Klicken Sie für einen Ausdruck bitte hier oder benutzen Sie manuell die Druckfunktion Ihres Browsers.



Blick auf Pagoden in Bagan, 10. bis 13. Jh., © Heinz Schoeneich. Fotoquelle: Museum Fünf Kontinente, München

Myanmar – Von Pagoden, Longyis und Nat-Geistern


Ein Land wird neu entdeckt: 50 Jahre war das frühere Burma abgeschottet und unzugänglich; seit 2011 öffnet es sich zögerlich. Die Kulturen seiner 135 Völker präsentiert das Museum Fünf Kontinente glänzend – und spricht über Politik nur im Katalog.


Nach 50 Jahren internationaler Isolation ist das Interesse enorm: Zwei große Ausstellungen in München und Stuttgart zur gleichen Zeit widmen sich Myanmar. Das südostasiatische Land hieß bis 1989 Burma und wurde ein halbes Jahrhundert lang von einer brutalen Militär-Diktatur beherrscht. Seit 2011 demokratisiert sich der Vielvölkerstaat und öffnet sich wieder der Außenwelt – Grund genug, seine kaum bekannte Kultur endlich ausgiebig vorzustellen.

 

Info

 

Myanmar – Von Pagoden, Longyis und Nat-Geistern

 

19.09.2014 – 03.04.2016

täglich außer montags

9.30 bis 17.30 Uhr

im Museum Fünf Kontinente, Maximilianstraße 42, München

 

Begleitband 24,80 €

 

Weitere Informationen

 

Dabei kann das ethnologische Museum in München, das sich seit September 2014 „Museum Fünf Kontinente“ nennt, reiche hauseigene Bestände nutzen: Der frühere Direktor Lucius Sherman hatte 1911 mit seiner Frau Christine von einer Reise in die damalige britische Kolonie 2300 ethnografische Objekte und 1200 Fotografien mitgebracht – eine der umfangreichsten derartigen Sammlungen weltweit.

 

Flickenteppich aus 135 Völkern

 

Neben der größten Volksgruppe Myanmar zählen zu den 57 Millionen Einwohnern – je nach Unterteilung – zwischen 68 und 135 Völker, die Dutzende von Idiomen aus fünf verschiedenen Sprachfamilien sprechen; einige davon kämpfen seit Jahrzehnten gegen die Zentralregierung. Diesen kulturellen Flickenteppich in seiner ganzen Vielfalt will die multimedial inszenierte Schau ausrollen.


Impressionen der Ausstellungen


 

Zweitgrößter Opium-Exporteur der Welt

 

Sie schickt den Besucher auf eine Reise durch zwölf Räume, in denen historische Exponate mit heutigen Alltagsgegenständen kontrastiert werden. Man durchquert quasi das ganze Land – etwa doppelt so groß wie die Bundesrepublik – von der Südküste am Indischen Ozean bis in den gebirgigen Norden.

 

Es geht los mit einem kleinen Marktplatz, der mit echten Waren bestückt ist. Märkte sind die sozialen und kommunikativen Zentren des Landes, wovon die Überfülle exotischer Produkte zeugt: von traditioneller Medizin und longyi-Beinkleidern bis zu quietschbunten Plastik-Importen. Beiläufig erfährt man, dass aus dem „Goldenen Dreieck“ im Nordosten von Myanmar viel Opium exportiert wird: nach Afghanistan die zweitgrößte Menge der Welt.

 

Brillen-Buddha heilt Augenleiden

 

Dann folgen Einblicke in den Theravada-Buddhismus, dem fast 90 Prozent der Bevölkerung angehören. Aufwändig geschmückte Pagoden, Schreine und Tempel-Figuren sowie rituelle Kleider und Gerätschaften zeugen von der tiefen Gläubigkeit im Land, das rund 400.000 Mönche zählt. Sie genießen hohes Ansehen; jeder Knabe geht mit sieben Jahren für einige Zeit ins Kloster. Freundlich-lebenspraktisch zeigt sich die Religion beim weltweit einzigen „Brillen-Buddha“ von Schwedaung – zuständig für Augenleiden aller Art.

 

Die Tour führt weiter ins Landesinnere: Man trifft auf Speere, Helme und mit Affen-Schädeln dekorierten Kriegsschmuck des wehrhaften Naga-Volkes, das beiderseits der Grenze zu Indien lebt. Derlei kauften die Shermans; dagegen erhielten sie schöne Trachten der Katurr-Palaung-Frauen von Stammesfürsten geschenkt. Den Schmuck der Chin-Frauen konnten die Reisenden aber nicht mitnehmen: Sie tragen großflächige Tätowierungen im Gesicht.

 

Musiker sitzt im Trommel-Kreis

 

Danach werden die geschickten Einbein-Ruderer vom Inle-See vorgestellt. Auf diesem Gewässer wird Gemüse in „schwimmenden Gärten“ gezogen; deren Wasserbedarf lässt jedoch den See langsam austrocknen. Man begegnet auch den Fischern am Chindwhin-Fluss. Die umliegenden Wälder lieferten schon den Briten das begehrte Teakholz; es ist bis heute neben Edelsteinen wie Rubinen einer der wichtigsten Exportartikel von Myanmar.

 

Wichtige Elemente der Kultur von Myanmar sind Musik und Marionetten-Theater. Traditionelle Ensembles spielen 32 Trommeln, mehr als 70 Gongs und weitere Instrumente. Die Trommeln sind zum hsaing waing-Kreis angeordnet; der Musiker sitzt mittendrin. Ihn begleiten Klänge von Krokodil-Zithern und Bogenharfen. Ähnlich eindrucksvoll ist eine große silberne Kesseltrommel des Shan-Volkes; damit werden Geister der Ahnen besänftigt.

Offizielle Liste der 37 Nat-Geister

 

Der Geisterglaube ist in Myanmar weit verbreitet, besonders der an die 37 Nat-Geister: Sie repräsentieren einst besiegte Fürsten, die nun ruhelos ihr Unwesen treiben. Um sie zu besänftigen, werden aufwändige Riten und Feste abgehalten; eine magische Praxis, um ehedem unterworfene Völker symbolisch an die Nation zu binden. Daher gibt es eine „offizielle“ Liste der 37 Nats, die zuweilen – je nach politischer Lage – geändert wurde.

 

Rituelle Bedeutung hat ebenso das Spiel mit Marionetten. Das Museum verfügt über eine stattliche Kollektion dieser unglaublich fein beweglichen und dadurch höchst lebendig wirkenden Figuren. Myanmars Marionetten-Theater, dessen Stücke die buddhistische Ethik vermitteln, drohte durch Kino und Fernsehen auszusterben; seit einiger Zeit erlebt es eine kleine Renaissance.

 

Salat aus gepökelten Tee-Blättern

 

Auch Esskultur kommt vor. Myanmar ist wohl das einzige Land der Welt, in dem Tee nicht nur getrunken, sondern auch gegessen wird: Der Tee-Salat lahpet ist ein beliebter Imbiss. Dazu werden fermentierte Teeblätter gepökelt, mit Knoblauch, Chili und Öl vermengt und mit Knabbereien gereicht. Die Utensilien dafür sind hier zu sehen; etwa schwarzes Lackgeschirr mit roter und goldener Bemalung. Außerdem fantasievoll verzierte Nuss-Schneider für Betel-Genuss: Das Kauen von Araka-Nüssen, Betel-Blättern und Kalk wirkt leicht stimulierend.

 

Erst in den letzten Räumen erzählen Gemälde zeitgenössischer Künstler dann ein wenig über die politischen Verhältnisse in Myanmar. Etwa die Vorreiter-Rolle der Mönche im Kampf gegen die Militärdiktatur: Bei Demonstrationen 2007 trugen sie umgedrehte Almosenschale als Zeichen ihres stummen Protests gegen die Machthaber.

 

Stimmungsvolle Reisekatalog-Präsentation

 

Hier trifft man auch auf das Bild der Bürgerrechtlerin und Friedennobelpreisträgerin von 1991, Aung San Suu Kyi. Die Tochter des Unabhängigkeits-Helden Aung San kehrte 1988 in ihre Heimat zurück und stand 15 Jahre unter Hausarrest; 2012 zog sie ins Parlament ein. „Die Freiheit der Gedanken beginnt mit dem Recht, Fragen zu stellen. Dieses Recht hatten die Menschen so lange nicht mehr, dass manche jungen Leute nicht einmal mehr wissen, wie Fragen gestellt werden“, beschrieb sie 2013 den Zustand ihres Landes.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Mythos Goldenes Dreieck – Bergvölker in Südostasien“ im Ethnologischen Museum, Berlin-Dahlem

 

und hier eine Besprechung des Films „The Lady – Ein geteiltes Herz“ – Biopic über die Friedens-Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi von Luc Besson

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über die Doku „This Prison where I live“ von 2010 über den in Myanmar inhaftierten Dissidenten-Komiker Zarganar (der 2011 frei kam) von Rex Bloomstein + Michael Mittermeier.

 

Darüber hinaus erfährt man über die neuere Geschichte in dieser Ausstellung wenig; sie setzt mehr auf stimmungsvolle Reisekatalog-Präsentation. So sorgfältig die ethnologischen Objekte erläutert werden, so hilflos zeigt sich die Schau bei der Betrachtung der Gegenwart; kaum wird erwähnt, dass Myanmar unter den ärmsten Ländern der Welt rangiert.

 

Buddhisten-Pogrome gegen Moslems

 

Solche Informationen findet man nur im schön gestalteten und lesenswerten Begleitband, der dem raschen Wandel seit 2011 und jüngsten Entwicklungen viel Platz einräumt. Etwa der massiven Einflussnahme, die China auf seinen langjährigen Verbündeten ausübt: Beijing hat quer durchs Land eine Pipeline legen lassen und will am Indischen Ozean einen Hafen unter eigener Regie aufbauen. Andere Akteure wollen ebenso Myanmars Rohstoff-Reichtum ausbeuten.

 

Auch ethnische Konflikte werden nicht verschwiegen: Spannungen im Westen des Landes zwischen Buddhisten und Rohingya-Muslimen eskalierten 2012 in blutigen Pogromen, bei denen Hunderttausende Moslems vertrieben wurden. Der Übergang zur Demokratie verläuft also keineswegs konfliktfrei. 2015 sollen in Myanmar Präsidentschaftswahlen stattfinden, die Aung San Suu Kyi gewinnen will. Falls ihr das gelingt, dürfte ihr Nimbus als Ikone der Freiheits-Bewegung rasch im politischen Alltagsgeschäft verblassen.



Von Roberta De Righi + Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 02.03.2015





URL zu diesem Artikel: https://kunstundfilm.de/2015/03/myanmar-pagoden-longyis-nat-geistern/

Kurz-URL zu diesem Artikel: /wp.me/p1TwZ4-7yB