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Georg Lemberger (ca. 1490/1500 – ca. 1545): Sündenfall und Erlösung (Detail), 1535, Lindenholz, 66,9 x 80,3 cm. Foto: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Fotoquelle: Städel Museum

Fantastische Welten – Albrecht Altdorfer und das Expressive in der Kunst um 1500


Von wegen ruhige Renaissance: Künstler wie Albrecht Altdorfer und Wolf Huber nahmen mit grellen Effekten und wild wuchernden Formen die Schock-Ästhetik des Expressionismus vorweg – das zeigt eine grandiose Schau im Städel und Kunsthistorischen Museum.


Hier ist mächtig was los: Gestalten winden und verknoten sich in anatomisch unmöglichen Haltungen. Leiber werden gelängt oder gestaucht, als wären sie aus Wachs. Glieder sind grotesk groß oder klein, Gesichter verzerrt oder brutal deformiert. Gewänder blähen sich in aberwitzigen Zickzacklinien. Bäume schlagen jählings aus; am Himmel toben die Elemente. Grell beleuchtet von Lichtstrahlen, die von irgendwoher kommen; selten von der Sonne.

 

Info

 

Fantastische Welten – Albrecht Altdorfer und das Expressive in der Kunst um 1500

 

05.11.2014 – 08.02.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags + freitags bis

21 Uhr im Städel Museum, Schaumainkai 63 , Frankfurt/ Main

 

Katalog 34,90 €

 

Weitere Informationen

 

17.03.2015 – 14.06.2015

täglich 10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 21 Uhr

im Kunsthistorischen Museum, Maria-Theresia-Platz, Wien

 

Weitere Informationen

 

Typisch Expressionismus? In der Tat – aber nicht die gleichnamige Stilrichtung der klassischen Moderne. Bereits 400 Jahre zuvor ließ eine Gruppe „junger Wilder“ die Muskeln spielen; sie kitzelten virtuos aus ihrer Kunst nie gesehene Effekte heraus. Dieser Bewegung widmen das Städel in Frankfurt und das Kunsthistorische Museum Wien eine mit rund 130 Exponaten glänzend bestückte Ausstellung; in Wien wird sie um einige Werke erweitert.

 

Von Donauschule zu Nord-Manierismus

 

Ein echter Augenöffner, obwohl keine Arbeit unbekannt ist: Jedes größere Museum mit gut sortierter Altmeister-Abteilung besitzt mehrere Beispiele dieser Strömung. Doch erst in der konzentrierten Zusammenschau wird deutlich, wie kühn und radikal diese Künstler Neues ausprobierten. Zwischen 1510 und 1540 erfanden sie vorher ungeahnte, expressive Ausdrucksformen; im Anschluss an drastische Tendenzen in der Spätgotik, aber nun mit den Stilmitteln der Renaissance.

 

Wichtige Vertreter waren im Raum von Niederbayern bis Österreich tätig; auf sie wurde um 1900 die Benennung „Donauschule“ gemünzt. Ihn verengten nationalistische Kunsthistoriker zum „typisch deutschen Stil“, was später die NS-Propaganda ausschlachtete. Dem halten die Kuratoren entgegen, dass sich ähnliche Stilmittel von Nordostfrankreich bis zur heutigen Slowakei finden lassen. Sie plädieren für den Begriff „nordeuropäischer Manierismus“ – als Gegenstück zur zeitgleichen Strömung in Italien zwischen Renaissance und Barock.

Interviews mit den Kuratoren Jochen Sander und Stefan Roller + Impressionen der Ausstellung; © Städel Museum


 

Copy and paste wie im Internet

 

Nichtsdestoweniger stellt die Schau vier Künstler ins Zentrum, die alle an der Donau oder Isar lebten: Alfred Altdorfer war Bürger von Regensburg; der Bildhauer Hans Leinberger arbeitete in Landshut. Wolf Huber und der Bildschnitzer Meister IP waren in Passau ansässig. Bis auf Altdorfer, der im Stadtrat saß, ist über sie wenig überliefert; vom Meister IP nur sein Monogramm, das als Notname verwendet wird. Ob sie sich persönlich kannten, ist ungewiss.

 

Dennoch standen sie in engem Austausch; miteinander und mit etlichen anderen Künstlern. Das belegen Ausstellung und Katalog bei vielen Arbeiten detailliert: Ihre Kompositionen sind oft aus fremden Vorlagen geradezu eklektisch zusammengesetzt. Was das junge Massenmedium der Druckgraphik ermöglichte: Holzschnitte und Radierungen berühmter Künstler wie Andrea Mantegna oder Albrecht Dürer zirkulierten in hohen Auflagen. Gelungene Bilder wurden kopiert, abgewandelt und weiterverwendet – copy and paste wie heute im Internet.

 

Ästhetische Revolution bei Religions-Bildern

 

Allerdings hatten Renaissance-Künstler bis dato verbindliche, an die Antike angelehnte Darstellungs-Ideale angestrebt. Insbesondere Dürer, der an seinen „Vier Büchern von menschlicher Proportion“ lange feilte; sie erschienen 1528 posthum. Kaum war ein Kanon aber in Sicht, wurde er schon wieder gesprengt. Junge Bilderstürmer ignorierten Vorgaben solcher Regelwerke, um ihre individuelle Kunstfertigkeit zu demonstrieren – sie konkurrierten um die Gunst reicher, gebildeter Sammler und Auftraggeber.

 

Sofern das im religiösen Rahmen blieb: Solche Motive beherrschten weiterhin die Bildproduktion. Doch neue Perspektiven hielten Einzug, die einer ästhetischen Revolution gleichkamen. Etwa beim altbekannten Sujet der Kreuzigung, das streng festgelegt war: in der Mitte frontal Christus am Kreuz, links und rechts die Schächer, darunter eine Menge aus Maria, Johannes, Heiligen, Soldaten und Volk. Alles und alle am üblichen Platz.

 

Christus wie nassen Sack abseilen

 

1503 platziert Lucas Cranach d. Ä. erstmals das Kreuz des Erlösers in Seitenansicht an den rechten Rand; davor steht Johannes und schaut Maria an, die zu ihrem Sohn aufsieht – aus Staffage-Figuren werden Blickkontakte. Von nun an wird wild herumexperimentiert. In einem Holzrelief zoomt Hans Leinberger auf das Gekreuzigten-Trio, das fast auf das Getümmel zu seinen Füßen hinunter zu fallen scheint. Bei seiner „Kreuzabnahme Christi“ wird der Tote wie ein nasser Sack abgeseilt.

El Greco auf LSD, Grabmal mit Zombie

 

Altdorfer oder seine Werkstatt zeichnet eine „Beweinung Christi“, auf der er gar nicht zu sehen ist, weil ihn ein Sitzender verdeckt. Stattdessen prangt in der Bildmitte ein Schächer-Kreuz, dessen Blickwinkel der Betrachter einnimmt – also den eines Sünders. Auf einem Holzschnitt von Wolf Huber explodieren Sonnenstrahlen unter Jesus. Und Georg Lemberger verwandelt die Heilsgeschichte von Sündenfall bis Erlösung in ein psychedelisches Panorama kalter Farben und greller Lichtreflexe, als hätte El Greco einen LSD trip eingeworfen.

 

Anderen Klassikern gewinnen diese Künstler gleichfalls völlig neue Ansichten ab: Altdorfer malt eine nächtliche „Geburt Christi“ in einer zerfallenen Stall-Ruine, in der das Licht vom Kind ausgeht – neben drei weiteren Lichtquellen. Auf seiner „Anbetung der Könige“ kauern kostbar gekleidete Figuren vor surreal kombinierten Monumenten aus Antike und Gotik. Wolf Huber stellt Jesus als muskulösen Athleten dar, wie ihn der Meister IP schnitzt – und ihm auf einer „Epitaph-Retabel“ einen halbverwesten Leichnam beigesellt. Eine Zombie-Szene als Grabmal.

 

Fichte schießt wie Rakete aus dem Boden

 

Diese Künstler können auch weniger drastisch sein. Etwa im Angesicht der Natur: Sie schaffen die ersten autonomen Landschaftsbilder – auf denen Landschaften nicht mehr Beiwerk, sondern das eigentliche Thema sind. Wenn darin Gebäude oder Menschen auftauchten, dann meist winzig klein; stattdessen werden Gestein oder Bäume zu dramatischen Akteuren.

 

Eine Federzeichnung von Altdorfers Bruder Erhard, der in Schwerin wirkte, sieht aus, als schösse seine „Große Fichte“ wie eine Rakete aus dem Boden; ihre Zweige spreizen sich bedrohlich wie Spinnenfinger. Wolf Hubers „Große Landschaft mit Golgatha“ versetzt die ganze Welt in harmonische Schwingungen aus Gelb- und Blautönen. Altdorfer und Huber skizzieren auch allerlei Wälder, die wie Unterwasser-Dschungel oder science fiction-Kulissen aussehen.

 

Verwachsene Figuren gegen horror vacui

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung Drunter und Drüber – Altdorfer, Cranach und Dürer auf der Spur mit Werken von Albrecht Altdorfer in der Alten Pinakothek, München

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Dürer. Kunst – Künstler – Kontext“grandiose Ausstellung im Städel Museum, Frankfurt am Main

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung Meister der Dürerzeit über Hans Baldung, gen. Grien, in der Gemäldegalerie, Berlin

 

Was häufig an der drangvollen Enge liegt, die hier herrscht. Überall wogt und bauscht, wuselt und flimmert es; kein Quadratzentimeter bleibt unausgefüllt. Horror vacui, Angst vor der Leere, setzt diesen Künstlern zu; als müssten sie wie Demiurgen ihre selbst geschaffenen Bildwelten komplett bevölkern.

 

In Fläche und Raum: Um 1520 zwängt ein unbekannter Meister auf das Hochaltar-Retabel der Zisterzienser-Kirche Zwettl derart viele Figuren, als seien sie miteinander verwachsen. Und auf einem Relief zum „Martyrium der hl. Katharina“ aus der Werkstatt von Meister HL in Breisach versinken die Heilige und ihre Verfolger im Dickicht hölzerner Ornamente.

 

30 Jahre für 1. + 2. Expressionismus

 

Was den Schnitzer dazu anregte, bleibt unklar; wie bei manch anderem Exponat. Mag sein, dass die dürftige Quellenlage der Forschung keine genaueren Aussagen erlaubt. Trotzdem wüsste man gern mehr darüber, wie der „nordeuropäische Manierismus“ aufkam und sich ausbreitete, den die Ausstellung postuliert – nicht nur im Donauraum, den sie damit entgrenzt.

 

Vielleicht steht dem entgegen, dass die Bewegung so rasch verebbte, wie sie entstanden war. Nach 1540 steuerte die Kunst wieder in ruhigeres Fahrwasser. Lag es daran, dass die Reformation religiöse Bilder ablehnte, während die katholische Kirche auf traditionelle Formeln setzte? Oder hatten sich die Zeitgenossen an nervösen Tumulten schlicht satt gesehen? Jedenfalls hat dieser expressive Stil die kurze Dauer mit seinem Nachfolger um 1900 gemein: Mitte der 1920er Jahre löste ihn die Neue Sachlichkeit ab.



Von Ivo Nagelweihler, veröffentlicht am 25.01.2015





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