intim und glamourös – und widersprach völlig dem Image von Evita als „Wohltäterin der Armen“ im Rahmen der linkspopulistischen Politik ihres Mannes Juan Perón. Als sein Propaganda-Minister die Bilderserie zu sehen bekam, musste die Fotografin schleunigst das Land verlassen; das Life Magazine wurde in Argentinien verboten.

 

Die Negative schmuggelt Freund ins Ausland; sie haben das Image von Evita Perón weltweit geprägt und dazu beigetragen, sie nach ihrem frühen Tod 1952 „unsterblich“ zu machen. Freund geht ins „Land der Kontraste“ nach Mexiko und dokumentiert dort die revolution on canvas eines berühmten Künstler-Paars: den muralismo von Diego Rivera und die Malerei von Frida Kahlo. Beide werden ihre engen Freunde.

 

James Joyce im Garten mit Enkel + Hund

 

Durch persönliche Freundschaften kommen einige von Freunds besten Aufnahmen zustande – die nicht unbedingt diejenigen Bilder sind, die zu ikonischen Porträts wurden. Das Foto von Walter Benjamin in strenger Denkerpose, das jeder seiner Leser kennt, hat sie in der Pariser Bibliothèque Nationale gemacht. In der Schau ist es inmitten weiterer Aufnahmen zu sehen, die sie von ihm anfertigte. Die Serie vermittelt einen völlig anderen Eindruck seiner Haltung und Mimik; manchmal lächelt er sogar.

 

1938 darf Freund als einzige Fotografin Porträtaufnahmen des still sitzenden, Schmerzen leidenden James Joyce machen; er gestattet ihr das, da sie „hartnäckiger als ein Ire“ sei. Sie lichtet Joyce auch im Garten seines Sohnes ab, mit seinem kleinen Enkel und Hund. Im Liegestuhl ausruhend, scheint sein sanfter, müder Blick zu sagen, es sei nun genug. Als die junge Fotografin zwei Jahre später emigrieren muss, stirbt Joyce in einer Klinik in Zürich.



Von Viola Nordsieck, veröffentlicht am 14.07.2014





URL zu diesem Artikel: https://kunstundfilm.de/2014/07/gisele-freund-fotografien/

Kurz-URL zu diesem Artikel: /wp.me/p1TwZ4-68P