Klicken Sie für einen Ausdruck bitte hier oder benutzen Sie manuell die Druckfunktion Ihres Browsers.



Richard Hamilton: Swingeing London III, 1972. © Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich, Jean-Pierre Kuhn. Fotoquelle: C/O Berlin Foundation, Berlin

Blow Up – Antonionis Filmklassiker und die Fotografie


Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: In „Blow Up“ zeigte Michelangelo Antonioni, dass Fotografie wenig objektiv ist. Das entfaltet eine Ausstellung in der Galerie C/O Berlin glänzend mit Bildern der Swinging Sixties: Medientheorie als fröhliche Wissenschaft.


Am Anfang steht ein Film über das Fotografieren. Ihm folgt nun eine Ausstellung von Fotografien rund um diesen Film, mit ein paar Kunstwerken und etwas Medientheorie; das ergibt eine sehenswerte Multimedia-Schau. Sinnliche und subtile Aufnahmen fürs Auge, eine kurze Geschichte der Fotografie in den 1960er Jahren, dazu eine kluge Analyse von Dokumentation und Repräsentation, Realität und Wahrnehmung – aber keine intellektuelle Überforderung. Dafür jede Menge Models und ein live-Auftritt der „Yardbirds“.

 

Info

 

Blow Up – Antonionis Filmklassiker und die Fotografie

 

24.01.2015 – 10.04.2015

täglich 10 bis 20 Uhr

in der Galerie C/O Berlin, Amerika Haus, Hardenbergstraße 22–24, Berlin

 

Katalog 35 €

 

Weitere Informationen

 

Die Ausstellung mit rund 250 Exponaten wird nach Stationen in Wien und Winterthur nun in der Galerie C/O Berlin gezeigt. Ihre Relevanz liegt laut Kurator Walter Moser nicht nur im Rückblick auf die Fotografie-Geschichte, sondern vor allem in der Reflexion über Medien: Wie funktionieren sie, was erwarten wir von ihnen, was machen sie mit uns? Alles zeitlose und zugleich aktuelle Fragen.

 

Zurück in die Beat-Ära

 

„Blow Up“, 1966 von Michelangelo Antonioni gedreht und in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, ist ein Klassiker der Filmgeschichte und der swinging sixties. Stil und Charme des Filmes verdanken sich seiner Einbettung in die Londoner Beat-Ära. Doch medientheoretische Bedeutung gewinnt er durch sein zentrales Motiv des blow up; der Vergrößerung.

Interview mit Kurator Walter Moser + Impressionen der Ausstellung


 

Was sieht man bei Vergrößerung?

 

Antonioni hatte selbst Aquarelle gemalt und danach vergrößert. In „Blow Up“ thematisiert er, wie die Wahrnehmung von Wirklichkeit durch Vergrößerung verändert wird. Was geschieht dabei? Sieht man mehr oder genauer – oder etwas ganz anderes? Inwieweit erfasst eine Fotografie überhaupt die Realität?

 

Der beste Kommentar dazu ist ein Beitrag, der nicht dem Film entstammt, sondern zu den wenigen ergänzenden Werken zählt, die sehr stimmig ausgewählt wurden. Es handelt sich um „Cause of Death“ (1974) von John Hilliard; ein Vertreter der so genannten Konkreten Fotografie, die den Aufnahme-Prozess selbst untersucht.

 

Todesursache hängt vom Blickwinkel ab

 

Hilliard lichtet ein und denselben zugedeckten Körper, scheinbar eine Leiche, viermal am selben Ort ab – aber in unterschiedlichen Ausschnitten. Jedes der vier Bilder lässt auf eine andere Todesursache schließen: zerquetscht, ertrunken, verbrannt oder abgestürzt. So erweist sich eine wahrheitsgetreue Abbildung der Realität durch Fotografie, die früher im Gegensatz zur Malerei als völlig objektiv galt, als äußerst fragwürdig.

 

Das erfährt im Film „Blow Up“ der Modefotograf Thomas (David Hemmings), als er zufällig Zeuge eines Mordes zu werden glaubt. Doch seine Beweisfotos verschwinden ebenso wie die Leiche. Nur unbrauchbare Vergrößerungen seiner Aufnahmen bleiben übrig, in deren Körnung allein er selbst noch die Leiche zu erkennen meint. Was einer deutlicheren Sicht auf die Realität dienen sollte, führt dazu, dass die Perspektive des Zeugen für andere nicht mehr nachvollziehbar ist: Gesteigerte Präzision verflüchtigt die Objektivität.

Man findet Sinn erst im Nachhinein

 

Gelungen und unterhaltsam wird die Ausstellung, weil sie den Film nicht einfach nacherzählt, sondern wichtige Motivstränge aufgreift und entfaltet, die in Antonionis Werk verwoben sind. Der Fotograf als Voyeur, als paparazzo wie als Kriminalist, wird verknüpft mit Alfred Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ (1954), Federico Fellinis „La Dolce Vita“ (1960) und dem weniger bekannten Thriller „Peeping Tom“ (deutsch: „Augen der Angst“ von Michael Powell, 1959).

 

Dabei werden anspruchsvoll analytische Aspekte des Films nur kurz gestreift. Etwa das Motiv des Verschwindens in einer Tennis-Pantomime am Ende; oder abstrakte Gemälde von Thomas‘ Nachbar, der dem Künstler Ian Stephenson nachempfunden ist. „Man findet den Sinn erst im Nachhinein“, kommentiert er seine eigenen Werke. Das gilt im Film auch und gerade für die Fotografie.

 

Photo session als live sex show

 

Viel Raum nehmen dafür Elemente ein, die „Blow Up“ zu Antonionis größtem kommerziellen Erfolg werden ließen: Models und Modefotografie, Partys und Popmusik in den swinging sixties. Die Hauptfigur ist drei Londoner Modefotografen nachgebildet, die wegen ihres rebellisch-hedonistischen Stils als „Terrible Trio“ oder „Black Trinity“ bekannt waren: Brian Duffy, Terence Donovan und David Bailey.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Das nackte Leben: Bacon, Freud, Hockney und andere“ über „Malerei in London 1950-80“ im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Pasolini Roma“ – exzellente Retrospektive über Leben + Werk von Pier Paolo Pasolini im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Martin Scorsese”erste Retrospektive des US-Regisseurs weltweit im Museum für Film und Fernsehen, Berlin.

 

Die großartigen Anfangsszenen, in denen Thomas die Mannequins herumkommandiert und seine photo session mit dem Model Veruschka von Lehndorff wie ein Beischlaf wirkt, basieren direkt auf Baileys Arbeiten. Antonioni inszeniert diese Szenen dermaßen überzogen, dass seine Kritik an der Ausbeutung weiblicher Körper und dem Sexismus in der Modefotografie ins Auge springt.

 

Die Kamera löscht Realität aus

 

Wie die Hauptfigur widmeten sich Bailey und Donovan auch der Sozialfotografie; die Ausstellung zeigt eine Auswahl. Etwa Originale von Don McCullin, der kleine Leute im Londoner East End porträtierte; in „Blow Up“ legt Thomas diese Abzüge seinem Verleger vor. Andere Bilder berühren abermals Repräsentation und Dokumentation; etwa Philip Jones Griffiths‘ Aufnahmen einer Protest-Aktion gegen Atomwaffen 1962, in der Demonstranten am Themse-Ufer tote Atomschlag-Opfer nachstellten – im Jargon der Zeit ein die-in.

 

So löst die Schau das Versprechen ein, Medientheorie anschaulich und lebendig darzustellen. Sie führt vor, wie vielschichtig der Akt des Sehens beim Fotografieren ist: Die Bedeutung des Gesehenen wird erst post festum vor dem Hintergrund eigener Erwartungen konstruiert. Das war David Bailey bewusst: „Fotografieren ist großartig, weil die Kamera einen gewissermaßen beschützt“, sagte er im Interview: „Sie löscht die Realität aus. Denn man sieht alles nur noch durch die Kamera.“



Von Viola Nordsieck, veröffentlicht am 09.03.2015





URL zu diesem Artikel: https://kunstundfilm.de/2015/03/blow-up-antonioni/

Kurz-URL zu diesem Artikel: /wp.me/p1TwZ4-7r7