
Im Jahr 1928 feierte „Die Dreigroschenoper“ im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin Premiere: Das Bühnenstück von Bertolt Brecht und Elisabeth Hauptmann mit der Musik von Kurt Weill schlug ein wie eine Bombe. Zunächst wurde es zum Renner der Saison, dann zum weltweiten Sensationserfolg. Schon kurze Zeit später waren die Lieder der „Oper“ Gassenhauer, und noch heute kennt jedermann die Moritat von Mackie Messer: „Und der Haifisch, der hat Zähne und die trägt er im Gesicht, doch Macheath, der hat ein Messer, doch das Messer sieht man nicht…“
Info
Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm
Regie: Joachim A. Lang,
130 Min., Deutschland 2017;
mit: Lars Eidinger, Tobias Moretti, Hannah Herzsprung, Joachim Król
Produktiver Brecht
Bis heute zählt „Die Dreigroschenoper“ zu den erfolgreichsten deutschen Bühnenwerken überhaupt. Doch die letzte deutschsprachige Verfilmung des Werkes liegt gut 50 Jahre zurück. Man darf annehmen, dass erst der Tod der Brecht-Tochter und -Erbin Barbara Brecht-Schall im Jahr 2015 den Weg für dieses Filmprojekt frei machte. Eine Idee von Regisseur Joachim A. Lang war zweifellos, endlich jenen Film zu realisieren, den sich Brecht vorgestellt haben könnte. Angesichts vieler authentischer Manuskripte, darunter Brechts damaliges Film-Exposé und der im Exil entstandene „Dreigroschenroman“, gab es genügend Ausgangsmaterial.
Offizieller Filmtrailer
Streit zwischen Künstlern und Filmproduktion
Herausgekommen ist ein wildes Experiment: Eine Starbesetzung spielt sich in üppiger Ausstattung durch ein intellektuelles Drehbuch, das ein Bühnenstück in eine Art „Making of“ des nie gedrehten Films verwandelt. Eigentlich kann man „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ nur loben: Hier wurde akkurat recherchiert, und Regisseur Lang kennt sich mit Brecht und seinem Werk hervorragend aus. Fast alle Schauspieler sind großartig besetzt und spielen nach allen Regeln ihrer Kunst auf: Tobias Moretti als Macheath, Joachim Król und Claudia Michelsen als Herr und Frau Peachum und Meike Droste als Helene Weigel sind herausragend. Es macht einfach Spaß, ihnen zu zusehen.
Berlin 1930: Bertolt Brecht (Lars Eidinger) und Kurt Weill (Robert Stadlober) sind auf dem Höhepunkt ihres Erfolges und Ruhms. Der Filmproduzent Seymour Nebenzahl (Godehard Giese) will ihr Bühnenstück „Die Dreigroschenoper“ verfilmen lassen. Brechts Mitstreiter und Vertraute sind aus dem Häuschen. Sängerin Lotte Lenya (stark und souverän: Britta Hammelstein) und Schauspielerin Carola Neher (blass und gesanglich katastrophal überfordert: Hannah Herzsprung) wittern ihre große Chance. Doch schnell offenbaren sich gravierende Differenzen zwischen der Filmfirma und den Künstlern.
Vermischung verschiedener Ebenen
Brecht versucht seine Vision anschaulich zu beschreiben. Plötzlich vermischen sich die innerfilmische Gegenwartsebene und der gedachte „Dreigroschen“-Film: Nebenzahl und Brecht laufen nun durch ein düsteres London, in dem Gangsterboss Macheath (Tobis Moretti) das Sagen hat. Dieser verliebt sich in Polly, die Tochter des Bettlerkönigs Peachum (Joachim Król). Von nun an springt der Film zwischen diesen zwei Ebenen hin und her. Ganz im Sinne des Brecht’schen Theaters werden dabei Tafeln mit Kapitelnamen hochgehalten, und es öffnet sich die vierte Wand der Bühne. Die Schauspieler sprechen ihre Texte direkt in die Kamera, Fiktion und Realität vermischen sich.
Während der Rechtsstreit zwischen der Nero-Film und Brecht weiter eskaliert, entfaltet sich auch die „Dreigroschen“-Geschichte in London: Macheath heiratet seine Polly, und bald kommt es zum Kampf zwischen den beiden Königen der Unterwelt, Peachum und Mackie Messer. Armut, Korruption, Machtmissbrauch und Klassenunterschiede kommen zur Sprache: Die „Dreigroschenoper“ spart nicht an Gesellschaftskritik. Das ist auch den langsam immer mächtiger werdenden Nationalsozialisten ein Dorn im Auge, sie beginnen die Theateraufführungen am Schiffbauerdamm zu stören.
Ein Verlierer gewinnt
Brecht verliert seinen Prozess und gewinnt doch: Nach seiner Logik hat er damit bewiesen, wie verlogen die Filmbranche und die Gesellschaft sind. Er will sich der Unterhaltungsbranche nicht unterwerfen, will weiter politisieren und aufrütteln. Denn: „Es setzt sich nur so viel Wahrheit durch, wie wir durchsetzen.“ In der „Dreigroschenoper“ kauft Macheath eine Bank und wird ihr neuer Direktor. Aus dem Gangster wird ein Geschäftsmann. „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Baal" - frei nach dem Drama von Bertolt Brecht von Volker Schlöndorff
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Zeitlose Moritate
Vor allem aber will der Film am Ende doch zu viel. Allein die Geschichte von Brecht und seinen Mitstreitern und Mitstreiterinnen wäre schon spannend genug gewesen – man vergesse an dieser Stelle nicht, welche Rolle beispielsweise Elisabeth Hauptmann als Übersetzerin der „Beggar’s Opera“ und Ko-Autorin der „Dreigroschenoper“, und auch Brechts Ehefrau Helene Weigel in seinem Kollektiv gespielt haben.
Und auch „Die Dreigroschenoper“ selbst schreit eigentlich nach einer eigenen Verfilmung: ein tolles Stück, immer noch aktuell, frech, aufregend und zeitlos. Ganz zu schweigen von der genialen Musik Kurt Weills: Die Songs und Moritate sind nach fast 100 Jahren immer noch ein Ohrenschmaus – sofern man nicht gerade Hannah Herzsprung singen lässt.