Venedig

Architektur-Biennale 2014

Pompeii- das geheime Museum. Foto: Susanne Röllig

Besucher als Afrika-Flüchtlinge

 

Man kann Koolhaas vorwerfen, ihm fehle eine Vision für die Baukunst der Zukunft. Doch er nimmt sich wie Massimiliano Gioni, Kurator der 55. Kunst-Biennale 2013, Zeit für einen historischen Rückblick. Dabei vergegenwärtigt er auf schlüssige Weise, dass die gestrige wie morgige Architektur nur vordergründig Räume gestaltet, hauptsächlich aber zivilisatorischen Charakter hat.

 

Das zeigt er besonders deutlich am Verhältnis von Architektur und Migration. Heute kommen Fremde nicht mehr zwangsläufig über den Brenner-Pass nach Italien, sondern womöglich in Flüchtlingsbooten über das Mittelmeer, und stranden auf Lampedusa – wenn sie nicht wie Tausende von Leidgenossen ertrinken. „Io sono Africano“ leuchtet es blass in einer kleinen Kabineninstallation, bevor man sich im Spiegel selbst sieht; angestrahlt von Scheinwerfern, nach minutenlanger Dunkelheit und eingeschüchtert von abstraktem Lärm.

 

Enzyklopädie der Architektur-Elemente

 

Lampedusa ist zum Synonym für eine verfehlte europäische Einwanderungspolitik geworden. Hier empfängt die Ankommenden keine Willkommens-Architektur, sondern Nicht-Orte wie Abschiebezellen, Warteräume und die Atmosphäre von Angst und Schrecken. Wer das übersteht, darf vielleicht bleiben und auf dem Markusplatz fake-Handtaschen verkaufen.

 

Koolhaas hat seine Ausstellung zweigeteilt. Neben seiner „Monditalia“- Weltgeschichte stehen „Elements of Architecture“, die er im zentralen Pavillon in den Giardini zeigt. Hier verlässt er die Soziologie und wird technisch. Ob mongolischer Jurten-Baumeister oder high tech-Architekt, alle fügen nur Grundelemente zusammen: Wände, Böden und Decken, Fassaden und Dächer, Fenster und Türen, Treppen, Balkone, Toiletten und Flure. Nach der Theorie folgt nun die Praxis: in Koolhaas' eigenem Universalanspruch eben fundamentals.

 

Effiziente Korridore, intime Toiletten

 

Er sammelt Bauelemente mit erfrischender Nähe zur Banalität und sortiert sie enzyklopädisch. Doch auch in diesen Architektur-Versatzstücken stellt er soziale Verbindungen heraus: Warum sind Balkone so politisch? Weil man auf ihnen Republiken ausrufen, Kriege anzetteln oder das Volk aufrühren kann.

 

Dagegen interagiert der Mensch nirgends so intim mit Architektur wie auf dem Klosett; das verdeutlicht Koolhaas, indem er nicht nur neueste japanische Toiletten-Technologie, sondern auch eine skurrile wissenschaftliche Studie über Selbstentleerungs-Standards bemüht. Die Scalologie (Treppenforschung) wird als Disziplin vorgestellt, die Effizienz von Korridoren erklärt und der Fußboden neu interpretiert.

 

Pavillon schluckt Kanzlerbungalow

 

Mit diesem ganzheitlichem Anspruch verordnet Koolhaas den nationalen Pavillons zudem ein Oberthema: „Absorbing Modernity 1914 – 2014“. Das Büro Ciriacidis Lehnerer (Zürich) nimmt das für den Beitrag Deutschlands wörtlich. Es lässt den viel geschmähten, von den Nazis pathetisch überformten deutschen Pavillon nun ein Prunkstück demokratischer Baukultur förmlich verschlucken: den Kanzler-Bungalow in Bonn, den Sep Ruf 1963 entwarf.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der "55. Biennale Venedig" - Internationale Kunstausstellung in Venedig

 

und hier einen Bericht über die  "Länderpavillons der 55. Biennale" - Rundgang über die Internationale Kunstausstellung in Venedig

 

und hier einen Beitrag über die "Architektur-Biennale 2012" - 13. Internationale Architektur-Ausstellung in Venedig.

 

Nur verdaut hat der Pavillon den Bungalow nicht. In blasser Modellhaftigkeit sind Elemente des Flachbaus in die nach Höhe strebende Pavillonarchitektur eingebaut. Vor dem Portikus hat man noch den Kanzler-Mercedes geparkt und die deutsche Flagge gehisst. Mehr als ein flauer Witz ist das Konzept leider nicht.

 

Moderne-Abgesang in der banlieue

 

Frankreich gräbt hingegen tief in seiner eigenen Geschichte der Moderne. Während rechts des Rheins das Neue Bauen zelebriert wurde, verharrte die französische Architektur im Traditionalismus. Komiker Jacques Tati lässt im Film „Mon Oncle“ in aller Spießigkeit an der Moderne verzweifeln, während Architekten wie Jean Prouvé von Plattenbauten träumten. Der gebaute Alptraum lebt dagegen als Abgesang auf die Moderne noch heute in der banlieue.

 

Brasilien zeigt, dass dort die Moderne nicht nur absorbiert, sondern zu einer nationalen Formensprache weiterentwickelt wurde; das zeigt der stolze Parcours durch die eigene Architekturgeschichte im – natürlich – modernistischen Pavillon. Ein herausragender Beitrag, doch auf Dauer werden die nationalen Rückblicke etwas redundant: nicht jedes Land hatte den Mut von Brasilien in den 1950er und 1960er Jahren.


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