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Ausschnitt einer Wandmalerei mit Stieropfer. Foto: Thomas Zühmer, Rheinisches Landesmuseum Trier

Ein Traum von Rom – Römisches Stadtleben in Südwestdeutschland


Die Ausstellung als Aperitif: Das Rheinische Landesmuseum zeigt, wie das antike Trier zur Metropole der Superlative wurde – und macht damit Appetit auf seine ständige Sammlung sensationell gut erhaltener römischer Reliefs und Mosaiken von Weltrang.


Trier war in der Spätantike eine der bedeutendsten Städte Europas. Ende des 3. Jahrhunderts wurde Trier zur Hauptstadt des westlichen Reichsteils, der von England bis Nordafrika reichte. Rund 100 Jahre lang residierten hier römische Kaiser; darunter Konstantin der Große, bis er 324 nach Konstantinopel umzog.

 

Info

Ein Traum von Rom - Römisches Stadtleben in Südwestdeutschland

 

15.03.2014 - 28.09.2014

täglich außer montags

10 bis 17 Uhr im

Rheinischen Landesmuseum,

Weimarer Allee 1, Trier

 

Begleitband 24,90 €

 

Weitere Informationen

 

25.10.2014 - 12.04.2015

täglich außer montags

10 bis 17 Uhr im

Landesmuseum Württemberg, Altes Schloss, Schillerplatz 6, Stuttgart

 

Weitere Informationen

 

Das kann man sich kaum noch vorstellen, wenn man heute die beschauliche Mosel-Metropole durchstreift. Zwar weist Trier mehr eindrucksvoll monumentale Ruinen aus der Römerzeit auf als jede andere deutsche Stadt – doch sie wirken wie museale Fremdkörper. Einst pulsierte hier das Leben: Die Barbara-Thermen am Moselufer waren die zweitgrößte Bäderanlage im Römischen Reich. Angesichts ihrer Ausmaße verblasst jedes heutige Wellness Center.

 

Größter Saalbau der Antike

 

Offenbar reichten sie damals nicht aus: Im 4. Jahrhundert wurden zusätzlich Kaiserthermen errichtet, von denen wesentlich mehr erhalten ist. Daneben legten die Herrscher eine Palastanlage der Superlative an. Die riesige Aula des Kaiserpalastes, später Basilika genannt, diente ihnen als Thronsaal. Dieser 67 Meter lange und 27 Meter breite Bau gilt als größter stützenloser Saalbau der Antike.


Impressionen der Ausstellung

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Größer als Köln, Mainz und Metz zusammen

 

Das Amphitheater von Trier bot mehr als 10.000 Menschen Platz. Es war in die Stadtmauer integriert, die 258 Hektar umschloss: mehr Fläche als in den drei benachbarten römischen Stadtgründungen Köln, Mainz und Metz zusammen. Von der Mauer steht noch ein längeres Stück; darin die berühmte Porta Nigra. Das antike Nordtor wurde im Mittelalter in eine Kirche umgewandelt und blieb daher unzerstört.

 

Ebenso die Römerbrücke über die Mosel: Mit ihrem Bau 17 v. Chr. beginnt die Geschichte der Colonia Augusta Treverorum. Die Brücke war anfangs aus Holz wie die ersten Fachwerkhäuser der Stadt. Sie wurde von den Römern im Siedlungsgebiet eines keltischen Stammes gegründet; diese Treverer machten die Mehrzahl der bis zu 80.000 Einwohner aus. Doch die Stadtanlage mit rechtwinkligem Straßenraster, Tempeln und Bädern orientierte sich wie überall im Reich am Vorbild Rom.

 

Keine lokalpatriotische Nabelschau

 

Wie es im antiken Treveris aussah und zuging, zeigt nun eindrucksvoll eine Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum, die danach in Stuttgart zu sehen ist. Nicht als lokalpatriotische Nabelschau, sondern im Vergleich mit anderen antiken Orten zwischen Rhein und Donau: So entsteht ein facettenreicher Überblick über "römisches Stadtleben in Südwestdeutschland". Vielerorts fördern Archäologen Erstaunliches zutage; am meisten allerdings in Trier.


Impressionen der Dauerausstellung + römischen Ruinen in Trier: Kaiserthermen, Konstantin-Basilika, Dom + Porta Nigra

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Grober Stoff als Verkaufsschlager

 

Etwa Fundamente ausgedehnter Tempelanlagen, die von der Erdoberfläche verschwunden sind. Oder Überreste großer Privathäuser mit prächtiger Innenausstattung: Sie erlauben aufschlussreiche Einblicke in die Lebensweise der Oberschicht. Man glaubt kaum, dass derlei im Moselland-Boden schlummert; alle Grabungen in der Region führt das Museum in eigener Regie durch. Klugerweise widersteht es aber der Versuchung, die Fülle seiner Schätze in die Sonderschau zu zwängen.

 

Die konzentriert sich in elf Räumen auf einzelne Aspekte und illustriert sie mit 300 ausgewählten Exponaten. "Gesichter einer Stadt" macht mit einer Galerie von Marmorköpfen deutlich, welche Gestalten die Straßen und Häuserblocks (insulae) bevölkerten. Dazwischen steht das so genannte Treverermännchen: Die kleine Bronzefigur trägt einen Umhang mit Kapuze aus grobem Stoff, der ein Verkaufsschlager von Treveris war.

Austern, Spargel + Pfeffer schmausen

 

Gallische Tuche galt im "Weltmarkt Römisches Reich" als robust und wetterfest – genau das Richtige für die unwirtlichen Nordprovinzen. Ebenso beliebt war Glanzton-Keramik: Bunt bemalte Weinkannen und -becher mit Trinksprüchen, die in einer nachgebauten antiken Krämergasse präsentiert werden. Mit solchen Exportartikeln wurde die Handelsstadt an der Mosel rasch wohlhabend.

 

Ihre führenden Kreise konnten sich Delikatessen leisten: Man hat Austernschalen, bronzene Spargelköpfe und Beutel für Pfeffer gefunden, der aus dem fernen Indien importiert wurde. Festmahle fanden in üppig dekorierter Umgebung statt. Hauswände waren im pompeijanischen Stil bemalt, die Böden mit teuren Mosaiken gepflastert. Sie zeigten zum Raum passende Motive, etwa im Speisesaal den Wein-Gott Bacchus samt Gefolge.

 

Wald gigantischer Steingrabmäler

 

Größe und Wohlstand der Stadt erreichten ihren Höhepunkt wohl in der Kaiser-Zeit des 4. Jahrhunderts. Als Hof und Verwaltung 402 nach Mailand und Arles verlegt wurden, begann der Niedergang von Treveris. Mehrmals wurde es von Franken geplündert und 470 endgültig erobert. Den restlichen Einwohnern blieb nur recycling: Sie schmolzen Bleirohre der stillgelegten Wasserversorgung ein und schlachteten Prachtbauten als Steinbrüche aus. Diese Endphase symbolisiert die Schau drastisch mit einem Schutthaufen: "Aus der Traum".

 

Doch eine Etage tiefer darf der Besucher weiter vom Glanz der Antike träumen. Dort breitet das Museum mehr als 4.000 Objekte aus, darunter einzigartige Stücke von Weltrang – und man kommt aus dem Staunen kaum heraus. Kein Sammelsurium von Bruchstücken: Hier steht ein ganzer Wald gigantischer Steingrabmäler, deren Reliefs hinreißend lebensnahe Alltagsszenen zeigen.

 

Größte Mosaiken-Sammlung nördlich der Alpen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Pompeji - Leben auf dem Vulkan" in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Antike Welten” mit Meisterwerken der griechischen + römischen Kunst im Alten Museum, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung  "Rom sehen und sterben…" - über Perspektiven auf die Ewige Stadt in der Kunsthalle Erfurt.

 

Ein meterlanger Grabaufsatz zeigt ein ganzes Schiff mit vollplastischen Fässern und Besatzung; der darunter bestattete Weinhändler war wohl so reich wie Krösus. Ein anderes Relief kennen die meisten Lateinschüler aus ihrem Lehrbuch: als Beispiel für antiken Unterricht. In bequemen Sesseln sitzen zwei Schüler mit Schriftrollen und ihr Lehrer; er begrüßt einen Nachzügler, der gerade mit einem Bündel von Wachstäfelchen eintritt.

 

Solche Wohnkultur veranschaulicht der nächste Saal: Er ist rundum mit Mosaiken bedeckt – die größte Kollektion nördlich der Alpen. Das Spektrum reicht von burlesken Szenen wie einem Früchte naschenden Bären bis zu meterlangen Kompositionen, die mythologische Themen und geometrische Ornamentik formvollendet verbinden. Treverer, die derlei in Auftrag gaben, hatten genauso viel Geld und Stil wie die Eliten in Rom und Konstantinopel.

 

Größter römischer Goldschatz der Welt

 

Es muss nicht immer ein kompletter Bodenbelag sein: Aufwändig geformte und verzierte Bronze-, Ton- und Glasgefäße zeugen vom verfeinert teuren Geschmack, den sich manche antiken Einwohner leisten konnten. Das Museum beherbergt sogar den größten römischen Goldschatz, der je gefunden wurde: 2.600 Münzen mit 18,6 Kilo Gesamtgewicht.

 

Diese Unmenge spektakulärer Exponate macht das Haus zweifellos zu einem der wichtigsten Archäologie-Museen in Deutschland – das nicht annähernd so viel Beachtung findet, wie es verdient hätte. Als wirke der Fluch der Franken-Einfälle vor 1500 Jahren immer noch nach: Nie wieder wurde Trier zum Handelszentrum, geschweige denn zur Hauptstadt. Heutige Mosel-Reisende erfreuen sich mehr an Weinschenken als an Bacchus-Mosaiken.



Von Hannah Osterkorn, veröffentlicht am 23.09.2014





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