Klicken Sie für einen Ausdruck bitte hier oder benutzen Sie manuell die Druckfunktion Ihres Browsers.



Mary (Elle Fanning) und Percy (Douglas Booth) leben in wilder Ehe zusammen. Foto: © 2018 PROKINO Filmverleih GmbH

Mary Shelley


(Kinostart: 27.12.) Geburt eines Monsters: Mit "Frankenstein" erfand Mary Shelley vor 200 Jahren die moderne Science-Fiction. Sie musste anonym publizieren, weil man das einer Frau nicht zutraute – daraus macht Regisseurin Haifaa Al Mansour ein süffiges Biopic.


Der Blick zurück erzählt stets mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit. Dass über die Frankenstein-Erfinderin Mary Shelley 2018 ein Film gedreht wird, dürfte weniger mit wieder erwachtem Interesse an der Literatur des frühen 19. Jahrhunderts zu tun haben als mit ihrer Biographie. Immerhin gelang es Shelley (1797-1851), sich in einer männerdominierten Welt als eigenständige Schriftstellerin zu behaupten – wenn das kein Beitrag zur Selbstermächtigung ist, der in #MeToo-Zeiten gerade recht kommt!

 

Info

 

Mary Shelley

 

Regie: Haifaa Al Mansour,

120 Min., Großbritannien/ Irland/ Luxemburg 2017;

mit: Elle Fanning, Douglas Booth, Tom Sturridge

 

Weitere Informationen

 

Da überrascht auch nicht, dass sich die saudi-arabische Regisseurin Haifaa Al Mansour des Stoffes angenommen hat – und ihr Biopic wie einen präfeministischen Bildungsroman erzählt. Denn 2012 wurde Al Mansour mit ihrem Film "Das Mädchen Wadjda" zum feministischen Idol. Er war nicht nur der erste, der in Saudi-Arabien von einer Frau gedreht worden war; er handelte auch von einem rebellischen Mädchen und kritisierte die staatliche Unterdrückung von Frauen.

 

Erste Versuche am Mutter-Grab

 

Mary Wollstonecraft Godwin (Ellen Fanning), so ihr Mädchenname, ging es nicht in erster Linie um den Kampf gegen das Patriarchat, sondern um Literatur – sie wollte möglichst ungestört schreiben. Ruhe dafür findet sie jedoch nur am Grab ihrer Mutter, die selbst Schriftstellerin war, auf einem einsamen Friedhof. Dort beginnt der Film. Die 16-Jährige übt sich in kreativer Introspektion mit Sätzen wie: "In meiner Seele gibt es etwas, das ich nicht verstehe".

Offizieller Filmtrailer

Aus datenschutzrechtlichen Gründen benötigen wir Ihre explizite Zustimmung, um Videos von Youtube anzuzeigen. Mit Klick auf den Play-Button akzeptieren Sie unsere Datenschutz-Erklärung.

 

Schottland-Reise zum Schreiben

 

Derweil schwebt die Kamera durch die vernebelte Gräberlandschaft, bevor sie der jungen Frau in den verschlammten Moloch folgt, der sich London nennt. Dessen für heutige Augen chaotische Tristesse wird von Al Mansour so authentisch in Szene gesetzt wird, dass es nicht verwundert, wenn sich Mary zuhause in Fantasiewelten flüchtet – ihrer Lieblingsbeschäftigung geht sie in einer Ecke der kleinen düsteren Wohnung nach.

 

Daran hindert sie jedoch meistens ihre Stiefmutter, die geradezu hexenhaft kratzbürstig daher kommt. Sie hält nichts von Schöngeistigem, im Gegensatz zu ihrem Vater William (Stephen Dillanes); der Buchhändler und Literaturliebhaber ist mit gekonnt gespielter Onkelhaftigkeit die wohl sympathischste Figur. Er schickt seine Tochter zu einem Verwandten nach Schottland, damit sie dort ungestört schreiben kann, und empfiehlt ihr: "Befreie dich von den Worten und Gedanken anderer".

 

Dekadenz wie bei "MTV Cribs"

 

Das nimmt Mary wörtlich; ihre Reise in den fernen Norden wird zum Ausgangspunkt für ihre persönliche Verwandlung. Sie verliebt sich in den rebellischen Dichter Percy Shelley (Douglas Booth), mit dem sie schließlich aus der sozialen Enge der heimischen Verhältnisse auf den Kontinent flieht – deshalb bricht der geliebte Vater mit ihr, doch andererseits löst die Flucht ins Exil bei ihr eine kreativen Schub aus.

 

Ihr künstlerische Erweckungserlebnis hat Mary bei einer Reise nach Genf zum Exzentriker und romantischen Skandal-Dichter Lord Byron (Tom Sturridge). Dessen Schloss würde mit seiner Dekadenz heutzutage perfekt in die Fernsehshow  "MTV Cribs" passen, in der reiche Popstars mit ihren Anwesen protzen. Ungewöhnlich schlechtes Wetter zwingt die Bewohner, wochenlang im Haus zu bleiben. Zwischen Saufgelagen und berauschten Diskussionen schlägt Byron einen Wettbewerb um die beste Gruselgeschichte vor – dabei kommt Shelley die Idee zu ihrem bahnbrechenden Debütroman "Frankenstein".

 

Passend holzschnittartige Gefühle

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Das Mädchen Wadjda" - der erste saudi-arabische Frauen-Spielfilm, 2012 gedreht von Haifaa Al Mansour

 

und hier eine Besprechung des Films "Confession" - exzellente Klassiker-Verfilmung des Amour-Fou-Romans von Alfred de Musset durch Sylvie Verheyde mit Charlotte Gainsbourg + Pete Doherty

 

und hier einen Beitrag über den Film "Violette" - Biopic über die von Simone de Beauvoir und Jean Genet geförderte Schrifstellerin Violette Leduc von Martin Provost

 

und hier einen Bericht über den Film "Ein Leben" - einfühlsam-subtile Verfilmung des Romans von Guy de Maupassant durch Stéphane Brizé.

 

Diese Reflexion über Einsamkeit und soziale Isolation eines künstlichen Wesen bildet in jeder Hinsicht einen atmosphärischen Kontrapunkt zum Film. Dessen Dialoge klingen oft nach Seifenoper; vor allem in den Szenen mit Marys Schwester Claire (Bel Powley), die ihrer naiven Enttäuschung über ihre unerwiderte Liebe zum Schürzenjäger Byron recht unbeholfen Ausdruck verleiht. So wirken die Emotionen der Protagonisten oft eher holzschnittartig – nicht unpassend für eine Epoche, in der Gefühle in Oper und Romanen meist recht theatralisch und plakativ dargestellt werden.

 

Hauptdarstellerin Elle Fanning wechselt virtuos zwischen Verzweiflung und Lebenslust. Ihr ist zu verdanken,  dass die mit viel Nebel, pompösen Kostümen und lodernden Kerzen ausstaffierte Geschichte nie ins Banale kippt, sondern einfühlsam den enormen Kraftaufwand ihrer Figur begleitet. Sie weiß, dass sie sich als Schriftstellerin doppelt anstrengen muss, um Anerkennung zu finden – und dass Kreativität manchmal bedeutet, Schmerz in Kunst zu verwandeln.

 

Autorschaft nach 13 Jahren enthüllt

 

Mary Shelley war bewusst, dass sie am damaligen Kulturbetrieb nur unter Einhaltung gewisser Regeln teilnehmen konnte; daher publizierte sie ihr Werk "Frankenstein" im März 1818 anonym. Allgemein wurde angenommen, eine derart komplexe Geschichte könne nicht von einer Frau stammen; man vermutete, sie sei von ihrem Mann, der das Vorwort verfasst hatte. Der sofortige Erfolg des Buchs kam ihr zunächst nicht zugute; ebenso wenig die fünf Jahre später uraufgeführte Bühnenfassung. Erst 1831 gab Mary Shelley bekannt, dass sie die Autorin war.



Von Philipp Rhensius, veröffentlicht am 25.12.2018





URL zu diesem Artikel: https://kunstundfilm.de/2018/12/mary-shelley/

Kurz-URL zu diesem Artikel: /wp.me/p1TwZ4-fu2