München

Myanmar – Von Pagoden, Longyis und Nat-Geistern

Buddhistische Nonnen auf dem Weg zum Kloster Loikaw. © Birgit Neiser. Fotoquelle: Museum Fünf Kontinente, München

Offizielle Liste der 37 Nat-Geister

 

Der Geisterglaube ist in Myanmar weit verbreitet, besonders der an die 37 Nat-Geister: Sie repräsentieren einst besiegte Fürsten, die nun ruhelos ihr Unwesen treiben. Um sie zu besänftigen, werden aufwändige Riten und Feste abgehalten; eine magische Praxis, um ehedem unterworfene Völker symbolisch an die Nation zu binden. Daher gibt es eine „offizielle“ Liste der 37 Nats, die zuweilen – je nach politischer Lage – geändert wurde.

 

Rituelle Bedeutung hat ebenso das Spiel mit Marionetten. Das Museum verfügt über eine stattliche Kollektion dieser unglaublich fein beweglichen und dadurch höchst lebendig wirkenden Figuren. Myanmars Marionetten-Theater, dessen Stücke die buddhistische Ethik vermitteln, drohte durch Kino und Fernsehen auszusterben; seit einiger Zeit erlebt es eine kleine Renaissance.

 

Salat aus gepökelten Tee-Blättern

 

Auch Esskultur kommt vor. Myanmar ist wohl das einzige Land der Welt, in dem Tee nicht nur getrunken, sondern auch gegessen wird: Der Tee-Salat lahpet ist ein beliebter Imbiss. Dazu werden fermentierte Teeblätter gepökelt, mit Knoblauch, Chili und Öl vermengt und mit Knabbereien gereicht. Die Utensilien dafür sind hier zu sehen; etwa schwarzes Lackgeschirr mit roter und goldener Bemalung. Außerdem fantasievoll verzierte Nuss-Schneider für Betel-Genuss: Das Kauen von Araka-Nüssen, Betel-Blättern und Kalk wirkt leicht stimulierend.

 

Erst in den letzten Räumen erzählen Gemälde zeitgenössischer Künstler dann ein wenig über die politischen Verhältnisse in Myanmar. Etwa die Vorreiter-Rolle der Mönche im Kampf gegen die Militärdiktatur: Bei Demonstrationen 2007 trugen sie umgedrehte Almosenschale als Zeichen ihres stummen Protests gegen die Machthaber.

 

Stimmungsvolle Reisekatalog-Präsentation

 

Hier trifft man auch auf das Bild der Bürgerrechtlerin und Friedennobelpreisträgerin von 1991, Aung San Suu Kyi. Die Tochter des Unabhängigkeits-Helden Aung San kehrte 1988 in ihre Heimat zurück und stand 15 Jahre unter Hausarrest; 2012 zog sie ins Parlament ein. „Die Freiheit der Gedanken beginnt mit dem Recht, Fragen zu stellen. Dieses Recht hatten die Menschen so lange nicht mehr, dass manche jungen Leute nicht einmal mehr wissen, wie Fragen gestellt werden“, beschrieb sie 2013 den Zustand ihres Landes.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Mythos Goldenes Dreieck – Bergvölker in Südostasien“ im Ethnologischen Museum, Berlin-Dahlem

 

und hier eine Besprechung des Films „The Lady – Ein geteiltes Herz“ – Biopic über die Friedens-Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi von Luc Besson

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über die Doku „This Prison where I live“ von 2010 über den in Myanmar inhaftierten Dissidenten-Komiker Zarganar (der 2011 frei kam) von Rex Bloomstein + Michael Mittermeier.

 

Darüber hinaus erfährt man über die neuere Geschichte in dieser Ausstellung wenig; sie setzt mehr auf stimmungsvolle Reisekatalog-Präsentation. So sorgfältig die ethnologischen Objekte erläutert werden, so hilflos zeigt sich die Schau bei der Betrachtung der Gegenwart; kaum wird erwähnt, dass Myanmar unter den ärmsten Ländern der Welt rangiert.

 

Buddhisten-Pogrome gegen Moslems

 

Solche Informationen findet man nur im schön gestalteten und lesenswerten Begleitband, der dem raschen Wandel seit 2011 und jüngsten Entwicklungen viel Platz einräumt. Etwa der massiven Einflussnahme, die China auf seinen langjährigen Verbündeten ausübt: Beijing hat quer durchs Land eine Pipeline legen lassen und will am Indischen Ozean einen Hafen unter eigener Regie aufbauen. Andere Akteure wollen ebenso Myanmars Rohstoff-Reichtum ausbeuten.

 

Auch ethnische Konflikte werden nicht verschwiegen: Spannungen im Westen des Landes zwischen Buddhisten und Rohingya-Muslimen eskalierten 2012 in blutigen Pogromen, bei denen Hunderttausende Moslems vertrieben wurden. Der Übergang zur Demokratie verläuft also keineswegs konfliktfrei. 2015 sollen in Myanmar Präsidentschaftswahlen stattfinden, die Aung San Suu Kyi gewinnen will. Falls ihr das gelingt, dürfte ihr Nimbus als Ikone der Freiheits-Bewegung rasch im politischen Alltagsgeschäft verblassen.