
Oft heißt es, im Zeitalter von Youtube und Instagram sei schon alles abgefilmt und totfotografiert: Jedes Motiv werde x-mal abgelichtet, Spielfilme variierten stets die gleichen Themen und Muster, von action bis romcom. Doch das stimmt nicht: Die Welt ist voller unerzählter Geschichten, die darauf warten, einem faszinierten Publikum vorgetragen zu werden. Man muss sie nur finden.
Info
A Most Violent Year
Regie: J. C. Chandor,
125 Min., USA 2014;
mit: Oscar Isaac, Jessica Chastain, Albert Brooks
Finanzkrise-Urknall als Kammerspiel
In seinem Debüt „Der große Crash − Margin Call“ (2011) enthüllte Chandor den Urknall der Weltfinanzkrise von 2008. Mit einem Kammerspiel: Die big shots einer US-Investmentbank, die verdächtig Goldman Sachs ähnelt, reden sich eine Nacht lang den Mund fusselig − und am nächsten Morgen werden ungerührt Milliardenvermögen anderer Leute vernichtet, während die Bank ungeschoren davonkommt.
Offizieller Filmtrailer
Eine Hommage, wie NYC sie verdient
Wie aus sportlichem Ehrgeiz, zu beweisen, dass er auch das glatte Gegenteil beherrscht, drehte Chandor danach „All is lost“ (2013): Wortlos kämpft Robert Redford als einsamer Skipper nach seinem Schiffbruch auf dem Ozean zwei Stunden lang ums Überleben. Und das Wunder geschieht: Diese klatschnasse Leinwand-Segelpartie langweilt keine Sekunde − der Regisseur ist in Yachthäfen groß geworden und kennt sich auf Bootsplanken bestens aus.
Nun also „A Most Violent Year“: Erstmals verlässt Chandor die Gegenwart, aber nicht vertrautes Terrain. Er wuchs größtenteils in Vororten von New York auf; dort lebt er noch heute mit seiner Familie. Seine intime Kenntnis des big apple ist in jeder Filmsekunde zu spüren: Hier will jemand dem spirit der so bewunderten wie verhassten Hochfinanz-Metropole gerecht werden, ohne ein Gran zu verfälschen. Mit einer Hommage, wie NYC sie verdient.
Things go down the drain
Die Handlung spielt im Jahr 1981; damals stieg die städtische Kriminalitätsrate auf ihr all time high. Was beiläufig auftaucht, wenn die Radio-Nachrichten von Messerstechern, Amokläufern und Schießereien berichten. Things go down the drain − diffuse Angst, das alles allmählich den Bach runtergeht, war um 1980 das vorherrschende Lebensgefühl in den USA: nach einem Jahrzehnt mit verlorenem Vietnam-Krieg, Watergate-Skandal und zweifacher Ölkrise.
Für Trübsal hat selfmade man Abel Morales (Oscar Isaac) nichts übrig. Der Latino-Einwanderer ist mit Anna (Jessica Chastain) verheiratet, der Tochter eines zwielichtigen Heizöl-Lieferanten, dessen Kleinbetrieb beide übernommen haben. Daraus hat Abel mit Ehrgeiz und Tatkraft ein florierendes Unternehmen gemacht. Nun wagt er seinen größten Coup: Wenn er ein großes Wasser-Grundstück voller Öltanks erwerben kann, wird er zum big player der Branche. Dafür verpfändet er sein gesamtes Vermögen.
Erfolg durch legales Handeln
Ausgerechnet jetzt machen ihm Gangster-Attacken zu schaffen. Unbekannte überfallen die Tanklaster seiner Flotte und stehlen das Heizöl; die Verluste erreichen sechsstellige Höhe. Ein Gewerkschaftsboss fordert, Abel solle seine Fahrer bewaffnen, was er ablehnt: Käme es zu Schusswechseln, werde sein business ruiniert. Um erfolgreich zu bleiben, müsse er strikt legal operieren.
Geschäftsleute reden hauptberuflich
Die Staatsanwaltschaft hat ihn ohnehin im Visier: Sie wirft ihm Preisabsprachen und Steuerhinterziehung vor. Abel pocht auf seine Ehrlichkeit, doch seine Frau Anna führt die Bücher; darin könnten Minen versteckt sein. Derweil nehmen die Probleme überhand: Die Villa der Morales-Familie wird beschattet, die Raubüberfälle hören nicht auf, ein Fahrer dreht durch und haut ab; die Hausbank kündigt den Kredit, während das Ende der Zahlungsfrist naht. Treibt Abel das Geld für die letzte Rate nicht rechtzeitig auf, verliert er alles.
Eineinhalb Stunden lang versetzt Regisseur Chandor seinem Helden serienweise Nackenschläge. Doch der resigniert nicht, sondern macht weiter, was Geschäftsleute hauptberuflich tun: reden. Unentwegt sucht Abel einen Kontrahenten nach dem anderen auf; er erklärt, beschwört, überredet oder droht − und verliert dabei nie die Fassung.
„Standard Oil“ wie bei Rockefellers
Die Geschäftsverhandlung ist die archetypische Situation des Wirtschaftslebens. Dieses Mysterium hält es im Innersten zusammen − wie, ist hier formvollendet zu besichtigen. Wer so überzeugend auftritt und spricht wie Oscar Isaac, kann nicht untergehen: Zumal ihm das Drehbuch Dialogzeilen von messerscharfer Präzision in den Mund legt.
Ironischerweise erlebte Isaac seinen Durchbruch 2013 ausgerechnet als total erfolgloser folk-Sänger im Film „Inside Llewyn Davis“ der Coen-Brüder; nun erweist er sich als geborener Siegertyp. Seine mittelständische Firma heißt „Standard Oil“: wie das Unternehmen der Rockefellers, der erste Monster-Konzern des Kapitalismus.
The sound of heavy industries
Hintergrund
Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.
Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “All Is Lost” - wortkarges Hochsee-Drama von J.C. Chandor mit Robert Redford
und hier eine Lobes-Hymne auf den Finanzmarkt-Thriller “Der große Crash – Margin Call” von J.C. Chandor
und hier einen Beitrag über den Film "Inside Llewyn Davis" - Tragikomödie über einen erfolglosen Folk-Musiker von Joël + Ethan Cohen mit Oscar Isaac.
The sound of heavy industries, auf denen die Moderne gründet, obwohl sie in der öffentlichen Wahrnehmung längst von Stahl-Glas-Palästen und casting shows verdrängt wurden. Aber sie sind unvermindert wichtig und mächtig; wer’s nicht glaubt, frage seinen Handwerker. Mit stock market shares und lip gloss kann niemand seine Bude warm heizen.
An viel zu großen Rädern drehen
Allein der Ansatz, das ignorierte Fundament der Industriegesellschaft ins Rampenlicht zu stellen, ist eine Ausnahme-Leistung. Sie wird verdoppelt vom Porträt des Unternehmers als unbekanntem Wesen. Was immer Börsenblätter behaupten mögen: Über seinen Erfolg entscheiden nicht Habgier, Zockertum oder Rücksichtslosigkeit, sondern Nervenstärke.
Er dreht ständig an Rädern, die eigentlich viel groß für ihn sind. Wer das vermag, setzt sich durch. Wenn Abel am Ende beteuert, alles mit Anstand erreicht zu haben, wissen nur er und der Zuschauer, dass und inwieweit er fast nicht lügt. Als Fazit des besten Wirtschaftskrimis seit der Jahrtausendwende: J.C. Chandor ist ein Genie.
.
Diesen Button „Leseansicht umschalten“ bitte drücken. Alternative: Zum Aktivieren der
Leseansicht drücken Sie die Taste F9.
. Diesen
Button „Plastischen Reader aktivieren“ bitte drücken. Alternative: Ist dieser Button nicht
vorhanden, geben sie in der Adresszeile vor der URL manuell das Wort „read:“ ein und drücken sie
die Return-Taste. Dann erscheint dort „read://https_kunstundfilm.de...“. Alternative: Zum
Aktivieren der Leseansicht drücken Sie die Taste F9.