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Die drei Rassen, 1898 , © 2015. Digital Image: Los Angeles County Museum. Fotoquelle: Kunsthalle Bremen

Emile Bernard – Am Puls der Moderne


Der Avantgardist als bekennender Reaktionär: Emile Bernard arbeitete mit Toulouse-Lautrec, Gauguin und Van Gogh zusammen, bevor er sich einem altmeisterlichen Stil verschrieb. Den fast Vergessenen will die Kunsthalle nun hierzulande rehabitilieren.


„Und trotzdem bin ich quasi unbekannt…“, seufzte Emile Bernard (1868-1941) als 50-Jähriger im Oktober 1918. Der Malerfreund und Weggefährte von Henri de Toulouse-Lautrec, Paul Gauguin und Vincent van Gogh kooperierte und konkurrierte mit den Gründervätern der modernen Malerei. Ohne ihn wären die Weichen der französischen Avantgarde vielleicht anders gestellt worden.

 

Info

 

Emile Bernard -
Am Puls der Moderne

 

07.02.2015 - 31.05.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

dienstags bis 21 Uhr

in der Kunsthalle Bremen, Am Wall 207

 

Weitere Informationen

 

Die Retrospektive in der Kunsthalle Bremen entstand in Kooperation mit zwei Pariser Museen. Sie soll „den ganzen Bernard“ zeigen, so die Kuratorin Dorothee Hansen – und ihm mit allen Wendungen und Brüchen seiner persönlichen Entwicklung „seinen rechtmäßigen Platz in der Geschichte der modernen Malerei“ geben.

 

Zurück zur Renaissance

 

Tatsächlich zeigt die Schau Bernard als einen Radikalen, der sein Leben lang nach Antworten auf Grundfragen der Malerei suchte und sich dabei nie den Lehrmeinungen seiner Zeit unterwarf. Er regte die Postimpressionisten zu ihrer Suche nach neuen Ausdrucksformen an. Doch als Anfang des 20. Jahrhunderts die Moderne den Weg in die Abstraktion einschlug, besann er sich zurück auf Renaissance-Meister – und beharrte Jahrzehnte lang auf dieser Entscheidung.


Interview mit Kuratorin Dorothee Hansen + Impressionen der Ausstellungen; © Kunsthalle Bremen

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Atelier-Ausschluss wegen Unbotmäßigkeit

 

Dieser Eigensinn erklärt, warum Bernard bis heute völlig unterbewertet ist. Trotz seiner wichtigen Rolle unter den Künstlern seiner Zeit und seinen wegweisenden Arbeiten für den so genannten Synthetismus und Symbolismus ist sein Werk wenig bekannt. Seine Bilder erzielen nur Bruchteile der Preise von denjenigen Gauguins oder Van Goghs – obwohl er beide nachhaltig beeinflusst hat.

 

Meist wird nur die kurze Schaffensphase von 1887 bis 1889 beachtet, als er mit beiden Malern in der bretonischen Künstlerkolonie Pont-Aven zusammenarbeitete. Da war der 18-jährige gerade wegen „Unbotmäßigkeit“ aus dem Pariser Atelier von Fernand Cormon ausgeschlossen worden; dort hatte er gemeinsam mit Toulouse-Lautrec studiert.

 

850 Entwürfe in Rechnungsbuch

 

Federskizzen dieser frühen Phase machen in der Ausstellung die rasante Entwicklung des Künstlers sichtbar: In ein altes Rechnungsbuch hatte Bernard im Lauf der Jahre akribisch mehr als 850 Handzeichnungen und Schnipsel eingeklebt. Das digitalisierte Sammelsurium kann der Besucher an einem touchscreen von ersten Schulbank-Skizzen bis zu Entwürfen für die Spätwerke ungezwungen durchblättern.

 

Nach dem Atelier-Rausschmiss unternimmt Bernard eine sechsmonatige Wanderreise durch die Bretagne. Anhand von Landschafts-Skizzen lässt sich gut ablesen, wie sich sein künstlerischer Blick verändert: Nach einigen pointilistischen Versuchen in Öl reduziert er seine Bildflächen holzschnittartig auf fast geometrische Linien.

 

Großmutter-Bild in Van Goghs Atelier

 

Die setzt er dunkel ab, während er die Flächen mit immer reineren Farben füllt. „Cloisonismus“ wird diese Variante flächiger Abstraktion genannt. Bernard gibt dem neuen Stil seine ganz eigene Prägung, welche die Symbolisten in Pont-Aven eifrig aufnehmen.

 

Das wird in der Ausstellung durch einander gegenüber gestellte Werke sehr anschaulich. So hat sich Van Gogh erkennbar bemüht, mit seinem Gemälde „Alte Frau aus Arles“ auf Bernards radikales „Porträt der Großmutter“ zu antworten; der Niederländer bewunderte es so sehr, dass er es bis zu seinem Tod in seinem Atelier hängen ließ. Auch Gauguin wetteiferte mit Bernard in der Gestaltung von Stillleben, ohne je dessen Abstraktionsgrad zu erreichen.

 

Erstes Porträt als flaumbärtiger Jüngling

 

Bernards künstlerischer Selbstfindungs-Prozess lässt sich auch anhand der zahlreichen Selbstporträts nachvollziehen, mit denen er geradezu akribisch den Wandel seines Malstils dokumentiert hat. Das erste Bernard-Porträt der Ausstellung ist noch von Toulouse-Lautrec gemalt; es zeigt einen flaumbärtigen Jüngling von kaum 18 Jahren im spätimpressionistischen Stil.

Van Goghs Tod + Gauguins Verrat

 

1890, nach zwei Jahren Auseinandersetzung mit Gauguin, fertigt er dann ein Selbstporträt vor eigenen Werken an, das Manifest-Charakter hat: Es ist in großen, scharf abgegrenzten Farbflächen gehalten, deren satte Struktur aus dichten, senkrechten Pinselstrichen besteht. Mit dieser programmatisch reduzierten Komposition ist Bernard ganz nah „am Puls der Moderne“, doch die nächste radikale Wende kündigt sich bereits an.

 

Nach dem Selbstmord seines Freundes Van Gogh und dem „Verrat“ Gauguins, der sich in Paris als alleiniger Erfinder des Synthetismus feiern lässt, brechen die zwei wichtigsten Säulen seiner künstlerischen Existenz innerhalb weniger Monate weg. Bernard gerät in eine tiefe Krise. Sie findet ihren Ausdruck in den religiösen Bildern der frühen 1890er Jahre, im „Vision“ betitelten Selbstporträt und einer Illustration, in der er sich gegen schwer heranrollende Wellen stemmt, umgeben von schwarzen Vögeln und Schatten.

 

Heirat mit junger Syrerin

 

Bernard geht wieder auf Reisen. Es ist eine Flucht vor dem Pariser Kunstbetrieb, der ihn nicht anerkennen will, und ebenso vor der drohenden Einziehung zum Militärdienst. In Italien studiert er Alte Meister; in Ägypten verschreibt er sich der Farbenwelt Nordafrikas. Seine Bilder finden zur beeindruckenden Leuchtkraft der bretonischen Phase zurück. Zudem heiratet er: Ein Selbstbildnis von 1894 zeigt den 25-Jährigen mit seiner jungen syrischen Frau.

 

Das Paar bekommt fünf Kinder, doch drei von ihnen sterben im Kleinkindalter. Als seine geliebte Schwester Madeleine, die ihm nach Kairo gefolgt ist, dort an Tuberkulose stirbt, zieht die junge Familie für einige Monate nach Südspanien. Tief verstört setzt sich Bernard noch intensiver als zuvor mit den Malern der Spät-Renaissance auseinander. Unter dem Eindruck der Bilder von Zurbarán und El Greco entschließt er sich, aus den Werken der alten Meister „Gesetze abzuleiten, die die großartige Entfaltung der Schönheit ermöglichen“.

 

Glaube an Gott, Tizian + Raffael

 

Selbstporträts nach dem Spanien-Aufenthalt 1896/7 zeigen gedecktere Farben, plastische Tiefe und geradezu manieristische Hell-Dunkel-Kontraste vor türkisblauem Hintergrund – ein Stilwandel, der in der Pariser Kunst-Szene auf Unverständnis stößt. Sein niederländischer Förderer Andries Bonger schickt ihm fortan kein Geld mehr. Später schreibt ihm Bernard: „Sie sind in den unglückseligen Theorien gefangen, die ich damals selbst vertreten habe, und die eine Deformierung und eine Übertreibung der Farbe befürworten.“

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Schönheit und  Geheimnis: Der deutsche  Symbolismus – Die andere Moderne" in der Kunsthalle Bielefeld

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Monet, Gauguin, van Gogh … Inspiration Japan" mit Kunst der Nabis + des Symbolismus im Museum Folkwang, Essen

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung Dekadenz – Positionen des österreichischen Symbolismus im Belvedere, Wien.

 

Trotz aller Ablehnung ließ sich Bernard von seiner Rückwendung zur idealisierenden Malerei nicht abbringen, obwohl ihn das seinen Platz unter den Künstlern der Avantgarde kostete. Rodolphe Rapetti, Kurator der Pariser Ausstellung, nennt seinen Kurs eine „polemische Malerei“. So wollte Bernard wohl auch verstanden werden, als er 1908 bekannte: „Ich glaube an Gott, an Tizian und an Raffael“.

 

Malerfürst im Purpur-Umhang

 

Mit dieser Haltung war er nicht allein. Andere Künstler der Moderne sollten später gleichfalls klassizistische Phasen durchleben. Kuratorin Hansen führt gar die „blaue Periode“ des jungen Pablo Picasso auf seine Begegnung mit Werken Bernards zurück: Dieser hatte 1901 in der Galerie Vollard unmittelbar vor Picasso eine Ausstellung.

 

Bernard schuf noch fast dreißig Jahre lang mit unbeugsamer Konsequenz quasi-manieristische Akte wie Tizian oder Tintoretto. Mit dem Erbe seines Vaters erfüllte er sich 1911 seinen Traum von einem Atelier auf der Pariser Ile St. Louis. Ein Jahr darauf malte er jenes Selbstbildnis im Purpur-Umhang, das ihn aussehen ließ wie ein venezianischer Malerfürst der Spätrenaissance. Als solcher wollte er sich wohl gerne selbst sehen.



Von Amelie zu Putlitz, veröffentlicht am 06.04.2015





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