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Regisseur Gianfranco Rosi mit dem Goldenen Bären für seinen Film "Fuocoammare - Fire at Sea". Fotoquelle: Berlinale

Wegen Überfüllung geschlossen


Die Berlinale platzt aus allen Nähten. Während die Massen gucken, was sie kriegen können, pflegen Filmauswahl und Jury die Eigenreklame eines politisch engagierten Festivals. Anstatt abzukassieren, sollte es endlich wieder den Berlinern entgegen kommen.


Die gute Nachricht zuerst: Es gibt kaum noch Warteschlangen vor den Karten-Kassen. Wer nicht zum Vorverkaufs-Start oder anderen Spitzenzeiten kommt, muss selten länger als zehn Minuten anstehen. Denn an den vier stationären Kassen werden nur noch wenige Tickets angeboten: Begehrte Vorstellungen sind nach zwei, spätestens drei Stunden ausverkauft. So gehen die meisten Interessenten leer aus – und machen schnell kehrt.

 

Info

 

66. Berlinale

 

11. – 21.02.2016
in diversen Spielstätten, Berlin

 

Website des Festivals

 

Offenbar setzt das Festival die größten Kartenkontingente inzwischen über das Internet oder externe Theaterkassen ab; dort sind sie deutlich länger verfügbar. Mit teils saftigem Aufschlag: Wer online bucht und sein Ticket selbst ausdruckt, zahlt 1,50 Euro zusätzlich. Theaterkassen berechnen etwa ein Drittel des Grundpreises, also bis zu fünf Euro extra; diese Kommission teilen sich der Betreiber und "CTS Eventim", der nationale Quasi-Monopolist im elektronischen Tickethandel. Er dürfte binnen zehn Tagen zwischen einer halben und einer Million Euro Gebühren kassieren; warum handelt die Berlinale als Großkunde nicht bessere Konditionen für ihre 330.000 Kartenkäufer aus?

 

Preiswertes Renommier-Ereignis

 

Sind solche Fragen pfennigfuchserisch? Nun, die Berlinale begreift sich als weltgrößtes Publikumsfestival. Sie ist kein exklusiver Branchentreff wie Cannes, zu dem Normalbürger keinen Zutritt haben, sondern soll möglichst vielen Filmfans alljährlich ein Panorama der internationalen Produktion vorführen. Als "Geschäftsbereich der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin" muss die Berlinale keinen Gewinn einfahren – und mit einem Budget von etwa 23 Millionen Euro ist das renommierteste deutsche Kulturereignis recht preiswert. Bloß: Ist es noch publikumsfreundlich?

Trailer des Sieger-Films "Fuocoammare" von Gianfranco Rosi

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Branchenmesse verdrängt Berlinale

 

Längst platzt die Berlinale aus allen Nähten. Während die Infrastruktur mit 15 Spielorten, an denen rund 430 Filme in 1150 Vorstellungen gezeigt werden, seit Jahren in etwa gleich bleibt, wächst der Zustrom von Schaulustigen unaufhaltsam. An den ersten vier Tagen war es auf dem zentralen Festival-Gelände am Potsdamer Platz so voll wie in Shanghai vor dem chinesischen Neujahrsfest. Viele fanden Plätze weder im Café noch im Schnellrestaurant, geschweige denn im Kino. Traditionell ebbt der Andrang im Lauf der zweiten Woche etwas ab, doch: Ließe sich zehntausendfacher Stress und Frustration zum Auftakt nicht vermeiden?

 

Zur drangvollen Enge trägt ein Schatten-Festival bei, das kaum jemand kennt: der "European Film Market" (EFM). Die zeitgleich stattfindende Branchenmesse ist binnen weniger Jahre zur zweitgrößten weltweit nach Cannes angewachsen. Ihre 180 Stände sind zwar separat im Martin-Gropius-Bau untergebracht, aber die nur 8500 Fachbesucher können exklusiv mehr als 1000 Filmvorstellungen sichten. Sie belegen etliche Leinwände, die der Berlinale nicht zur Verfügung stehen: business first!

 

Resterampe mit happigen Preisen

 

Solche Engpässe führen das Selbstverständnis des Festivals ad absurdum. Nirgendwo sonst könnte man so rasch einen umfassenden Überblick über aktuelle Filmkunst in verschiedenen Regionen und Genres gewinnen, zumal die Berlinale jedes Jahr neue thematische und geografische Schwerpunkte setzt. Doch wer käme an alle gewünschten Karten heran? So macht sich eine Resterampen-Mentalität breit, neudeutsch binge viewing genannt: Geglotzt wird, was man kriegen kann. Für spröde Wackelkamera-Dokus zur Mittagszeit oder drittklassige Videokunst-Experimente gibt es selbst fünf Minuten vor der Vorstellung noch Tickets.

 

Auf überbordende Nachfrage reagiert die Berlinale wie im BWL-Lehrbuch: mit drastischen Preiserhöhungen. Seit 2012 sind die Tarife um durchschnittlich 42 Prozent gestiegen. Dabei wurde 2015 die vorher je nach Programm und Kino differenzierte Preisstruktur vereinheitlicht – natürlich nach oben. Diesmal kosteten Tickets im Schnitt elf Prozent mehr als im Vorjahr; in manchen Kategorien sogar 30 bis 40 Prozent. Zwar sind 14 Euro Eintritt zur glamourösen Weltpremiere eines Wettbewerbs-Beitrags im Berlinale-Palast sicher nicht überteuert – doch elf Euro plus Vorverkaufsgebühren für einen obskuren Debütantenfilm im Forum, den keiner kennt?

Herr Kosslick sucht das Glück

 

Da wirkt es wie Hohn, dass Direktor Dieter Kosslick für das diesjährige Festival das Motto "Recht auf Glück" ausrief. Eine so wohlklingende wie folgenlose Floskel; Variationen von "Wir schaffen das!" wären passender gewesen: Filme über Migration und die arabische Welt dominierten in allen Sektionen. Im Wettbewerb gewann "Fuocoammare", eine eher karge Doku von Gianfranco Rosi über Flüchtlinge und Einheimische auf der süditalienischen Insel Lampedusa, den Goldenen Bären – wie allseits erwartet.

 

Der Silberne Bären für den besten Darsteller ging an Majd Mastoura im tunesischen Film "Hedi", obwohl er drei Viertel der Laufzeit dieselbe regungslose Miene zur Schau trägt. Und den Alfred-Bauer-Preis für einen "Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet", erhielt ausgerechnet "A Lullaby to the Sorrowful Mystery". Regisseur Lav Diaz lässt acht Stunden lang Szenen der philippinischen Revolution von 1896/7 in schwarzweißen Standbildern mit papiernen Dialogen nachstellen; dieser Preisträger verschwindet vermutlich sofort im Archiv. Je kommerzieller die Berlinale wird, um so demonstrativer streicht sie ihre Eigenreklame als politisch engagiertes Festival heraus.

 

Kamera-Bär für Jangtse-Flussfahrt

 

Nachdem der political correctness Genüge getan war, durften die übrigen Bären tatsächlich herausragende kinematographische Leistungen honorieren: Für seine schillernde Historien-Groteske "Tod in Sarajevo" erhielt der bosnische Regisseur Danis Tanović ebenso verdient den "Großen Preis der Jury" wie die Französin Mia Hansen-Løve den Preis für die beste Regie in "L´avenir" ("Die Zukunft") – mit Isabelle Huppert als vereinsamender Philosophie-Lehrerin.

 

Ähnlich anrührend stellt Trine Dyrholm in "Die Kommune" eine dänische TV-Sprecherin dar, die von ihrem Mann für eine junge Nebenbuhlerin verlassen wird; dafür wurde sie als beste Darstellerin ausgezeichnet. Gleich vier Frauen im Polen der Umbruchzeit 1989/90 porträtiert Tomasz Wasilewski in "United States of Love" – prämiert für das beste Drehbuch. Und der Silberne Bär für die beste Kamera ging zurecht an Mark Lee Ping-Bing: Er zeigt in "Crosscurrent" ("Gegenströmung") den Jangtse-Fluss, Chinas Lebensader, auf zuvor nie gesehene Weise.

 

Bitte mehr Berlinale goes Kiez

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Festival-Bilanz der 65. Berlinale 2015: “Jahres-Hauptversammlung der Berlinale AG”

 

und hier den Beitrag „Neuer Deutscher Film – 50 Filmplakate“ – Ausstellung zur 65. Berlinale 2015 im Haus der Berliner Festspiele.

 

und hier eine Festival-Bilanz der 64. Berlinale 2014: "Atmosphäre nur in der Warteschlange".

 

Bleibt zu hoffen, dass viele der Preisträger-Filme einen deutschen Verleih finden werden, denn der Anteil der Festival-Besucher, die sie tatsächlich zu Gesicht bekommen, sinkt ständig. Die Berlinale steht am Scheideweg. Entweder folgt sie dem Vorbild Cannes, bekennt sich zum Primat der Ökonomie und bespielt nur noch die Kapazitäten, die der wuchernde EFM übrig lässt.

 

Oder die Berlinale besinnt sich auf ihren Bildungsauftrag: möglichst vielen Menschen so viele Filme wie möglich zugänglich zu machen. Dazu bietet Berlin mit 80 Kinos und 200 Leinwänden genug Ressourcen; das Festival bräuchte nur die vor Jahren halbherzig eingeführte Sektion "Berlinale goes Kiez" auszuweiten. Also nicht nur je zwei bis drei Vorführungen in sieben übers Stadtgebiet verteilten Kinos zeigen, sondern viele attraktive Festival-Filme in wesentlich mehr Kinos – zumindest an den derzeit überlaufenen Abend- und Wochenend-Terminen.

 

Das Festival den Berlinern!

 

Soviel Flexibilität wäre problemlos machbar, und die Berlinale bliebe nicht nur auf die Innenstadt beschränkt. Dann käme nicht nur ein Teil ihres Geldsegens bei den oftmals darbenden Kiezkino-Betreibern an. Das Festival würde auch endlich wieder diejenigen erreichen, die in jedem Februar den ganzen Rummel über sich ergehen lassen, aber die Jagd nach den schwer zu ergatternden Eintrittskarten längst aufgegeben haben: normale Berliner.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 22.02.2016





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