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Anselm Feuerbach: Ruhende Nymphe, 1870. Foto: © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Fotoquelle: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Licht und Leinwand – Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert


Von Konkurrenz zur Koexistenz: Im 19. Jahrhundert rivalisierten Malerei und Fotografie miteinander – viele Künstler duldeten Lichtbilder nur als Hilfsmittel. Das wechselvolle Verhältnis beider Medien schildert die Kunsthalle systematisch und anschaulich.


Fotografie und Malerei verbindet eine Hassliebe. Als in Paris 1839 die Daguerrotypie als erstes Lichtbildverfahren öffentlich vorgestellt wurde, bekam die Malerei Konkurrenz: Die Wahrnehmung der Welt veränderte sich. Wie reagierten die Künstler darauf? Bis heute blenden Museen und Kunsthistoriker häufig aus, wie stark sich Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert gegenseitig inspirierten, zu übertrumpfen suchten und voneinander profitierten.

 

Info

 

Licht und Leinwand – Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert

 

09.03.2019 - 02.06.2019

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, Hans-Thoma-Straße 2-6, Karlsruhe

 

Begleitband 29 €

 

Weitere Informationen

 

Ob auch die Fotografie eine Kunstform sei oder sein könne, war lange heftig umstritten. Gegen diese Aufwertung der Fotografie legten viele Maler ihr Veto ein; sie nahmen handwerkliches Können, Erfindungskraft und Genie allein für ihr eigenes Metier in Anspruch. Dagegen punktete die Fotografie mit scheinbar unbestechlicher Präzision.

 

Motivisch statt chronologisch

 

Die Ausstellung "Licht und Leinwand" in der Kunsthalle Karlsruhe will das spannende Wechselverhältnis zwischen dem alten und dem neuen Medium erhellen. Nicht chronologisch wird das Thema bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts abgearbeitet, sondern fokussiert auf pointierte Fallbeispiele in Motivgruppen wie Akt, Porträt, Naturwahrnehmung, Exotik – selbst Blumen-Stillleben.

Impressionen der Ausstellung

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Mit nassen Glasplatten in der Wüste

 

Fokus Fernweh: Der Brite Francis Frith packte 1856 drei unhandliche Kameras, Chemikalien in Fläschchen sowie ein Zelt als Dunkelkammer zusammen und schiffte sich nach Ägypten ein. Er war nicht der erste Fotograf, den die Wüste lockte, aber er wollte seine Vorgänger ausstechen: mit gestochen scharfen Aufnahmen im nassen Kollodiumverfahren, das kurz zuvor erfunden worden war. Kein Kinderspiel. In der Hitze drohten sich flüssige Emulsionen auf Glasplatten-Negativen rasch zu zersetzen; vom Staub ganz abgesehen.

 

Frith meisterte die Tücken. Auf seiner Ansicht der Pyramide von Gizeh glaubt man jedes Sandkorn und jeden Mauerstein zu erkennen. Über die dokumentarische Detailtreue der boomenden Reisefotografie freuten sich Maler von Orientalismus-Motiven und machten sie sich rasch zunutze. So beschränkte sich etwa Leopold Carl Müller nun vor Ort in Kairo darauf, mit raschem Pinsel Farb- und Lichteffekte in Öl festzuhalten. Ansonsten nutzte er Fotografien als Vorlagen für seine später im Atelier ausgeführten Gemälde.

 

Nackte Bacchantin im Stereoskop

 

Fokus Blumenblatt: Den Duft von Rosen können beide Medien nur suggerieren. Aber beim Genre Stillleben hatte die Malkunst einen Jahrtausende alten Vorsprung. Schon in der Antike und dann im 17. Jahrhundert überboten sich Maler in der täuschend echten Wiedergabe von Blütenkelchen, Blattadern, saftigen Früchten und daran knabbernden Käfern. Die Fotografie hatte lange das Nachsehen; erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelang es, die bunten Farben der Wirklichkeit einzufangen.

 

Fokus nackte Haut: Sind unbekleidete Körper tabu oder dürfen sie gezeigt werden – wenn ja, unter welchen Umständen? Unterm Ladentisch wurden erotische Fotografien gehandelt, kaum dass die Lichtbildtechnik erfunden war. Doch in den durch Malerei vertrauten Formen der antiken Mythologie: Eine als antike Bacchantin ausstaffierte, hüllenlose Schöne konnte mann sich im Stereoskop gleich doppelt vor Augen führen – dreidimensional mit allen weiblichen Rundungen, echt scharf. Die von Anselm Feuerbach lebensgroß gemalte "Ruhende Nymphe" wirkt nicht ganz so nackt: Ihr idealisierter Körper ist der schnöden Wirklichkeit ein wenig entrückt.

 

Lenbach malt Bismarck-Fotos ab

 

Fokus Bewegung. Ein galoppierendes Pferd läuft schneller als 40 Kilometer pro Stunde. Das kann das menschliche Auge nicht genau sehen. Professionelle Pferdemaler setzten die Dynamik der edlen Rösser trotzdem suggestiv ins Bild: als gestreckten Galopp. Aber diese Gangart entlarvte der Fotograf Eadweard Muybridge 1881 als Fiktion: in dem er den Bewegungsablauf in Einzelbilder zerlegt. Von da aus war es nicht mehr weit zur Kinematographie: 1895 lernten die Lichtbilder laufen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Es drängt sich alles zur Landschaft…" über Landschaftsbilder des 19. Jahrhunderts im Museum für bildende Künste, Leipzig

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Die Geburtsstunde der Fotografie" mit der weltweit ersten Aufnahme von 1826 und Arbeiten des 19. Jahrhunderts in den Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Von Gibraltar bis Helgoland" - Neupräsentation einzigartiger spätromantischer Landschaftsmalerei in der Sammlung Schack, München

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "KunstFotografie - Emanzipation eines Mediums" mit Werken des Piktorialismus im Kupferstichkabinett, Dresden

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Die nackte Wahrheit und anderes" - über Aktfotografie um 1900 im Museum für Fotografie, Berlin.

 

Fokus Porträt: Schon der Weltreisende und Naturforscher Alexander von Humboldt ließ sich 1847 auf einer Daguerrotypie ablichten, als er in Paris war. Trotzdem starb die repräsentative Porträtmalerei keineswegs aus – im Gegenteil. Sich mit dem Pinsel verewigen zu lassen wie zu Rembrandts Zeiten hatte einfach mehr Renommée als ein Besuch im Fotostudio. Wobei letzteres als Hilfsmittel willkommen war: So fertigte der Münchner Malerfürst Franz von Lenbach dutzendweise Bildnisse von Bismarck an, etwa ein Triple-Porträt aus drei Perspektiven. Das schaffte er nur, indem er den Reichskanzler zuvor in diversen Haltungen vor der Kamera posieren ließ.

 

King-Arthur-Fotos mit Töchtern

 

Fokus Geschichte: Den Augenblick festzuhalten, gelingt dem Kameraobjektiv mühelos. Vergangenheit lebendig werden zu lassen, war ein Privileg der Malerei: Das 19. Jahrhundert war die große Zeit der Historienmalerei. Der gefeierte Salomaler Hans Makart arrangierte effektvoll eine Szene aus Goethes "Faust" – mit sich selbst in der Hauptrolle. Nicht ungewöhnlich: Im großbürgerliche Milieu liebte man historische Verkleidungen, etwa auf Kostümfesten im Stil der Rubens– und Dürer-Ära.

 

Zur gleichen Zeit träumte sich die englische Fotografin Julia Margaret Cameron auf ihrem Landhaus ebenfalls gern fort in ferne, edlere Zeiten: Für Illustrationen eines Epos über König Arthus engagierte sie ihre Töchter und Leute aus der Nachbarschaft als Laiendarsteller. Cameron glaubte an die Poesie der Fotografie, ob scharf oder unscharf. Mit ihren eindringlichen Inszenierungen fand sie als eine der ersten Fotografinnen international Anerkennung.

 

Bitte 15 Sekunden stillhalten!

 

Fokus Selbstauslöser: Wer ist ein Künstler? Derjenige, der die Wirklichkeit illusionistisch spiegelt, oder derjenige, der sie mit Sinn, Gefühl und Verstand interpretiert? Dass Fotografie und Malerei beide Optionen beherrschen, scheint heute unzweifelhaft. Aber erst um 1900 gelang es der Fotografie, Zugang zu Kunstausstellungen und Museen zu erhalten. Damals trat eine neue Gruppe von Amateuren auf, die schnöde Schärfe ablehnten. Die so genannten Piktorialisten oder Kunstfotografen nutzten komplizierte Druckverfahren wie Platindruck, um mit malerischer Aura und absichtlich verschwommenen Konturen stimmungsvolle Aufnahmen anzufertigen, deren Aussehen impressionistischen Gemälden nahe kamen.

 

Mit überraschenden Grenzüberschreitungen: Der junge Amerikaner Edward Steichen stilisiert sich auf seinem Selbstporträt. Als Requisit hält er keine Kamera, sondern Palette und Pinsel in der Hand. Beides blitzt effektvoll im Halbdunkel hervor, buchstäblich wie mit Licht gemalt. In ähnlich selbstbewusste Posen werfen sich andere Maler und Fotografen ringsum. Wen es unwiderstehlich reizt, sich gleichfalls in Szene zu setzen, der darf in einem nachgebauten Fotoatelier zum Selbstauslöser greifen. Aber Achtung: Die Belichtungszeit beträgt 15 Sekunden, wie einst um 1850. Wer nicht stillhält, wird unscharf verwischt.



Von Julian Clairbout, veröffentlicht am 25.03.2019





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