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Ren Xiong (1823– 1857), Selbstporträt (Detail), um 1856, Hängerolle, Tusche und Farben auf Papier, © The Palace Museum, Foto: Yu Ningchuan

Gesichter Chinas: Porträtmalerei der Ming- und Qing-Dynastie + Wechselblicke – Zwischen China und Europa


Auge in Auge mit dem Reich der Mitte: Das Museum für Asiatische Kunst und die Kunstbibliothek präsentieren im Kulturforum klassische Porträtmalerei und kulturelle Exportgüter – zwei visuell opulente Sonderschauen mit magerem historischen Kontext.


Man muss diesen Typen nur ins Gesicht sehen: Das Porträt dürfte unter allen Bilder-Gattungen wohl die häufigste und beliebteste sein – vom antiken Herrscher-Profil auf Münzen bis zum heutigen selfie. Es ist eben universell verständlich: Jedermann hat und kennt menschliche Züge. Da liegt nahe, sich den Zugang zu einer fremdartigen Kultur wie der chinesischen über ihre Porträtmalerei zu erschließen.

 

Info

 

Gesichter Chinas: Porträtmalerei der Ming- und Qing-Dynastie (1368-1912)

12.10.2017 - 07.01.2018

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

samstags + sonntags

ab 11 Uhr

im Kulturforum, Matthäikirchplatz, Berlin

 

Katalog 35 €

 

Weitere Informationen

 

Wechselblicke - Zwischen China und Europa 1669-1907

 

29.09.2017 - 07.01.2018

zu denselben Öffnungszeiten

in der Kunstbibliothek im Kulturforum, Matthäikirchplatz, Berlin

 

Katalog 39,95 €

 

Weitere Informationen

 

"Gesichter Chinas" ist laut Veranstalter die erste Ausstellung zur dortigen Porträtkunst in Europa. Mehr als 100 Gemälde und Objekte aus dem Palastmuseum in Beijing, dem Royal Ontario Museum in Toronto und anderen Leihgebern decken ein halbes Jahrtausend fernöstlicher Kunstgeschichte ab: die Epochen der Ming- (1368-1644) und Qing-Dynastie (1644-1911).

 

Begleitheft kein Mitnahmeartikel

 

Ausgerichtet vom Museum für Asiatische Kunst, das ab 2019 Teil des "Humboldt-Forums" im wieder errichteten Berliner Schloss untergebracht sein wird. Seine Sonderschauen am alten Standort Berlin-Dahlem lagen meist abseits der öffentlichen Wahrnehmung: Exponate wurden entweder kommentarlos oder mit ausuferndem Fachchinesisch präsentiert.

 

Dagegen sind die "Gesichter Chinas" ein großer Fortschritt: Die Gliederung in zehn verschiedene genres wie Herrscher-, Gelehrten- und Familien-Porträts leuchtet unmittelbar ein. Alle Werke werden ausführlich und verständlich im Begleitheft erklärt; leider darf man es nicht mitnehmen – wie sonst bei solchen booklets üblich.

 

Künstler-namedropping für Experten

 

Allerdings hat die Schau noch sinologische Schlagseite: so beim namedropping berühmter chinesischer Künstler und klassischer Malerei-Schulen, die hierzulande nur Experten kennen – ohne Eigenarten ihrer Stile zu nennen oder vorzuführen. Andere entscheidende Aspekte werden nur kurz angetippt: etwa die religiösen Gründe und Formen des Ahnenkults, der China seit mehr als 3000 Jahre prägt.

Statements von Museumsdirektor Klaas Ruitenbeek + Impressionen der Ausstellung "Gesichter Chinas"; © SMB

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Starre Frontal-Ansicht wie bei Ikonen

 

Oder das Wirken von Jesuiten am kaiserlichen Hof, angefangen mit Matteo Ricci (1552-1610). Ihre Kenntnisse hatten großen Einfluss auf die Wissenschaften und Künste; der Jesuit Giuseppe Castiglione (1688-1766) war Hofmaler von drei Qing-Kaisern und führte ganz neue Verfahren ein – seine Kunst-Revolution von oben wird nur en passant erwähnt.

 

Zumindest ist den Kuratoren bewusst, welchen kulturellen Abstand sie überbrücken. Eingangs fordern sie zum Vergleich zweier Ganzfigur-Bilder auf: Neben einer dunkel gewandeten "Genueser Dame" von Anthonis van Dyck (1599-1641), dem berühmtesten Barock-Porträtisten, hängt ein Gelehrter der Ming-Zeit. Mit schwarzem Hut, weiter roter Robe, buntem Rangabzeichen auf der Brust und prüfendem Blick wirkt seine Erscheinung sehr ehrfurchtgebietend. Das starr frontale Antlitz ähnelt in der europäischen Tradition am ehesten Heiligen-Ikonen der orthodoxen Kirchen.

 

Arbeitsteilig gemalte Ahnen-Bilder

 

Diese Pose begegnet beim Rundgang noch oft. Es ist die Bildformel von Porträts der Vorfahren, die jede chinesische Familie an Feiertagen am Hausaltar verehrte. Das Schema war so standardisiert, dass solche Bilder meist arbeitsteilig hergestellt wurden: Auf die vorbereitete Gestalt wurde das von einem Spezialisten gemalte Konterfei aufgeklebt.

 

Dessen Anfertigung galt als hohe Schule der Malkunst; sie wurde in Fachbüchern wie den "Geheimnissen der Porträtmalerei" (um 1760) gelehrt. Darin wurde die Physiognomie in mehr als 50 einzelne Partien mit blumigen Bezeichnungen unterteilt: Der rechte Nasenflügel hieß "Gerichtssaal", der linke "Orchideenterrasse", und die untere Augenlid-Wölbung trug den schönen Namen "Schlafende Seidenraupe".

Interview mit Kurator Matthias Weiß + Impressionen der Ausstellung "Wechselblicke"

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Beamte illustrieren Karriere-Schriftrollen

 

Prosaische Formen zeigen dagegen fast lebensgroße Abbildungen, die Qianlong (1711-1799), der mächtigste Qing-Kaiser, von 280 Offizieren für eine "Halle des Purpurglanzes" in Auftrag gab – mehrere Jahrzehnte, bevor Napoleon auf die Idee einer Generäle-Galerie kam. Diese Porträts wurden als west-östliches joint venture erstellt: Jesuiten-Künstler bei Hofe malten die Gesichter, während ihre chinesischen Kollegen für Körper und Waffen zuständig waren.

 

Solche Aufteilung nach Disziplinen war üblich: Manche Maler spezialisierten sich auf Figuren, andere auf Landschaften. Etwa bei so genannten "Literaten-Bildern": Gelehrte ließen sich in scheinbar privaten Momenten und informellen Körperhaltungen porträtieren, die aber ebenso einem festgelegten Formen-repertoire folgten. Hohe Beamte hielten den Verlauf ihrer Karriere in üppig illustrierten Schriftrollen fest, deren Szenenfolgen an westliche genre-Darstellungen erinnern – mit einer Audienz beim Kaiser als Höhepunkt ihrer Laufbahn.

 

Fast expressionistisches Porträt von 1856

 

Bei solchen Beispielen wird eine überraschende Vielfalt deutlich. Indes lässt die Schau offen, ob die chinesische Porträtmalerei eine stilistische Entwicklung durchlief oder sich in Variationen mustergültiger Vorbilder erschöpfte: Zwei der lebendigsten und eindrucksvollsten Bilder sind zugleich die ältesten – sie zeigen die Köpfe zweier Tribut-Gesandten aus dem frühen 15. Jahrhundert.

 

Noch origineller ist das einzigartige Selbstporträt, das Ren Xiong 1856 schuf. Breitbeinig stehend mit nacktem Oberkörper, skizziert er das Gewand in geradezu expressionistisch zackigen Konturen; sein kahler Schädel fixiert mit stechenden Augen den Betrachter. Dass der Maler damit seine Zeitgenossen schockiert haben dürfte, liegt nahe; ob und welche Wirkung er auf die Kunst seiner Epoche ausübte, bleibt unerwähnt.

Barockes Palast-ensemble in Beijing

 

Weniger spektakuläre Schaustücke, aber ein näher liegendes Thema bietet die parallel laufende Ausstellung "Wechselblicke – Zwischen China und Europa 1669-1907". Im Abendland des 18. Jahrhunderts waren so genannte Chinoiserien schwer in Mode. Kein Lustschloss kam ohne chinesisches Kabinett aus, das mit Seidentapeten, Wandschirmen und Porzellan dekoriert wurde. Doch der Kulturaustausch war keine Einbahnstraße: Am Kaiserhof in Beijing hatten Jesuiten nicht nur neue Maltechniken, sondern auch Kunsthandwerk und Architektur popularisiert.

 

Das aufwändigste Paradestück dieses Euro-Einflusses waren die "Westlichen mehrstöckigen Gebäude" (Xiyang Lou). Castiglione und Pater Michel Benoist errichteten sie ab 1747 im Nordwesten von Beijing als Teil eines ausgedehnten Palast-Areals: Im "Garten der vollkommenen Klarheit" (Yuanming Yuan) entstand ein ensemble von Gebäuden im Barock- und Rokoko-Stil, umgeben von sprudelnden Wasserspielen. Als diese versiegten, weil der zuständige Pater Benoist 1774 starb, verlor der Kaiser das Interesse. Im Zweiten Opiumkrieg wurde der Komplex 1860 von anglofranzösischen Truppen zerstört; heute stehen dort Ruinen.

 

Rothaarige Europäer in Gehröcken

 

20 prachtvolle chinesische Kupferstiche – ebenfalls eine von den Jesuiten eingeführte Drucktechnik – füllen eine ganze Wand mit der Formenvielfalt dieser Freizeit-Paläste. Wie sie im Inneren aussahen, zeigt eine Seidenmalerei: Hofdamen in pseudo-europäischen Kleidern vergnügen sich beim Brettspiel. Ihren schon Ende des 19. Jahrhunderts verfallenen Zustand bezeugen Vitrinen mit damaligen Fotografien. Nirgends wird jedoch ihre Geschichte dokumentiert oder ihr Zweck angesprochen: Waren diese Bauten für den Kaiser nur teure Spielzeuge, oder betrachtete er ihre exotische Architektur als nützlich oder gar vorbildlich?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "China und Ägypten - Wiegen der Welt" - anschaulicher Vergleich der beiden antiken Kulturen im Neuen Museum Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Glanz der Kaiser von China – Kunst und Leben in der Verbotenen Stadt" - prachtvolle Überblicks-Schau im Museum für Ostasiatische Kunst, Köln

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Supermarket of the Dead" - exzellente Essay-Schau über traditionelle Brandopfer in China im Residenzschloss, Dresden

 

und hier eine Kritik der Ausstellung "Menschen und Götter – Figurenmalerei in China" im Museum für Asiatische Kunst, Berlin-Dahlem

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Der chinesische Lustgarten" mit klassischer Erotica im Museum für Asiatische Kunst, Berlin-Dahlem.

 

Diese Frage bleibt auch bei anderen so genannten Europerien unbeantwortet. Auf Bildern chinesischer Maler waren Europäer stets an roten Haaren, Gehröcken und Bundhosen zu erkennen. Solche Motive verwendete man nicht nur für Porzellan, das in den Okzident exportiert wurde, sondern auch für den lokalen Gebrauch. Die Ausstellung führt an Belegen auf Papier und Keramik vor, wie durch Ex- und Import von Ost nach West und zurück Hybrid-Darstellungen zwischen beiden Kulturkreisen entstanden: Sie gaben keine Realitäten wider, sondern wechselseitige Vorstellungen voneinander.

 

Gerücht über Porzellan-Fassade

 

Das konnte amüsant groteske Formen annehmen; wenn etwa ein chinesischer Holzschnitt-Meister eine fette holländische Milchkuh überlebensgroß in eine liebliche asiatische Landschaft stellte. Oder folgenreiche Missverständnisse hervorrufen: 1665 setzte der Handelsreisende Johan Nieuhof das Gerücht in die Welt, die Pagode in Nanjing sei aus Porzellan errichtet. Daraufhin befahl Sonnenkönig Ludwig XIV., das "Trianon" in Versailles mit Fayencen zu verkleiden. Was nicht lange hielt: Nach nur 16 Jahren wurde es abgerissen – doch sein fernöstlich anmutendes Dekor fand bald europaweit begeisterte Nachahmer.

 

Mit solchen Anekdoten begnügt sich die Kabinett-Ausstellung der Kunstbibliothek weitgehend. Sie trägt allerlei hübsche Fundstücke zusammen, doch wenig zum Verständnis des Phänomens bei: Wann und warum wuchs in Europa und China die Neugier auf die jeweils andere Kultur – mit welchen langfristigen Folgewirkungen? Immerhin wurde chinesische Seide bereits zur Römerzeit und Porzellan seit dem frühen 16. Jahrhundert in großen Mengen nach Europa eingeführt. Während der "Chinamanie" des 18. Jahrhunderts priesen Aufklärer wie Voltaire das Reich der Mitte als rational verwalteten Beamtenstaat.

 

Anschauung ohne Begriffe ist blind

 

Solche Aspekte bleiben im Berliner Kulturforum außen vor. Darin ähneln beide Ausstellungen einander: "Gesichter Chinas" und "Wechselblicke" beschränken sich auf Kunst-Anschauung, ohne die geistigen und historischen Rahmenbedingungen ausreichend zu erläutern. Das wäre fürs hiesige Publikum dringend nötig: Allein den Blick auf Gesichter und Erscheinungsformen der ältesten Weltkultur zu richten, reicht im Zeitalter ihrer stürmischen Renaissance nicht aus.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 14.12.2017





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