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Die Küste des Eismeers in der Barentssee als Wal-Friedhof. Foto: Wild Bunch Germany GmbH

Leviathan


(Kinostart: 12.3.) Hiob am Polarmeer: Ein braver Bürger wird von korrupten Beamten seiner Existenz beraubt. Realistische Reportage in betörenden Bildern, die Regisseur Swjaginzew zu aktueller Polit-Theorie erweitert − ein Augenschmaus für Russlandversteher.


Eine ganz normale Kleinstadt-Posse im heutigen Russland: Der Automechaniker Kolja (Alexej Serebrjakow) wohnt mit seiner zweiten Frau Lilia (Jelena Ljadowa) und seinem Sohn Roman in einem Haus mit Panorama-Blick aufs Polarmeer. Auf dieses Filet-Grundstück hat Bürgermeister Wadim Scheweljat (Roman Madjanow) ein Auge geworfen: Die Familie soll für einen Spottpreis ausziehen.

 

Info

 

Leviathan

 

Regie: Andrej Swjaginzew (Andrey Zvyagintsev),

140 Min., Russland 2014;

mit: Alexey Serebryakov, Elena Lyadova, Sergey Pokhodaev

 

Website zum Film

 

Kolja wehrt sich mithilfe von Dmitri (Wladimir Wdowitschenko); seit ihrem Militärdienst sind beide enge Freunde. Der Rechtsanwalt aus Moskau mit guten Kontakten reist mit einem Aktenordner voller „Kompromat“ an: Kompromittierendes Material belegt, wie korrupt Bürgermeister Wadim ist; damit will er ihn zur Aufgabe seines Plans zwingen. Doch der Platzhirsch, der Lokalverwaltung, Justiz und Kirche hinter sich weiß, schlägt zurück.

 

Wohnhaus für Kirche abgerissen

 

Nachdem sich Dmitri mit Kolja über dessen Frau Lilia entzweit hat, wird er mit brutaler Gewalt aus der Stadt vertrieben. Die verzweifelte Lilia stürzt sich ins Meer; ihr ebenso verzweifelter Gatte ergibt sich dem Suff. Was ihn nicht davor bewahrt, von Wadims Schergen vor Gericht gezerrt zu werden: Die Richter verurteilen ihn wegen Mordes zu 20 Jahren Straflager. Sein Haus wird abgerissen und dort eine goldglänzende orthodoxe Kirche errichtet.


Offizieller Filmtrailer


 

Rechtlosigkeit, Habgier + Weihrauchfässer

 

Alles ganz normal, wie gesagt: Ähnliches spielt sich ständig in allen Teilen des russischen Riesenreichs ab. Wie schon unter Iwan dem Schrecklichen, Peter dem Großen, Lenin, Stalin, Breschnjew und nun Putin: Die stabilsten Konstanten im notorisch schwachen Zarenreich sind völlige Rechtlosigkeit seiner Untertanen, gepaart mit skrupelloser Habgier und Grausamkeit der Mächtigen. Dazu schwenken Popen im Prunkornat ihre Weihrauchfässer. Voltaire würde sagen: Ecrasez l’infame!

 

Außergewöhnlich an der Geschichte ist nur, wie Regisseur Andrej Swjaginzew (englisch: Andrey Zvyagintsev) sie verfilmt hat: als betörend schönes Endspiel am Rande des ewigen Eises. Angesiedelt auf der Halbinsel Kola am Ufer der Barentssee; dort wirkt die Welt im bleichen Licht jungfräulich wie am ersten Schöpfungstag.

 

Blitzschach mit dem Zuschauer spielen

 

Unendliche Weiten aus Fels und Geröll in allen Grautönen sind spärlich mit struppiger Vegetation bewachsen und von silbrig schimmernden Fluten umspült. Die wenigen Menschen sehen wie verirrte Eindringlinge aus, die vom Aussterben bedroht sind. Was bald geschehen dürfte, wenn sie sich weiter so aufführen.

 

Solche apokalyptischen Schauplätze haben im russischen Autorenkino Tradition; es pflegt das Genre des „metaphysischen Films“. Dessen unbestrittener Meister war Andrej Tarkowskij (1932-1986): Seine Epen wie „Andrej Rubljow“ (1966), „Solaris“ (1972) und „Stalker“ (1979) rechneten mit dem ganzen Sowjet-System ab. Was KPdSU-Zensoren kaum bemerkten, weil Tarkowskij fast jede Einstellung symbolisch verschlüsselte: Er spielte Blitzschach mit dem Zuschauer.

 

Von prämierter Gewalt zu privater Ehehölle

 

Unter Tarkowskijs Nachfolgern beherrscht wohl nur Andrej Swjaginzew dieses Kino-Schach genauso souverän. Was jahrelanges Training erforderte: Sein Debüt „Die Rückkehr“ (Woswraschenije) gewann zwar auf Anhieb 2003 den Goldenen Löwen in Venedig, doch der gewaltgesättigte Ausflug eines Vaters mit seinen beiden Söhnen war fürs nichtrussische Publikum kaum verständlich − ebenso wenig „Die Verbannung“ (Isgnanije) von 2007.

 

„Jelena“ von 2011 trug schon deutlich realistischere Züge: Ein alter Pfeffersack will seine junge Frau enterben, deren Fürsorge er sein Leben verdankt. Also vergiftet sie ihn und teilt den Nachlass mit dessen Tochter. Auch eine Konstellation, die in Russland öfter vorkommen dürfte, aber letztlich eine private Ehehölle wie bei Ibsen, Strindberg oder Ingmar Bergman.

Statt Lichtlein Volltreffer in die Fresse

 

Mit „Leviathan“ wendet sich Swjaginzew nun dem Erzübel seiner Heimat zu: dem Staatsapparat. Er war und ist der erbarmungslose Feind aller Bürger, die er durch Abgaben und Schmiergelder ausquetscht, sie in maroden Fabriken schuften und verseuchten Städten vegetieren lässt, während ihre Söhne im Militärdienst verrohen, bevor sie im nächsten Krieg Kanonenfutter werden. Vom (neo-)feudalen Herrschaftssystem profitieren allein die Nomenklatura und ihre Günstlinge.

 

Davon erzählt der Film schnörkellos linear und unsentimental. In erlesenen Bildern schickt er Kolja durch Wechselbäder der Gefühle zwischen Erwartung und Enttäuschung, Schmerz über Schicksalsschläge und sein fassungsloses Entsetzen, wenn es noch ärger kommt. Und wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt nicht etwa von irgendwo ein Lichtlein her, sondern der nächste Volltreffer in die Fresse. Keine Hoffnung, nirgends.

 

Suff + Flüche in Russland zensiert

 

Das kommt in Russland naturgemäß nicht besonders gut an; zumindest nicht bei den Herren über die Medien. Kulturminister Wladimir Medenski, dessen Haus für ein Drittel der Produktionskosten aufkam, rügte, in „Leviathan“ würde zuviel gesoffen und geflucht. Prompt wurde der Film für die russischen Kinos zensiert.

 

Dem entgegnet Regisseur Swjaginzew spitzbübisch, ihn wundere, dass sein Werk so „ernst wie ein Dokumentarfilm“ genommen werde. Und er hat Recht: Dieser „metaphysische Film“ ist eher sein Beitrag zur politischen Theorie der Neuzeit. Der Schlüssel dazu steckt im Titel. „Leviathan“ heißt nicht nur ein Seeungeheuer im Buch Hiob des Alten Testaments, sondern auch das 1651 veröffentlichte Hauptwerk von Thomas Hobbes.

 

Vom Naturzustand zum Gewaltmonopol

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Der Fall Chodorkowski“ – Dokumentation über den langjährig inhaftierten Oligarchen von Cyril Tuschi

 

und hier einen Bericht über die Dokumentation “Die Moskauer Prozesse” – Re-Inszenierung der Schauprozesse gegen russische Künstler von Milo Rau

 

und hier eine Rezension des Films “Stille Seelen – Ovsyanki” – elegisches Road Movie über Begräbnis- Riten im Norden Russlands von Alexej Fedorchenko

 

und hier einen Beitrag über den Film “How I ended this summer” – brillantes Psycho-Duell auf russischer Polarstation von Alexej Popogrebsky, prämiert mit drei Silbernen Bären bei der Berlinale 2010.

 

Es hatte eine ungeheure Wirkung: Indem Hobbes den Staat rational begründete, beendete er das Zeitalter der Religionskriege. Sein Grundgedanke war einfach: Ohne Staat befanden sich die Menschen im Naturzustand, in dem jeder ungestraft jeden umbringen konnte − dauernde Todesgefahr machte ihr Leben „einsam, armselig, scheußlich, tierisch und kurz“.

 

Um dieses Elend zu überwinden, traten die Menschen jede Macht an eine einzige Instanz ab: den Staat. Sein Gewaltmonopol beruht auf dem Versprechen, das Leben aller Bürger zu schützen. Dafür sind ihm alle Mittel gestattet: Der Herrscher kann seinen Landsleuten alles abverlangen, was ihrem Lebenserhalt dient − so lautet der Gesellschaftsvertrag.

 

Wieder menschenfressendes Ungeheuer

 

Er gilt im Grundsatz bis heute; auch wenn mit Gewaltenteilung und Volkssouveränität ein paar Schutzklauseln und Ausführungs-Bestimmungen hinzu gekommen sind. Zumindest in zivilisierten Breiten − aber nicht in Russland: Der Kreml presst aus seinen Untertanen alles heraus, ohne ihnen zumindest das Weiterleben zu garantieren.

 

Damit bricht der Staat den Gesellschaftsvertrag und verwandelt sich zurück ins menschenfressende Ungeheuer aus der Bibel; das ist die Pointe des Filmtitels. Wobei es gleichgültig bleibt, ob er seine Kriege mit Religion − wie im Zeitalter vor Hobbes − oder dem „Sammeln heiliger russischer Erde“ rechtfertigt: In jedem Fall wird im russischen Naturzustand das Leben „einsam, armselig, scheußlich, tierisch und kurz“.

 

Der nächste Emigrant

 

„Wann hören die Russen endlich mit dem Krieg auf?“, fragte der Journalist Wolfgang Büscher in seinem Reise-Bestseller „Berlin − Moskau“ schon 2003: „Mit dem Krieg gegen sich selbst.“ Zwölf Jahre später fragt sich, wie lange der 51-jährige Swjaginzew in seiner Heimat noch Filme drehen darf. Im selben Alter musste sein Vorgänger Tarkowskij 1983 nach Westeuropa emigrieren; er starb drei Jahre später in Paris an Krebs.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 12.03.2015





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