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Monditalia - Italiens Baugeschichte als Welt-Modell. Foto: Susanne Röllig

Architektur-Biennale 2014


Von politischen Balkonen und Treppen-Forschung: Für die Biennale trägt Star-Architekt Rem Koolhaas eine Enzyklopädie der Gebäude-Elemente zusammen. Dafür klappert er ganz Italien ab – als Beispiel für gegenwärtige Stagnation und Ratlosigkeit weltweit.


Italien ist die Welt, die Welt ist Italien: „Monditalia“. Wenn Rem Koolhaas sich mit diesem Motto auf das Unternehmen Architektur-Biennale stürzt, will er sich weniger anbiedern, als dem südeuropäischen Krisenland seine Ehre erweisen. Italien ist in vielerlei Hinsicht ein Modellstaat – in dem allerdings schon Dante im 14. Jahrhundert das Paradies direkt neben dem Fegefeuer verortete.

 

Info

 

Architektur-Biennale Venedig 2014

 

09.05.2014 - 22.11.2014

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

in den Giardini + Arsenale, Venedig

 

Website zur Ausstellung

 

Der niederländische Architekt Koolhaas geht als diesjähriger Biennale-Leiter für seine Erklärungsversuche, warum Traum und Alptraum ebenso wie politische und gesellschaftliche Verhältnisse immer auch mit Architektur zu tun haben, noch weiter zurück.

 

Antike Straßenkarte auf 300 Metern

 

Durch die Corderie, die rund 300 Meter lange Säulenhalle der einstigen Seilerei im Arsenale, flattert ein ebenso langer Vorhang, bedruckt mit einem der wichtigsten mittelalterlichen Dokumente: der Tabula Peutingeriana, einer Straßenkarte des Römischen Reichs. Das verlorene Original entstand wohl um 375; die Abschrift aus dem späten 12. Jahrhundert zählt zum Unesco-Weltkulturerbe.

Kurz-Vortrag von Rem Koolhaas über das Biennale-Konzept

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Nudelteig im Mittelpunkt der Welt

 

Auf dieser Mutter aller Verkehrsatlanten sieht Italien wie ein enormes Stück Nudelteig aus, das durch die Pasta-Maschine getrieben wurde. Das Land liegt auf der Seite; von der typischen Stiefelform ist kaum etwas zu erkennen – doch es ist natürlich Mittelpunkt der Welt. Einer verzerrten Welt, die vom heutigen Großbritannien bis hinter den indischen Subkontinent reicht. Den Kartografen interessierte weniger die Topografie als vielmehr Entfernungen in Tagesetappen zu Pferde, wichtige Handelsknoten sowie Rast- und Pferdewechselstationen.

 

Koolhaas ist berüchtigt für seine Liebe zu ausufernden Diagrammen, Karten und Tabellen. Mit ihrer kuriosen Gestalt und dem praktischen Informations-Gehalt ist die Tabula ganz nach seinem Geschmack. Bevor er Gebäude wie die Niederländische Botschaft in Berlin, die vor allem aus einer spiralförmigen Erschließung besteht, oder die spektakulär um ein Loch herum konstruierte Zentrale des chinesischen Staatsfernsehens in Peking entwarf, machte sich Koolhaas mit umfänglichen Forschungen einen Namen: etwa über New York, „generischen Städtebau“ oder Konfektionsgrößen von Architektur.

 

Verantwortliche lassen Pompeji verfallen

 

Glücklicherweise gerät seine Biennale aber nicht zur Explosion von Skalen und Schaubildern – ebenso wenig zur Überreizung durch eine Flut von Bildern und Texten. Stattdessen ist Koolhaas eine sehr gut zu bewältigende Ausstellung gelungen: Recherchesatt, aber unterhaltsam hangelt sie sich an Orten entlang, die nicht nur das aktuelle Bild Italiens prägen, sondern von globalem Interesse sind.

 

Dabei sind Politik und Architektur untrennbar miteinander verbunden. Viele Projekte, die Koolhaas eingeladen hat, dokumentieren die gegenwärtige Ratlosigkeit, in der sich Italien befindet – stellvertretend für andere Staaten. So verfällt etwa die Welterbestätte Pompeji: nicht wegen vulkanischer Aktivitäten, sondern weil Verantwortliche versagen und nicht wissen, wie sie mit dem kulturellen Erbe umgehen sollen.

 

Berlusconi ließ Kongresszentrum leer stehen

 

Der Architekt Stefano Boeri plante und baute auf der Insel La Maddalena nördlich vor Sardinien ein Kongresszentrum für den G-8-Gipfel 2009 im Glauben, an einem gut demokratischen Werk zu arbeiten. Nun schreitet er in einem Film durch seine Bauruine, die nie eingeweiht wurde.

 

In dieser modernistischen Architektur fühlte sich Silvio Berlusconi unwohl, so dass er die Konferenz mit einer populistischen Volte nach L'Aquila verlegte; dort hatte kurz zuvor ein verheerendes Erdbeben stattgefunden. In der Hauptstadt der Abruzzen breiten sich anstelle von Konzepten, die beispielhaft für von Katastrophen heimgesuchte Städte sein könnten, mittlerweile Notunterkünfte aus.

 

Mailand am Strand

 

Entlang der großen Landkarte, hinter der Ausschnitte italienischer Film-Klassiker laufen, schreitet Koolhaas das Land ab. Seine Boten sind Rechercheteams, die aus den Provinzen erzählen. Etwa von Villen-Schönheiten auf Capri, warum alle Wege nach Rom führen und wohin genau, weshalb Diskotheken die Gefühlslage einer Gesellschaft ausdrücken. Oder wie sich Mailand am Strand neu erfinden will, warum das italienische Herz trotzdem in Turin pocht und Staatsgrenzen durchaus flexible Zonen sein können.

Besucher als Afrika-Flüchtlinge

 

Man kann Koolhaas vorwerfen, ihm fehle eine Vision für die Baukunst der Zukunft. Doch er nimmt sich wie Massimiliano Gioni, Kurator der 55. Kunst-Biennale 2013, Zeit für einen historischen Rückblick. Dabei vergegenwärtigt er auf schlüssige Weise, dass die gestrige wie morgige Architektur nur vordergründig Räume gestaltet, hauptsächlich aber zivilisatorischen Charakter hat.

 

Das zeigt er besonders deutlich am Verhältnis von Architektur und Migration. Heute kommen Fremde nicht mehr zwangsläufig über den Brenner-Pass nach Italien, sondern womöglich in Flüchtlingsbooten über das Mittelmeer, und stranden auf Lampedusa – wenn sie nicht wie Tausende von Leidgenossen ertrinken. „Io sono Africano“ leuchtet es blass in einer kleinen Kabineninstallation, bevor man sich im Spiegel selbst sieht; angestrahlt von Scheinwerfern, nach minutenlanger Dunkelheit und eingeschüchtert von abstraktem Lärm.

 

Enzyklopädie der Architektur-Elemente

 

Lampedusa ist zum Synonym für eine verfehlte europäische Einwanderungspolitik geworden. Hier empfängt die Ankommenden keine Willkommens-Architektur, sondern Nicht-Orte wie Abschiebezellen, Warteräume und die Atmosphäre von Angst und Schrecken. Wer das übersteht, darf vielleicht bleiben und auf dem Markusplatz fake-Handtaschen verkaufen.

 

Koolhaas hat seine Ausstellung zweigeteilt. Neben seiner „Monditalia“- Weltgeschichte stehen „Elements of Architecture“, die er im zentralen Pavillon in den Giardini zeigt. Hier verlässt er die Soziologie und wird technisch. Ob mongolischer Jurten-Baumeister oder high tech-Architekt, alle fügen nur Grundelemente zusammen: Wände, Böden und Decken, Fassaden und Dächer, Fenster und Türen, Treppen, Balkone, Toiletten und Flure. Nach der Theorie folgt nun die Praxis: in Koolhaas' eigenem Universalanspruch eben fundamentals.

 

Effiziente Korridore, intime Toiletten

 

Er sammelt Bauelemente mit erfrischender Nähe zur Banalität und sortiert sie enzyklopädisch. Doch auch in diesen Architektur-Versatzstücken stellt er soziale Verbindungen heraus: Warum sind Balkone so politisch? Weil man auf ihnen Republiken ausrufen, Kriege anzetteln oder das Volk aufrühren kann.

 

Dagegen interagiert der Mensch nirgends so intim mit Architektur wie auf dem Klosett; das verdeutlicht Koolhaas, indem er nicht nur neueste japanische Toiletten-Technologie, sondern auch eine skurrile wissenschaftliche Studie über Selbstentleerungs-Standards bemüht. Die Scalologie (Treppenforschung) wird als Disziplin vorgestellt, die Effizienz von Korridoren erklärt und der Fußboden neu interpretiert.

 

Pavillon schluckt Kanzlerbungalow

 

Mit diesem ganzheitlichem Anspruch verordnet Koolhaas den nationalen Pavillons zudem ein Oberthema: „Absorbing Modernity 1914 – 2014“. Das Büro Ciriacidis Lehnerer (Zürich) nimmt das für den Beitrag Deutschlands wörtlich. Es lässt den viel geschmähten, von den Nazis pathetisch überformten deutschen Pavillon nun ein Prunkstück demokratischer Baukultur förmlich verschlucken: den Kanzler-Bungalow in Bonn, den Sep Ruf 1963 entwarf.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der "55. Biennale Venedig" - Internationale Kunstausstellung in Venedig

 

und hier einen Bericht über die  "Länderpavillons der 55. Biennale" - Rundgang über die Internationale Kunstausstellung in Venedig

 

und hier einen Beitrag über die "Architektur-Biennale 2012" - 13. Internationale Architektur-Ausstellung in Venedig.

 

Nur verdaut hat der Pavillon den Bungalow nicht. In blasser Modellhaftigkeit sind Elemente des Flachbaus in die nach Höhe strebende Pavillonarchitektur eingebaut. Vor dem Portikus hat man noch den Kanzler-Mercedes geparkt und die deutsche Flagge gehisst. Mehr als ein flauer Witz ist das Konzept leider nicht.

 

Moderne-Abgesang in der banlieue

 

Frankreich gräbt hingegen tief in seiner eigenen Geschichte der Moderne. Während rechts des Rheins das Neue Bauen zelebriert wurde, verharrte die französische Architektur im Traditionalismus. Komiker Jacques Tati lässt im Film „Mon Oncle“ in aller Spießigkeit an der Moderne verzweifeln, während Architekten wie Jean Prouvé von Plattenbauten träumten. Der gebaute Alptraum lebt dagegen als Abgesang auf die Moderne noch heute in der banlieue.

 

Brasilien zeigt, dass dort die Moderne nicht nur absorbiert, sondern zu einer nationalen Formensprache weiterentwickelt wurde; das zeigt der stolze Parcours durch die eigene Architekturgeschichte im – natürlich – modernistischen Pavillon. Ein herausragender Beitrag, doch auf Dauer werden die nationalen Rückblicke etwas redundant: nicht jedes Land hatte den Mut von Brasilien in den 1950er und 1960er Jahren.



Von Marcus Woeller, veröffentlicht am 10.10.2014





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