Berlin

Berlin Art Week 2016: abc – art berlin contemporary + Positions Berlin Art Fair

Dirk Lange: Grenzgebiet (Detail), 2015/2016; bei Galerie Michael Haas. Foto: Lea Gryze. Fotoquelle: art berlin contemporary

Für Umweltbewegte

 

Wem der Klimawandel Sorgen bereitet, der muss künftig nur noch auf handgefertigte Thermometer von Fabian Knecht blicken. Ihre Skala ist so verändert, dass sie den erwarteten Temperatur-Anstieg wiedergeben; eine nachhaltige Anschaffung für 300 € pro Exemplar bei Alexander Levy. Das Koffer-Set mit acht Stück reicht aus bis zum Jahr 2100.

 

Für Schutzbedürftige

 

Der „Solo-Bunker“, den Daniel Knorr in Braunschweig aufgespürt hat, ist ein echter Hingucker: gut zwei Meter hoch, fünf Tonnen schwer und mit Patina – auf dem Deckeldach wächst ein kleines Bäumchen. Das Beton-Monster wurde im Zweiten Weltkrieg von Brandwachen als Beobachtungsbau genutzt; dieses readymade liefert die Wiener „Galerie nächst St. Stephan“ für 55.000 € frei Haus.

 

Für Traditionsbewusste

 

1968 stellten die Künstler William N. Copley und Dimitri Petrov unter dem Titel „S.M.S.“ („Shit Must Stop“) sechs Portfolios in 2000er Auflage zusammen. Sie enthielten insgesamt 73 Multiples von Künstlern wie Marcel Duchamp, Meret Oppenheim, Man Ray u.v.m. Meist kleinformatige Arbeiten: Fotos, Collagen, Zeichnungen etc. Die Galerie Klosterfelde gibt einige druckfrische Exemplare für 5.500 € pro Stück ab.

 

Für Häusliche

 

Joanna Rajkowska ließ in Polen zwei weiße Teppiche knüpfen, in die Symbole des Maurer-Handwerks schwarz eingewebt sind. Die hochflorigen Bodenbeläge schmücken jedes Heim und sorgen für behaglichen Laufkomfort. Aufgrund der günstigen Lohnstückkosten kann die Galerie Żak | Branicka sie für unschlagbare 4.700 bis 5.500 € pro Teppich anbieten.

 

Für Waffennarren

 

Seit Jahrzehnten schraubt outsider-Künstler André Robillard aus Schrott Maschinengewehre zusammen – sie funktionieren selbstredend  nicht. Eine große Auswahl schön grusliger Modelle führt Delmes & Zander für 3.600 bis 4.200 € pro Schießprügel.

 

Für Trendsetter + Schnäppchenjäger

 

Galerist Gerd Harry Lübke von „Eigen+Art“ wurde mit der „Neuen Leipziger Schule“ zur Legende. Diesmal bietet er großformatige Bilder der Griechin Despina Stokou an, die emojis – also internet-Symbole für Gefühle – zeichnet: für je 16.000 €. Dagegen kosten Digitaldrucke mit Zertifikat während der Messe 520 € – danach darf sie jeder gratis aus dem web herunterladen. Aber: Was nichts kostet, ist nichts wert.

 

Für Scherzbolde

 

Der Österreicher Erwin Wurm ist quasi der Mario Barth des Kunstbetriebs: Seit Jahren reißt er immer die gleichen Witze, über die sich seine Fans scheckig lachen. Die Galerie König serviert einige Dauerbrenner: Essiggurken- und Wurst-Skulpturen für 4.500 € bis 95.000 €. Der im Stil seiner „Fat Cars“ aufgeplusterte „Curry Bus“ wird für stolze 600.000 € feilgeboten – wohl das teuerste Exponat. Auf der Messe verkauft darin ein Wurst-Maxe für zwei Euro Wiener Würstchen.

 

Wer sich in diesem Segment nicht recht zuhause fühlt, der ist auf der Positions Berlin Art Fair besser aufgehoben: Hier ist gemeinhin das Preis-Leistungs-Verhältnis nachvollziehbarer, die Werke sind gefälliger, und die Organisation klappt besser. Der Wanderzirkus mit 74 Ausstellern gastiert in diesem Jahr im Postbahnhof am Ostbahnhof. Beim Marktrundgang stachen folgende Offerten ins Auge:

 

Für Islamdebatten-Teilnehmer

 

Hintergrund

 

Link zur Website der „Berlin Art Week 2016“

 

Lesen Sie hier eine Rezension der „9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst – The Present in Drag“, die mit der Berlin Art Week 2016 endet.

 

und hier einen Beitrag über die „Berlin Art Week 2015“abc art berlin contemporary + Positions Berlin Art Fair in Berlin

 

und hier eine  Besprechung der „Berlin Art Week 2014“abc art berlin contemporary + Positions Berlin Art Fair in Berlin

 

und hier einen Bericht über die “Berlin Art Week 2013″ abc art berlin contemporary + Preview Berlin Art Fair in Berlin.

 

Einen wohlkalkulierten Aufreger für 50.000 € platziert Jarmuschek+Partner mitten im Obergeschoss: Marc Fromm hat eine mannshohe Holzskulptur mit Goldrand wie bei einer Altar-Retabel geschnitzt. Eine Seite zeigt eine westliche Schönheit mit langen Locken, die andere eine Frau mit hidschab, also Gesichtsverschleierung – darunter der Titel „Jetzt verlieben“ in Arabisch. Im Vorgarten aufstellen, und ein Menschenauflauf ist garantiert.

 

Für Ostalgiker

 

Die WeGallery zeigt eine großformatige Fotomontage des Italieners Lamberto Teotino: Im Stil eines Sowjet-Porträts trägt ein Mann auf der Brust seine beeindruckende Kollektion von Orden zu Schau; in seinem Antlitz prangt ein Tangram-Würfel. Wird für 7.500 € plus USt. umgerubelt.

 

Für Überwachungs-Paranoiker

 

Die Galerie Robert Drees breitet bionische Marmor-Plastiken des Künstler-Duos Venske & Spänle aus. Darunter eine wulstige Säule, deren Kopf eine Kamera enthält: Sie nimmt alles auf, was ihr vor die Linse kommt. Die Überwachungs-Bilder können live auf jedem Monitor betrachtet werden. „Myozet L’Osservatore“ wird für 28.000 € bereitgestellt.

 

Für Digital-Fans

 

Neue Medien wie Video, Netzkunst etc. sind auf beiden Messen praktisch abwesend. Offenbar mangels Nachfrage; bevorzugt werden herkömmliche Gemälden und Skulpturen. Gegen diesen Trend stemmt sich die Gallery Meno Niša aus dem internet-affinen Litauen: Zwei düstere science fiction-Videoanimationen von Rimas Sakalauskas sind für je 1.500 € zu haben. Kerstutis Svirnelis hat ein elektronisches Haustier gebastelt: Es sieht aus wie eine Ratte, rollt bei Annäherung kreischend herum und ist mit Dollar-Scheinen beklebt. „Capital“ kostet 1950 €. Wir wünschen einen ertragreichen Einkaufsbummel!