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Charlie Sisters (Joaquin Phoenix) und Eli Sisters (John C. Reilly) sind sich mal wieder uneinig, wo es lang gehen soll. Foto: © Wild Bunch Germany 2018

The Sisters Brothers


(Kinostart: 7.3.) Ein Wildwest-Ritt als Zeitreise in die Zivilisation: Mit großem Staraufgebot verwandelt Regisseur Jacques Audiard seinen Spätwestern in ein Psychogramm über den Zusammenhang von Familie und Gewalt – mit Verheißungen des Zähneputzens.


Zwei blutsverwandte Halunken: Charlie Sisters (Joaquin Phoenix) liebt den Ruf, der ihm und seinem älteren Bruder Eli (John C. Reilly) vorauseilt – berühmt-berüchtigt und gefürchtet zu sein. Das ist für ihn, worum es im Leben geht. Die Gebrüder Sisters sind Auftragskiller und töten ohne Gnade oder Skrupel jeden, auf den sie ihr Arbeitgeber – der ominöse "Commodore" – ansetzt. Dabei hinterlassen sie Berge von Leichen, verkohlte Ruinen und bisweilen auch brennende Pferde.

 

Info

 

The Sisters Brothers

 

Regie: Jacques Audiard,

121 Min., Spanien/ Rumänien/ Frankreich 2018;

mit: John C. Reilly, Joaquin Phoenix, Jake Gyllenhaal

 

Weitere Informationen

 

Letzteres setzt zumindest Eli zu; der Erstgeborene tritt überlegter und besonnener auf als sein jüngerer Bruder. Wohl deshalb überträgt der Commodore, um die mörderische Effizienz der Brüder zu steigern, die Führungsrolle im Duo dem Heißsporn Charlie und erhöht seinen Lohn – auf Elis Kosten.

 

Sinnfragen im Pferdesattel

 

Diese Entscheidung motiviert die Brüder zu ausführlichen Gesprächen über Gerechtigkeit und die Frage nach dem Sinn ihres Tuns; während langer Stunden im Pferdesattel haben sie viel Zeit dafür. Da liegt die Befürchtung nahe, Regisseur Jacques Audiard wolle das Spätwestern-Rezept von Quentin Tarantino kopieren und die Darstellung exzessiver Gewalt mit ironischen Dialogen kontrastieren, damit die Kinokassen klingeln.

Offizieller Filmtrailer

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Familie, Kater + Vogelspinne

 

Die Sorge ist unberechtigt. Stattdessen liefert Audiard, der für seinen brillanten Sozial-Thriller "Dämonen und Wunder – Dheepan" über Tamilen-Flüchtlinge in Cannes 2015 die Goldene Palme erhielt, eine so wuchtige wie nuancenreiche Nahansicht einer Bruderbeziehung in einer Western-Welt im Wandel. Im anarchischen Chaos aus Verbrechen, Rachegelüsten, Vergeltungsforderungen und neuen Morden nimmt er die gegensätzlichen Charaktere der Brüder ernst; sie verleihen ihrem Ringen um richtiges Handeln das nötige Gewicht.

 

Ein halbes Jahrhundert vor Freud und der Psychoanalyse kommen die Protagonisten in ihrem tief schürfenden Meinungsaustausch einander nah und gewinnen tatsächlich allgemeingültige Erkenntnisse. Etwa die, dass die Institution Familie wohl Ursprung der omnipräsenten Gewalt ist, die die Welt beherrscht. Unterbrochen wird ihr Diskurs durch Schießereien, Charlies Besäufnisse und anschließende Kater oder Elis Erkrankung, als ihn im Schlaf eine Vogelspinne beißt.

 

Zahnbürste als Symbol der Vernunft

 

Doch Audiard begnügt sich nicht mit dem genretypischen Fatalismus, geradlinig ein vorbestimmtes Schicksal zu erfüllen. Seine Filmerzählung macht die Charaktere allmählich mit Errungenschaften der Zivilisation vertraut, die in ihre archaische Welt einbrechen; insbesondere, als sie ihn San Francisco ankommen. Der aufgeschlossene Eli zeigt sich an vielem interessiert, was das Dasein angenehmer machen könnte – etwa neue Kulturtechniken wie das Zähneputzen. Sein ungelenkes Üben mit der Zahnbürste wird zum Symbol eines künftigen Lebensentwurfs, der vernünftiger sein könnte – wenn nur der Wille dazu vorhanden wäre.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Dämonen und Wunder - Dheepan" - brillanter Flüchtlings-Thriller von Jacques Audiard

 

und hier eine Besprechung des Films “Der Geschmack von Rost und Knochen” – Außenseiter-Drama mit Marion Cotillard von Jacques Audiard

 

und hier einen Beitrag über den Film "Unforgiven – Erbarmungslos" - klassischer Spätwestern von und mit Clint Eastwood

 

und hier einen Bericht über den Film "The Homesman" - hervorragender Spätwestern über Frauen-Gefangenen-Transport von und mit Tommy Lee Jones.

 

Doch während der Ältere immer häufiger davon träumt, mit seinem Killer-Job abzuschließen und vielleicht sogar zu heiraten, liebt Charlie die Maßlosigkeit seiner Existenz. Jedenfalls will er nichts von Elis Plan hören, gemeinsam einen Laden zu eröffnen. Immerhin ist Charlie zu akzeptieren bereit, dass Charlie aussteigen wird, sobald sie ihren aktuellen Auftrag ausgeführt haben.

 

Quecksilber in Flusswasser kippen

 

Der besteht darin, Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed) zu liquidieren. Zuvor sollen die Brüder dem Chemiker noch die Formel seiner Entdeckung abpressen: Mit Quecksilber kann er Goldnuggets in Flusswasser sichtbar machen. Das Duo ist jedoch nicht allein auf Warms Spur. Ebenfalls auf ihn angesetzt ist der Detektiv John Morris (Jack Gyllenhaal); er vereint die nötige List und Brutalität mit einer gewissen Gepflegtheit und Bildung.

 

Doch Warm ist ebenso wenig auf den Mund gefallen und hat seine eigene Zukunftsvision. So geraten die vier Männer bald in eine Lage, in der sie gezwungen sind, ihre unterschiedlichen Vorstellungen vom besseren Leben gemeinsam zu verwirklichen; sie sind voneinander abhängig.

 

Star-Quartett erledigt Pathos

 

Zwar wird die kurzlebige Utopie von Gier zerstört und verwandelt sich in einen Alptraum aus Tod und Zerstörung – doch die Überlebenden haben etwas gelernt, wenn auch zu einem hohen Preis. Wobei Audiard am Ende seinem Hang zum Pathos frönt, was aber sein herausragendes Schauspielerensemble wettmacht; das Quartett spielt lässig darüber hinweg. In einem streckenweise betörenden Film über die Schönheit der Wildnis und Annehmlichkeiten der Zivilisation, Verlockungen des Exzess' und Chancen des Vernünftigwerdens.



Von Holger Heiland, veröffentlicht am 06.03.2019





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