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Friedrich Wilhelm Kleukens: Der Kuss (Detail), 1914, Mosaikbild in der Eingangshalle des Hochzeitsturms. Fotoquelle: Institut Mathildenhöhe Darmstadt

Dem Licht entgegen – Die Künstlerkolonie-Ausstellung 1914


Todeskuss für den Traum vom Gesamtkunstwerk: Die Künstlerkolonie-Ausstellung 1914 fiel dem Ersten Weltkrieg zum Opfer. Mit ihr starb der Jugendstil als Versuch, das Leben künstlerisch zu gestalten; das zeigt die Gedenkschau der Mathildenhöhe.


Selten wurde eine mit solchem Aufwand inszenierte Kunst-Schau so brutal abgebrochen. Am 16. Mai 1914 war die vierte und letzte Künstlerkolonie-Ausstellung auf der Mathildenhöhe feierlich eröffnet worden: Schülerinnen der Lebensreform-Tänzerin Elizabeth Duncan trugen in wallenden Gewändern ein für diesen Anlass geschriebenes „Festspiel“ vor.

 

Info

 

Dem Licht entgegen –
Die Künstlerkolonie-Ausstellung 1914

 

17.05.2014 – 14.09.2014

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr

im Museum Künstlerkolonie, Olbrichweg 15, Institut Mathildenhöhe Darmstadt

 

Katalog 5 €

 

Weitere Informationen

 

Danach bat Großherzog Ernst Ludwig, Gründer und Mäzen der Künstlerkolonie, zum Gala-Diner. Alles von der Saal-Einrichtung über Tischgedecke bis zur Weinkarte hatten Mitglieder der Kolonie entworfen: Ihr Gesamtkunstwerk kündete von einer schöneren, freieren, harmonischeren Lebensweise. Deren Ausprägung in allen Details konnten die Gäste in Pavillons ringsum bewundern.

 

Aus am ersten Tag nach Kriegsausbruch

 

Aber nur zehn Wochen lang: Am 1. August brach der Erste Weltkrieg aus. Tags darauf schloss die Ausstellung, die bis Oktober geplant war; alle temporären Bauten wurden demontiert. Das jähe Ende der Schau begrub auch die Künstlerkolonie – nach Krieg und Abdankung des Fürsten war das Konzept hinfällig – und den Jugendstil in Deutschland: Für kostspielige Einzelstücke fehlten die Käufer. Das Zeitalter billiger Massenproduktion brach an.

Interview mit Direktor Ralf Beil und Impressionen von Ausstellung + Mathildenhöhe


 

Vaterländische Abende statt Kunst + Tanz

 

Dieses traurige Schicksal teilte die Ausstellung mit anderen: etwa der Werkbund-Schau in Köln und derjenigen für Buchgewerbe und Grafik (Bugra) in Leipzig. Solche Mammut-Spektakel waren um 1900 beliebt. Nach dem Erfolg von Weltausstellungen wollten auch Künstler mit Leistungsschauen ihr Wirken dem Publikum nahe bringen; dazu lockten benachbarte Vergnügungsparks. Dem machte der Krieg den Garaus: Kultur und Tanz wurden durch „Vaterländische Abende“ abgelöst.

 

Doch im Unterschied zu anderen ist von der vierten Künstlerkolonie-Ausstellung manches geblieben, was bis heute die Mathildenhöhe bereichert und schmückt. Obwohl ihr Gründungsdirektor Josef Maria Olbrich bereits gestorben war: Der geniale Jugendstil-Architekt hatte vor der dritten Kolonie-Präsentation 1908 zwei Großbauten errichtet, die das Erscheinungsbild bis heute prägen.

 

Orthodoxe Kirche für Zar Nikolaus II.

 

Links neben der breiten Ausstellungshalle, der derzeit saniert wird, erhebt sich der Hochzeitsturm von 1906; ein Geschenk der Stadt an Ernst Ludwig aus Anlass seiner zweiten Heirat. Der Turm mit unverputzter Backstein-Fassade, ums Eck laufenden Fensterbändern und fünf markanten Dach-Bögen gilt als Vorläufer expressionistischer Architektur; er wurde Darmstadts Wahrzeichen.

 

Auch das älteste Gebäude des Areals erinnert an die Verwandtschaft des Großherzogs. Seine Schwester Alix ehelichte den letzten russischen Zaren Nikolaus II.. Der wollte bei Besuchen nicht auf ein orthodoxes Gotteshaus verzichten: Er finanzierte bis 1897 den Bau einer Russischen Kapelle nach Plänen aus Sankt Petersburg. Das gedrungen kitschige Kirchlein mit drei Türmchen und Goldhauben wirkt auf der Mathildenhöhe wie eine deplatzierte Bonbonniere.

 

Zerlegbares Ferienhaus + Schwanen-Tempel

 

Aus dieser disparaten Gebäude-Ansammlung formten erst Ergänzungen zur Ausstellung 1914 ein geschlossenes Ensemble. Südlich der Russischen Kapelle erstellte Architekt Albin Müller, der nach Olbrichs Tod 1908 die Kolonie-Leitung übernommen hatte, ein zerlegbares Fertighaus aus Holzteilen; es ließ sich in drei Tagen aufbauen. Daneben stand sein Garten-Pavillon mit Keramik-Verkleidung und Schwäne-Dekor; dieser „Schwanen-Tempel“ ist gänzlich erhalten.

 

Völlig durch Bomben 1944 zerstört wurde dagegen Müllers Hauptwerk: eine Gruppe von acht Miethäusern mit klarer, klassizistischer Fassaden-Gliederung und 37 Wohnungen am Osthang der Mathildenhöhe. Drei der Häuser waren komplett eingerichtet und für die Ausstellung geöffnet – wie die Musterhäuser, mit denen Bauträger um Kunden werben. Vom Krieg unversehrt blieb nur sein angrenzendes Atelierhaus; den Proto-Bauhaus-Kasten nutzt inzwischen die Universität.

 

Buckelnde Löwen auf Eingangstor

 

Vor der Russischen Kapelle legte Albin Müller ein langes Brunnenbecken an, dessen Fliesen stilisierte Lilien- und Wellen-Motive zieren; es ist vorhanden, sollte aber gründlich gereinigt werden. In der Ausstellung stellte es die Verbindung zum Eingang am „Löwentor“ her: Auf hohen Doppelsäulen von Miller, zwischen denen Metall-Reliefs angebracht waren, kauerten buckelnde Löwen – die bizarr abweisenden Skulpturen hatte Bernhard Hoetger geschaffen.

 

Hoetger war damals ein bekannter Bildhauer, dessen Werke zwischen ruhiger Glätte à la Aristide Maillol und Expressivität wie von Auguste Rodin changierten; bei der legendären Sonderbund-Schau 1912 in Köln war er mit 18 Arbeiten vertreten. Auf der Mathildenhöhe durfte er seine Werke nördlich von Russischer Kapelle und Wasserbecken im Platanenhain ausbreiten.

 

Vier Reliefs mit Gauguin-Gestalten

 

Er schuf dafür zwei Portalpfeiler, eine Brunnengruppe, ein Schaugrab, vier mannshohe Steinreliefs und mehrere Kleinplastiken. Bemerkenswert sind vor allem die Reliefs zu den Themen Frühling, Sommer, Schlaf und Auferstehung: Sie reihen stehende und hockende Gestalten mit asiatischen Zügen, die an Bilder von Paul Gauguin erinnern, in anmutiger Symmetrie aneinander.

Eklektische Multikulti-Religiösität

 

Hoetgers Grabmal, das er der 1907 gestorbenen Malerin Paula Modersohn-Becker widmete, kehrt das Pièta-Schema um: Die hinscheidende Mutter liegt ausgestreckt. Auf ihrem Bauch sitzt ein Kind in Buddha-Pose; im Sockel ist ein Zitat aus der indischen Bhagavadgita eingraviert. Allerorten finden sich Anspielungen auf fernöstliche und antike Weisheiten: Hoetger frönte einer eklektischen Multikulti-Religiösität, die vor 100 Jahren unter Intellektuellen weit verbreitet war.

 

Ganz diesseitig war hingegen seine Serie von 15 Majolika-Plastiken zu Tugenden und Lastern, die in der Künstlerkolonie-Schau aufgestellt wurde; vier große Steinguss-Varianten – etwa der „Geiz“ – stehen noch vor dem Ausstellungs-Gebäude. Ebenso erhalten sind die Schmuck-Elemente von 1914, die Olbrichs Hochzeitsturm vollendeten.

 

Küssende Engel als Emanzipations-Boten

 

Sein Eingangshalle dekorierte Friedrich Wilhelm Kleukens im Inneren mit zwei monumentalen Jugendstil-Mosaiken: Auf der einen Seite breitet Fortuna zwei Füllhörner aus, aus denen Tauben Rosen in die Welt tragen. Gegenüber umschlingen sich zwei geflügelte Wesen zum Kuss: Mann und Frau sind gleich groß und schweben auf derselben Höhe.

 

Kleukens gestaltete auch das Sonnenuhr-Mosaik auf der Südseite des Turms. Unter Tierkreiszeichen prangt ein Gedicht von Rudolf Binding, das mit den Zeilen beginnt: „Der Tag geht/ über mein Gesicht/ Die Nacht, sie/ tastet leis‘ vorbei/ und Tag und Nacht/ ein Gleichgewicht/ und Nacht und Tag/ ein Einerlei“.

 

Fünf Meter langer Esstisch

 

Dieser wunderbar weihevolle Ton selbst im Trivialen trifft wohl genau die Atmosphäre, die einst auf der Mathildenhöhe herrschte: rastloses Bestreben, noch das Geringste zu verbessern und dem Dasein ein edleres Gepräge zu geben. Wie weit das reichte, zeigt die eigentliche Gedenk-Ausstellung im „Museum Künstlerkolonie“, das im Ernst-Ludwig-Haus untergebracht ist – dem ersten, 1901 errichteten Gebäude des Ensembles.

 

Hier finden sich zahlreiche Muster-Möbel und -Einrichtungsgegenstände: vom Esstisch, der sich auf bis zu fünf Meter ausziehen lässt, über Kaminuhren, Vasen und Übertöpfe bis zu Essgeschirr. Ähnlich wie beim belgischen Jugendstil-Designer Henry van de Velde entging nichts dem Verschönerungs-Willen der Künstlerkolonie-Mitglieder.

 

Bunte Keks-Dosen im Schwarzweiß-Café

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier einen Bericht über die Ausstellung 1912 – Mission Moderne“ – Rekonstruktion der Jahrhundertschau des Sonderbunds mit Werken von Paul Gauguin + Bernhard Hoetger im Wallraf-Richartz-Museum, Köln

 

und hier eine Renzension über die AusstellungArchitekturträume des Jugendstils – Joseph Maria Olbrich“ mit Entwürfen des in Darmstadt wirkenden Architekten in der Kunstbibliothek, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Leidenschaft, Funktion und Schönheit“ über den Jugendstil-Künstler Henry van de Velde im Neuen Museum, Weimar

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Jugendstil bis Gegenwart“: neue Dauerausstellung zum Design im 20. Jahrhundert im GRASSI Museum, Leipzig.

 

Unter ihnen tat sich vor allem der Architekt und Grafiker Emanuel Josef Margold aus Wien mit vielseitigen Entwürfen für jeden Zweck hervor. Seine bedeutendsten Beiträge zur 1914er-Schau waren ein Musik-Pavillon, das Restaurant und eine Café-Halle. Von diesen temporären Bauten sind nur Fotos geblieben; sie lassen ahnen, wie radikal seine Lösungen waren.

 

Jedes Gebäude war in strengem Schwarzweiß gehalten. Alles folgte einheitlichem corporate design: von Lampen über Türklinken, Gläser, Speisekarten bis zum Besteck. Dabei war Margold keineswegs sinnes- oder genussfeindlich: Für die Bahlsen-Keksfabrik in Hannover gestaltete er zahllose Gebäckdosen und -behälter mit farbenfroh verspieltem Dekor.

 

Bäume wachsen durchs Caféhaus

 

Auch in Darmstadt leistete er sich kühne Einfälle. Beim Café im Platanenhain integrierte Margold die Bäume in die Halle, so dass es schien, als wüchsen die Stämme aus dem Boden und durchbrächen die Decke. Eine naturnahe Architektur, die in den 100 Jahren seither kaum mehr erreicht worden ist.

 

Wie vieles in dieser Gedenk-Ausstellung, die sich vor allem im Außenraum abspielt. So gelungen die Arbeiten in den Räumen und Vitrinen des Museums auch sind: Sie zeigen vorwiegend geläufiges Jugendstil-Design. Erst beim Rundgang über das Gelände machen Schautafeln deutlich, wie subtil alle Baukörper aufeinander abgestimmt sind und einander harmonisch ergänzen – was man der Mathildenhöhe aus der Ferne nicht ansieht.

 

Mechanisierung verhässlicht

 

Die Idylle währte nur zehn Wochen lang. Dann fegte sie der Krieg beiseite – und damit den Ehrgeiz einiger der besten Kräfte im alten Europa, der Moderne ein menschliches Antlitz zu verleihen. In dieser Weise sollte der Versuch nie wieder gewagt werden.

 

Als nach dem großen Schlachten am Bauhaus und anderswo der Faden wieder aufgenommen wurde, herrschte bereits das Primat der Mechanisierung – deren äußerste Konsequenz als Digitalisierung heute dominiert. Wie sie die Welt verhässlichen, zeigt jeder Rundblick in unseren Häusern und Städten.



Von Swantje Seberg, veröffentlicht am 24.08.2014





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