Berlin

Ich. Menzel zum 200. Geburtstag + Blinde Blicke. Sehen und Nicht-Sehen bei Adolph Menzel

Adolph Menzel: Wilmersdorf bei Berlin (Detail), 1853, Öl auf Leinwand auf Karton, Fotoquelle: Stadtmuseum Berlin

Kreuzberg als malerische Wüstenei

 

Als Menzel 1903 sein Gemälde „Am Kreuzberg bei Berlin“ für damals stolze 18.000 Mark an das Märkische Museum verkauft, tut er es nur unter der „Bedingung, das Bild nach Gefallen zu vollenden“ – was dann glücklicherweise unterbleibt. Widersprochen hätte ihm sicher niemand.

 

Das 1847 entstandene und unvollendet gebliebene Landschaftsbild, das Menzels Malerfreund Paul Meyerheim eine „wunderbar malerische Wüstenei“ genannt hat, ist jetzt nicht nur das Glanzstück der Ausstellung im Märkischen Museum. Es gehört auch zu jener Gruppe von Vorstadt-Landschaften und Interieurbildern meist aus den 1840er Jahren, dank derer Menzel nach 1900 zum Vorläufer der Moderne deklariert wurde.

 

Demokratisierung der Sichtwinkel

 

Menzels lockere Malweise, gern mit der genauen Kenntnis der romantischen Landschaftsmalerei von Carl Blechen, Johan Christian Dahl oder des englischen Proto-Realisten John Constable erklärt, bewegt sich durchaus im Spektrum seiner Zeit. Irritierend hingegen wirken neben einer Vorliebe für antirepräsentative Schauplätze vor allem bewusst eingesetzte perspektivische Verschiebungen innerhalb ein und desselben Bildes: als Spiel mit Bildraum und Betrachter.

 

In seinem Katalogbeitrag deutet Florian Illies diese „Demokratisierung der Sichtwinkel“ als Teil einer Kompensations-Strategie des nur 140 Zentimeter großen Künstlers: Er musste zum Malen zuweilen buchstäblich auf eine Leiter klettern. Einen psychologisierenden Ansatz verfolgt auch die in ihrer thematischen Konzentration kaum zu überbietende Ausstellung „Blinde Blicke“ in der Alten Nationalgalerie. Mit Blick-Beziehungen und -Hierarchien hat sich Menzel, der stark kurzsichtig war, zeitlebens genauso obsessiv befasst wie mit der Darstellung optisch-mechanischer Sehhilfen sowie der Thematisierung des Nicht-Hinsehens oder Nichtsehen-Könnens.

 

Mit den Zootieren Besucher anblicken

 

Diese Kabinettschau zeigt nun aus dem überbordenden Berliner Menzel-Bestand eine Auswahl, die die Bandbreite ihrer Fragestellung vorführt: von der Lithografie „Der Bärenzwinger im Zoologischen Garten“ (1851), bei der Menzel den Betrachter aus der Perspektive der eingesperrten Tiere zu den Zoobesuchern aufblicken lässt, bis zu einer Auswahl von Figurenstudien aller Schaffensperioden, bei denen der offenbar unzufriedene Künstler nachträglich Partien des Kopfes samt der Augen sorgfältig herausgeschnitten hat.

 

Wie stark für Menzel der Akt des Sehens mit der Frage nach der Lesbarkeit von Welt verbunden war, zeigt ein Blatt wie das Pastell „Dame mit Opernglas“ (um 1850). Zu sehen ist die so summarisch wie virtuos gezeichnete Frau in halber Rückenansicht von oben, vermutlich in einer Theaterloge sitzend.

 

Opernglas wie digitale Sehhilfe

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Constable, Delacroix, Friedrich, Goya: Die Erschütterung der Sinne“ mit Werken von Adolph Menzel in der Galerie Neue Meister im Albertinum, Dresden

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Friederisiko“ zum 300. Geburtstag von Friedrich dem Großen im Neuen Palais, Potsdam

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “John Constable – Maler der Natur” – erste Retrospektive des englischen Proto-Realisten in der Staatsgalerie Stuttgart

 

Ihr linker Arm, der das Opernglas hält, verschwindet völlig hinter dem Körper – das Opernglas scheint mit dem Kopf symbiotisch zu verschmelzen. Unweigerlich denkt man heute an jene unförmigen digitalen Sehhilfen, die die physischen Grenzen zwischen Individuum und all over-Designerwelten auflösen sollen.

 

Für Menzel war der Sehsinn, ob gestört, gelenkt oder geschärft, weit mehr als ein Fetisch. Intensives Sehen bildete für ihn nicht nur die Grundlage jeder Kunst, sondern lieferte zugleich das Fundament ihrer Beurteilung. Doch seine eigene Art der Selbstbefragung, ob zeichnend oder grübelnd, konnte ihn auch alle Konventionen vergessen lassen. Bezeichnend ist die Anekdote über Menzels Umgang mit dem Kunstsammler und Mäzen Adolph Thiem; der Maler Hanns Fechner hat sie überliefert.

 

Schweigend das Souper sabotieren

 

Thiem hatte Menzels spätes Hauptwerk „Ballsouper“ vom Künstler erworben; es hängt heute in der Alten Nationalgalerie. Er lud den Künstler als Mittelpunkt einer festlichen Gesellschaft zum Abendessen ein: „Pünktlich zur Essensstunde erschien er. Aber die Freude auf die leiblichen Genüsse war arg verfrüht, denn der Alte setzte sich, ohne von jemandem Notiz zu nehmen, vor sein Bild und begann, es zu betrachten, schweigend, mit grimmigem Gesicht.

 

Die Minuten verstrichen. Die Viertelstunden verstrichen. Niemand rührte sich. Er hätte können die Mägen knurren hören, wenn er noch etwas anderes gehabt hätte als Augen. Augen, die auf das Bild starrten, die hin und her und auf und ab wanderten, als sähe er’s zum ersten Male. – Endlich wagte dann doch der Gastgeber eine schüchterne Erinnerung. Menzel drehte sich zu ihm herum und sagte ärgerlich: ‚Stören Sie mich doch nicht!’“