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Theo Eshetu: Atlas Fractured (recycletes Werbe-Banner der Museen in Berlin-Dahlem), 2017, Neue Neue Galerie. Foto: © Mathias Völzke, Fotoquelle: documenta 14

documenta 14


Totale Entgrenzung für die totale Verweigerung: Kurator Adam Szymczyk verwandelt die weltgrößte Ausstellung zeitgenössischer Kunst in eine Neuinszenierung von Agitprop-Spektakeln der 1960/70er Jahre – und versorgt nebenbei das Umfeld in seiner Wahlheimat.


Die totale Entgrenzung: Nichts von dem, was Adam Szymczyk als künstlerischer Leiter mit der documenta 14 anstellt, ist wirklich neu. Doch er treibt alles in zuvor ungekannte Extreme. Das verstört, reizt zum Widerspruch und sorgt damit für das Wichtigste: Aufsehen und Erregung auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Szymczyk mag so schweigsam und kontaktscheu sein, dass es an Soziophobie grenzt; der Widerhall seiner Entscheidungen dröhnt umso lauter.

 

Info

 

documenta 14

 

Teil 1:
08.04.2017 - 16.07.2017

täglich außer montags

11 bis 21 Uhr, donnerstags bis 23 Uhr

an 47 Standorten in Athen

 

Weitere Informationen

 

Teil 2:
10.06.2017 - 17.09.2017

täglich 10 bis 20 Uhr

an 35 Standorten in Kassel

 

Katalog ("Daybook") 25 €,
Essayband ("Reader") 35 €

 

Website zur documenta 14

Angefangen mit der spektakulärsten: der Verdoppelung der documenta für Athen und Kassel als "gleichberechtigte Gastgeber" – wegen dieser Idee zur Aufteilung wurde er zum Leiter berufen. Im Proteststurm von Kasseler Bürgern gegen den Verlust des USP ihrer Stadt geht unter, dass es eine solche Teilung schon einmal gab.

 

Teilungs-Vorspiel in Kabul

 

2012 deklarierte Leiterin Carolyne Christov-Bakargiev (CCB) zum zweiten Standort ihrer dOCUMENTA (13) die afghanische Hauptstadt Kabul – was niemanden aufregte. Vor Ort ließ sie lokale Künstler fortbilden, deren Arbeiten anschließend im ehemaligen Elisabeth-Hospital in Kassel zu sehen waren, und im dortigen Goethe-Institut eine kleine Ausstellung zusammenstellen. Nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit – allenfalls ein paar Offizielle und Katastrophen-Touristen dürften sie gesehen haben.

documenta 14: Impressionen der Ausstellung im Fridericianum

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Bloß nicht konkret werden

 

Fünf Jahre später liegt der Fall anders. Nicht nur, weil Szymczyk sein Teilungskonzept konsequent umsetzt; in Athen werden ähnlich viele Künstler gezeigt wie in Kassel, etliche an beiden Orten. Sondern vor allem, weil er als Devise "Von Athen lernen" verkündet: die prosperierende Provinzstadt soll sich an der stressgeplagten Metropole orientieren, das saturierte Kerneuropa an seiner krisengeschüttelten Peripherie – wie genau, lässt der Leiter wohlweislich offen. Die griffigste Parole verliert an Überzeugungskraft, sobald sie konkretisiert wird.

 

Auf dem Papier klingt Szymczyks Idee bestechend. Athen hat einen mythisch schillernden Ruf: einst Wiege von Demokratie und Philosophie, von Perikles, Platon und Aristoteles – heute schäbige Kapitale eines verarmten Landes, das unter Verschuldung und Flüchtlingszustrom leidet. Hier prallen viele Konflikte der Globalisierung krachend aufeinander. Dagegen war Kassel stets geruhsame Residenz- und später Beamtenstadt. Sie hat trotz bedeutender Kunstschätze kein eigenes kulturelles Profil entwickelt; ab 1955 wurde sie rein zufällig zum Standort der weltgrößten Ausstellung zeitgenössischer Kunst.

 

Kassel als neutrale Kulisse

 

Diese Mittelmäßigkeit hat Vorteile. In den 1970/80er Jahren wurde Kassel gern als Testgebiet zur Markteinführung neuer Produkte genutzt, weil es statistisch so nah am bundesdeutschen Durchschnitt lag. Für den Kunstbetrieb war und ist die Stadt eine erstklassige, da neutrale Kulisse: Sie bietet eine passable Infrastruktur, ansonsten stört sie nicht weiter. Universität und Kunsthochschule liefern Talente und billige Hilfskräfte, alle anderen halten sich raus.

 

Bis zur Jahrtausendwende war den meisten Einwohnern die Karawane komischer Kunst-Vögel, die alle fünf Jahre in die Stadt einfiel, völlig schnuppe; heutzutage interessiert sie am ehesten, an fast einer Million Ausstellungs-Besuchern mitzuverdienen. Damit ist Kassel für die documenta genauso ein idealer Austragungs-Ort wie Hannover für die weltgrößte Industriemesse.

 

Athener Schau geht in Alltags-Chaos unter

 

Anders in Athen: Der Versuch, dort auf Knopfdruck eine maßgebliche Kunstschau zu etablieren, darf als gescheitert gelten. Erstens passt die kulturelle Prägung nicht: Umzingelt von Zeugnissen antiker Größe, als deren Erben sie sich fühlen, haben Griechen eher wenig Verständnis für Modernes. An den klassischen Avantgarden nahmen sie kaum teil.

 

Zudem scheiterte jüngst ein Aufholversuch spektakulär: Das Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST) wurde zwar fertiggestellt, aber aus Geldmangel nicht in Betrieb genommen. Die derzeitige documenta-Bestückung besuchen vor allem ausländische Kulturtouristen zwischen ihren trips nach Venedig und zur Istanbul Biennale. Einheimische verirren sich kaum in die Schau; sie geht im Athener Alltags-Chaos praktisch unter. Was zur Hypothek ihres zweiten Teils in Kassel wird, der nun zwei Monate später eröffnet wird.

documenta 14: Impressionen der Ausstellung in der Documenta-Halle

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Polono-hellenischer Nepotismus

 

Obwohl Leiter Szymczyk nach Kräften für Ressourcen-Transfer sorgt, finanziell und personell: Seine in Athen wohnende Frau, die Performerin Alexandra Bachzetsis, tritt an beiden Standorten im documenta-Programm auf. Kein Einzelfall: Die Gattin des belgischen Ko-Kurator Dieter Roelstraete, Monika Szewczyk, arbeitet ebenso im documenta-team; der Leiter der Ausstellungs-Abteilung, Christoph Platz, ist Lebenspartner von Pressesprecherin Henriette Gallus. Vetternwirtschaft, was heißt das?

 

Im rauen Kunstbetrieb ist man gewohnt, dass sich insider-Klüngel die Taschen füllen. Doch die Unverfrorenheit von Szymczyk et al. reißt eine bislang beachtete Schamgrenze ein – noch vor sechs Wochen verlor deshalb in Frankreich der gaullistische Kandidat François Fillon bei der Präsidentschaftswahl. Da liegt die politisch unkorrekte Frage nahe: Ist das nun eher griechische oder polnische Wirtschaft? Jedenfalls wird deutlich, dass der Leiter mit dem slogan "Von Athen lernen" offenbar auch dortige Standards bei Begünstigung und Korruption im Sinn hat.

 

Drittklassige Abklatsche aus Athen

 

Er fördert aber auch hellenischen Kulturexport. Die seit dem Jahr 2000 angekaufte Sammlung, die im EMST-Depot schlummert, wird kurzerhand nach Kassel verfrachtet. So beherbergt die Kunsthalle Fridericianum, traditionell Mittelpunkt der documenta, nun einen Überblick über griechische Künstler seit etwa 1970. Als seien diese Vertreter einer Zehn-Millionen-Nation, die Modernität eher gering schätzt, so bedeutend, dass sie als Gradmesser für aktuelle trends der Weltkunst herhalten können. Jeder documenta-Leiter hat eigene Schwerpunkte, aber so extrem hat noch keiner buddies aus seiner Wahlheimat bevorzugt.

 

Da finden sich einzelne bemerkenswerte Arbeiten – doch der Rest veranschaulicht, warum Jannis Kounellis (1936-2017) als einziger griechischer Gegenwarts-Künstler von Weltrang gilt. Das Meiste ist schlicht zweit- bis drittklassig: unoriginelle Abklatsche von Einfällen, die früher anderswo besser umgesetzt worden sind. Derlei mag in Athen oder Thessaloniki patriotische Kunstfreunde erfreuen – auf der documenta hat es nichts zu suchen.

 

Viele Chauvinismen, ein Tenor

 

An vielen der 35 Ausstellungs-Orte im Stadtgebiet sind Griechen überrepräsentiert: weil Szymczyk in Athen leicht daran herankam oder orientalischen Gefälligkeitsregeln folgt? Dieser Gräkozentrismus wird in manchen Häusern durch andere Chauvinismen ergänzt: postkolonialen Revanchismus, Antifa-Moralismus oder Militanz von LGBT-Aktivisten. Mit stets demselben Tenor: Weiße alte Männer fügten ihnen bitteres Leid zu; dafür sollen sie bezahlen.

So hätte die documenta 1977 aussehen können

 

Im patchwork der Minderheiten buhlt jede lautstark um Aufmerksamkeit und Mitgefühl – als Vorspiel für Forderungen nach Entschädigung und Fördergeldern. Dabei verzichten viele Beiträge auf künstlerische Aufbereitung, sondern breiten einfach Materialien aus. Über weite Strecken gleicht diese documenta einem unaufgeräumten Archiv voller vergilbter Dokumente und Belege. Gesinnung ist alles, die handwerkliche Ausführung fast gleichgültig.

 

Auch das ist nicht neu: Schon Mitte der 1970er Jahre machte sich im Kunstbetrieb die so genannte "Spurensuche" mit Aktenordnern und Fotostrecken breit. Diese Strömung verebbte rasch: Solche Stapelware wollte keiner sehen, geschweige denn kaufen. 40 Jahre später gräbt Szymczyks team sie wieder aus: Der noble Zweck – mehr Gehör für Erniedrigte und Beleidigte – heiligt die angestaubten Mittel. In verschärfter Form: Aus faden Recherche-Dossiers von einst sind plakative Pamphlete gegen Rassismus, Sexismus, Patriarchalismus usw. geworden. "So hätte die Documenta 6 im Jahr 1977 aussehen können, hätte es damals den postkolonialen Blick schon gegeben", spottet der Kritiker Niklas Maak in der FAZ.

 

Wand voller Nazigrößen-Passbilder

 

Das derzeit beliebteste Thema sind Flüchtlinge: Sie sind einfach zu beschaffen, jeder hat eine traurige Geschichte hinter sich, und deren human interest-Faktor lässt sich leicht in Wort und Bild ausmalen. Eine beinahe humoristische Variation bietet der Syrer Hiwa K vor der Documenta-Halle mit gestapelten Beton-Röhren, die er als luftige Wohnzellen ausstaffiert – er fand auf seiner eigenen Flucht in solchen Röhren Unterschlupf.

 

Ebenfalls gängig: die Nazis als das Böse schlechthin, dessen tausend Tentakeln bis in die Baugeschichte des Lokschuppens nebenan nachgezeichnet werden. Oder ins alldeutsche Fotoalbum: Piotr Uklanski pflastert in der Neuen Galerie eine ganze Wand mit Passbildern von Nazi-Größen – vor fast einem halben Jahrhundert tat das Gerhard Richter subtiler. Womit er durchaus Gegenwehr riskierte: Damals waren die Mörder noch unter uns.

 

Wie vom Schnellzeichner für 20 Euro

 

Immer gern genommen: sexuelle Minderheiten jeder couleur – je minoritärer, desto besser. Ihr Hang zur grellen Selbstdarstellung macht sie zu idealen eye catchers und liefert den Medien pikante Motive. Ein Prachtexemplar ist der Nachlass von Lorenza Böttner (1959-1994): Er/Sie verlor als Kind beide Arme, entdeckte später seine weibliche Seite und wurde Amateur-Sänger zwischen Jürgen Drews und Amanda Lear. Seine/Ihre Selbstporträts gleichen denen von Schnellzeichnern in Fußgängerzonen für 20 Euro; nun liegen sie in der Neuen Galerie als Transgender-memento mori aus.

 

Wobei sich in diesem Eine-Welt-Gemischtwarenladen sogar Kunstwerke finden – allerdings meist ältere. Etwa flirrend existentialistische Menschenbilder von Pawel Filonow (1883-1943) oder poppige Konterfeis von Marx, Lenin und Fidel Castro aus den 1970er Jahren von Cecilia Vicuña. Ohnehin ähnelt diese documenta eher einer historischen Thesen- als einer Kunst-Ausstellung, wobei die Macher ihre Exponate sehr lieblos in den Räumen ausstreuen; Komposition und Inszenierung wirken arg dilettantisch.

 

Stinkefinger-Signale Richtung Publikum

 

Auch diese Hyperpolitisierung mit antiwestlichem Affekt ist nicht neu. 2002 nutzte Okwui Enwezor seine documenta 11 zur Abrechnung mit postkolonialen Zuständen. Solche Fundamentalkritik weitete Carolyn Christov-Bakargiev in der dOCUMENTA (13) auf Ökonomie und Ökologie aus. Dafür schufen beide Ex-Leiter aus Einzelwerken größere Sinnzusammenhänge, die ihre Positionen diskutabel machten. Das schaffen die jetzigen Macher nicht: Sie häufen nur irgendwelche Fundstücke für immer gleiche Aussagen an. Sinnliche Qualitäten, die sie beglaubigen könnten, fehlen meist ebenso wie jeder rote Faden.

 

Dass Szymczyk darauf pfeift, wie er selbst betont, entspricht seiner demonstrativen Verachtung ziviler Umgangsformen. Sei es mit einer Pressekonferenz als fast dreistündiger Unverschämtheit aus sechs Theorie-Vorträgen, 20-minütigem Violin-Konzert und sieben Sätzen vom Leiter zum Schluss – aber ohne Fragen zuzulassen. Oder mit miserabler Organisation: Am zweiten Tag der Vorbesichtigung fehlte noch ein Viertel aller Bildlegenden. Oder beim bewusst hässlich gestalteten "Daybook"-Katalog mit absurder Anordnung der Künstler nach Kalendertagen – dies und manches mehr signalisiert Stinkefinger gegenüber dem Publikum, das eigentlich doch überzeugt werden soll, wie dringlich die sofortige Weltrettung sei.

 

Nackte spielen in KZ-Gaskammer Fangen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der "dOCUMENTA (13)" - Überblick über die weltgrößte Gegenwartskunst- Ausstellung 2012 in Kassel

 

und hier eine Besprechung des Films "Art’s Home Is My Kassel" - Dokumentarfilm über die dOCUMENTA (13) von Katrin + Susanne Heinz

 

und hier eine Besprechung der "7. Berlin-Biennale"  - Ausstellung von Agitprop-Kunst 2012, kuratiert von Artur Żmijewski, in den KW KunstWerken + der Akademie der Künste, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Tür an Tür" über "1000 Jahre deutsch-polnische Kunst und Geschichte" mit Werken von Artur Żmijewski im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

 

Dieser Widerspruch klärt sich mit Blick auf Szymcyks Biographie und polnisches Umfeld: Weniger die von ihm mitbetreute 5. Berlin-Biennale 2008, die belang- und folgenlos verstrich, als vielmehr die 7. Berlin-Biennale 2012, kuratiert von seinem Landsmann Artur Żmijewski – er nimmt auch an der documenta 14 teil. Żmijewski verwandelte die Biennale in ein abgestandenes Agitprop-Spektakel, das krawallige 1968er-Rituale nochmals aufwärmte; was 44 Jahre später am Schauplatz damaliger Studentenunruhen völlig vorgestrig wirkte.

 

Aber nicht in Polen, das eine solche Kulturrevolution nie erlebt hat. Sie wird offenbar von einigen linken Jungintellektuellen zwanghaft nachgeholt, quasi als re-enactment: 2012 in Berlin, nun in Kassel. Dazu gehört auch grobschlächtiges Herumwühlen in NS-Motiven, wie es die Maler Mirosław Bałka und Wilhelm Sasnal praktizieren. Und Artur Żmijewski: Sein geschmackvoller Videofilm, in dem er Nackte in einer KZ-Gaskammer Fangen spielen lässt, wurde 2012 nach Protesten aus der Ausstellung "Tür an Tür. Polen – Deutschland: 1000 Jahre Kunst und Geschichte" im Berliner Martin-Gropius-Bau entfernt.

 

Spätpubertäre Totalverweigerung

 

Rüde Provokationen und sektiererisches Sendungsbewusstsein mögen als Protestgesten in die polnische Öffentlichkeit passen. Sie arbeitete nach 1989 ihre Vergangenheit nur zögerlich auf; derzeit verordnet ihr die amtierende PiS-Regierung spießigen Klerikalnationalismus als Staatsdoktrin. Im internationalen Kunstbetrieb, der von hektisch wechselnden Moden auf überhitzten Märkten und so reichen wie mächtigen Strippenziehern aus USA und Asien dominiert wird, erscheint Szymczyks Haltung als spätpubertäre Totalverweigerung.

 

Doch jede Ausstellung ist facettenreicher als der Weltrettungsplan ihres Kurators. Wie schon ihrem Vorgänger vor fünf Jahren widmet sich Kunst+Film auch der documenta 14 mit Spezial-Berichten: 100 Tage lang werden wir verschiedene Ausstellungs-Orte eingehend betrachten, einzelne Teilnehmer vorstellen und das Geschehen kommentieren. Wir haben ja keine andere documenta.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 10.06.2017





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