
„Edle Einfalt, stille Größe“: Mehr als diese beiden Begriffspaare zum vermeintlichen Schönheitsideal der antiken Griechen ist von Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) heute kaum noch geläufig. Dabei war er rund 150 Jahre lang ein star der gebildeten Stände. Seine Schriften wurden europaweit gelesen; ihr Einfluss auf Kunst und Geisteswissenschaften war immens.
Info
Winckelmann -
Moderne Antike
07.04.2017 - 02.07.2017
täglich außer montags
10 bis 18 Uhr
donnerstags bis 20 Uhr
im Neuen Museum, Weimarplatz 5, Weimar
Katalog 29,90 €
Winckelmann -
Das göttliche Geschlecht
täglich außer dienstags +
donnerstags 14 bis 18 Uhr,
samstags bis 19 Uhr,
im Schwulen Museum, Lützowstraße 73, Berlin
Erfinder der Gipsgriechen
Sein opus magnum „Geschichte der Kunst des Alterthums“ (1764) wurde spätestens um 1800 zur Bibel aller Archäologen und Althistoriker. Wobei rasch auch Kritik aufkam: Winckelmanns Vorstellung von zeitlos statischer Schönheit beruhe mehr auf neuzeitlichem Wunschdenken als auf antiker Praxis. Sein Name wurde zum Synonym eines Befürworters von „Gipsgriechen“: blendend weiße Gips-Statuen mit leeren Augen, die als Meisterwerke-Kopien in Abguss-Sammlungen den Kanon des antiken Kulturerbes vermitteln sollten.
Für eine Gedenkschau über diesen halb vergessenen hidden champion bietet sein 300. Geburtstag eine glänzende Gelegenheit. Leider wird sie von der Klassik Stiftung Weimar und dem germanistischen „Lehrstuhl für neuzeitliche Schriftkultur und europäischen Wissenstransfer“ an der Uni Halle-Wittenberg verschenkt: Die Macher bleiben so auf Schriftkultur fixiert, dass ihnen der Wissenstransfer in Form einer Ausstellung völlig missrät.
Todesbotschaften als Werbemittel
Das beginnt mit dem Motiv von Werbemitteln und Katalog: ein Foto der Rückenansicht des Marmor-„Torso vom Belvedere“ in körnigem Grau vor schwarzem Hintergrund mit wenigen weißen Lettern. So sehen Todesbotschaften aus. Dieses design ähnelt verblüffend demjenigen von „Closer“, dem zweiten und letzten Studioalbum der legendären postpunk band „Joy Division“ – kurz nach den Aufnahmen 1980 beging Sänger Ian Curtis Selbstmord.
Impressionen der Ausstellung
Textflut in asketischer Strenge
Ganz so morbide geht es im Neuen Museum zwar nicht zu. Doch das Gestaltungs-Konzept des Berliner Büros „chezweitz“ setzt auf asketische Strenge: wenige plastische Exponate, stattdessen schier endlose Batterien von Vitrinen mit Büchern, Briefen, Radierungen und anderer Flachware – sogar eine umfangreiche Sammlung von Gemmen, die Winckelmann 1758/9 katalogisierte, wird ausgebreitet.
Was an sinnlicher Anschauung fehlt, wird schriftlich vorgetragen – meist in winziger Type, um möglichst viel unterzubringen. Auf Exzerpten, Einleitungs- und Erläuterungstexten, oft in Blocksatz auf hellen Wandstelen, die wohl an antike Relief-Inschriften erinnern sollen. Als hätten die Hallenser Germanisten in diese Räume den Gesamtinhalt des Katalogs übertragen wollen: Der ist so informativ wie schön ausgestattet – doch für seine Lektüre muss niemand nach Weimar reisen.
Aufstieg durch Bibliothekars-job
Diese farblose Inszenierung wird Winckelmann nicht gerecht; sein Lebenslauf war äußerst bunt. Geboren in Stendal, hatte er als armer Schuster-Sohn in der damaligen Stände-Gesellschaft kaum Aufstiegschancen. Er nutzte sie trotzdem, lernte Latein und konnte als Stipendiat in Halle Theologie und in Jena Medizin studieren – was er bald aufgab, um sich autodidaktisch fortzubilden; sein Lektüre-Pensum war ungeheuer.
Dennoch wäre er wohl als Haus- und Lateinlehrer in der preußischen Provinz versauert, hätte ihn nicht ein Graf 1748 als Bibliothekar auf Schloss Nöthnitz bei Dresden angestellt. Vor dort aus besuchte Winckelmann regelmäßig die sächsische Residenz, verkehrte in höfischen Kreisen, lernte eifrig Französisch und Italienisch, konvertierte zum Katholizismus – und bereitete sich zielstrebig auf eine internationale Gelehrten-Karriere vor.
Opfer von Raub- oder Lustmord
Die begann, als er 1755 nach Rom eingeladen wurde. Mit kunstsinnigen Kardinälen als Mäzenen stieg Winckelmann zur führenden Antiken-Autorität auf; 1763 wurde er zum Oberaufseher sämtlicher Altertümer im Kirchenstaat berufen. In dieser Funktion führte er häufig nordeuropäische Adlige auf ihrer grand tour durch Rom, was ihm etliche vorteilhafte Kontakte verschaffte. Einen dieser Gönner nach Hellas zu begleiten, gelang ihm aber nicht – Winckelmann hat das Land seiner Sehnsüchte nie betreten.
Als er 1768 auf der Rückkehr von einer Deutschlandreise in Triest abstieg, wurde er von seinem dortigen Begleiter Francesco Arcangeli im Hotel erstochen. Aus Habgier, ergab der Strafprozess – ob auch Sexuelles eine Rolle spielte, blieb ungeklärt. Wiewohl das Opfer nicht nur seine Homosexualität in Rom recht offen auslebte; auch die schwärmerisch pathetischen Beschreibungen von Kunstwerken in seinen Schriften strotzen vor homoerotischen Untertönen.
In tiefschwarzem Schau-Grab beigesetzt
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Die entfesselte Antike: Aby Warburg und die Geburt der Pathosformel" über die Wanderung antiker Kunst-Formen im Wallraf-Richartz-Museum, Köln.
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Mythos Olympia – Kult und Spiele in der Antike" im Martin-Gropius-Bau, Berlin
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Bettina Rheims: Bonkers – A Fortnight in London" – Foto-Inszenierungen des Androgynen in der Galerie Camera Work, Berlin
und hier einen Bericht über die Ausstellung "Die Rückkehr der Götter" über antike Mythologie im Römisch-Germanischen Museum, Köln
sowie einen Artikel zur Ausstellung "Antike Welten" mit Meisterwerken der griechischen + römischen Kunst im Alten Museum, Berlin.
Stattdessen wird er in Weimar symbolisch beigesetzt: in einem monströsen Mausoleum, das allein die Prozessakte enthält – mit lackschwarzen Grabsprüchen auf tiefschwarzen Wänden. Da diese blutleere Präsentation von Winckelmanns Biographie den gesamten ersten Stock beansprucht, quetschen die Kuratoren seine lange Wirkungsgeschichte im Erdgeschoss zusammen.
Roter Schwanz mit Rassekunde
Für zentrale Kategorien seiner Ästhetik wie Ausdruck, Farbe oder Kontur bleiben jeweils nur eine Saalecke übrig. Der riesige Komplex der Menschenbilder im 19. und 20. Jahrhundert wird dicht gedrängt in zwei Räumen abgespult: von der mathematischen Suche nach Idealmaßen über Lavaters Physiognomie-Lehre bis zu Freikörperkultur und Kolonialismus – natürlich darf auch die „Rassekunde“ der Nazis nicht fehlen. Vor 1989 hätte man solch achtloses Auflisten politisch erwünschter Referenzen den „roten Schwanz“ genannt.
Stärker als mit dieser akademischen Pflichtübung kann man Charakter und Werk des Jubilars nicht verfehlen: Erhaltene Porträts und Schriften machen deutlich, welch hellwacher, sinnlicher und lebenslustiger Mensch er gewesen ist. Dafür hat Winckelmann eine Wiedergutmachungs-Schau verdient – die Gelegenheit dazu ist nah: 2018 jährt sich sein Todestag zum 250. Mal.