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Der Möbelpacker Walter (Rainer Bock, mitte) mit seinem Freund dem Gerichtsvollzieher Alfred (Thorsten Merten, rechts). Foto: © 235 Film,Tobias von dem Borne. Fotoquelle: Pandora Film Medien GmbH

Atlas


(Kinostart: 25.4.) Ein Stoiker in der Zwickmühle: David Nawrath erzählt von einem Möbelpacker, der späte Vatergefühle entwickelt. Dramaturgisch läuft das nicht immer rund, unterm Strich aber passt es – auch dank des Hauptdarstellers Rainer Bock.


Ein Mann legt sich erschöpft auf den kalten Küchenboden. Mit diesem wiederkehrenden Bild bringt Regisseur David Nawrath den Zustand seiner Hauptfigur auf den Punkt. Der 60-jährige Walter (Rainer Bock) mutet seinem nicht mehr ganz frischen Körper einiges zu. Doch der Ex-Gewichtheber ist ein zäher Bursche; seine Schmerzen lindert er nach getaner Arbeit auf eben diese Weise.

 

Info

 

Atlas 

 

Regie: David Nawrath,

100 Min., Deutschland 2018;

mit: Rainer Bock, Albrecht Schuch, Thorsten Merten

 

Website zum Film

 

Tagein, tagaus führt er mit seinen Kollegen Zwangsräumungen durch. Dass sein Chef zu illegalen Mitteln greift und neuerdings sogar mit einem kriminellen Clan Geschäfte macht, scheint ihn nicht zu stören. Ohne große Worte und zuverlässig verrichtet Walter seinen Job, bei dem er immer wieder mit harten Schicksalen konfrontiert wird. Schicksale, die ihn offenbar nicht berühren.

 

Handfester Gewissenskonflikt

 

Das ändert sich, als der Speditionstrupp vor der Tür eines jungen Familienvaters steht, der seine Wohnung nicht verlassen will und die gegen ihn laufenden Klagen ignoriert. Walter erkennt in Jan (Albrecht Schuch) seinen Sohn, den er als Kind zum letzten Mal gesehen hat. Diese Begegnung sorgt dafür, dass Walter in einen handfesten Gewissenskonflikt schlittert.

Offizieller Filmtrailer

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Raus aus der Gleichgültigkeit

 

Nach und nach ringt er sich zu einer Annäherung durch – wobei er seine Identität zunächst verschleiert. Jans Verweigerungshaltung bringt ihn und seine Familie jedoch zunehmend in Gefahr. Und so steht sein Vater bald vor der Frage, ob er helfend eingreifen soll. Nawrath konfrontiert seinen Protagonisten mit einem klassischen Dilemma.

 

Sein Berufsalltag, den er bislang unbeteiligt abhandelte, bekommt plötzlich eine persönliche Dimension. Walter sieht sich gezwungen, aus seiner Gleichgültigkeit auszubrechen. Für die gibt es übrigens einen durchaus nachvollziehbaren Grund, der im weiteren Handlungsverlauf enthüllt wird. Walters Weg aus seiner Komfortzone beschreibt "Atlas" ohne Hektik.

 

Plötzlich ein Thriller

 

Der Film konzentriert sich auf das Ringen des Möbelpackers, der Jan gerne helfen möchte, gleichzeitig aber von unsichtbaren Kräften zurückgehalten wird. Fast eine Stunde köchelt das Geschehen vor sich hin, bis Walter das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Die thrillerhafte Entwicklung des Plots fühlt sich etwas forciert an. Hier und da tauchen kleine Ungereimtheiten auf. Und die Figur seines jähzornigen, zu Gewaltausbrüchen neigenden Kollegen Moussa (Roman Kanonik) entpuppt sich allzu offenbar als dramaturgischer Erfüllungsgehilfe.

 

Diese Schwächen stören nur bedingt, da Hauptdarsteller Rainer Bock den Film mit seinem nuancierten Spiel fast im Alleingang trägt. Wohltuend zurückgenommen und unaufgeregt entwirft der sonst zumeist in prägnanten Nebenrollen besetzte Norddeutsche das Porträt eines in sich gekehrten Mannes, der in seinem Leben viele Fehler begangen hat. Nun kämpft er darum, alte Versäumnisse wieder gutzumachen. Mit kurzen Blicken und kleinen Gesten lässt Bock erahnen, dass es in Walter nicht nur arbeitet, sondern brodelt – weshalb man dem Film den Moment des Umschwungs dann doch abkauft.

 

Charakterdrama statt Thesenwerk

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Arthur & Claire" - skurrile Selbstmord-Dramödie mit Rainer Bock von Miguel Alexandre

 

und hier eine Besprechung des Films "Donbass" - Drama über den Krieg in der Ost-Ukraine mit Thorsten Merten von Sergei Loznitsa

 

und hier einen Beitrag über den Film "Das Haus am Meer" - subtiles Familiendrama in Zeiten der Immobilienkrise von Robert Guédiguian.

 

Thematisch bewegt sich Nawrath mit seinem Langfilmdebüt, dessen Titel auf einen Titanen aus der griechischen Mythologie anspielt, am Puls der Zeit. Schließlich sind die Machenschaften mancher Immobilienbesitzer mehr als besorgniserregend – ebenso wie die Lage auf dem Wohnungsmarkt, besonders in den Großstädten.

 

Trotz sozialkritischer Untertöne verkommt "Atlas" nicht zu einem langweiligen, seine Gesellschaftskritik vor sich her tragenden Thesenwerk. Entstanden ist vielmehr ein spannendes Charakterdrama mit melancholischer Grundstimmung. Zu dieser tragen nicht zuletzt die farblich entsättigten Bilder bei, die den Handlungsort Frankfurt am Main von seiner ungemütlichen, wenig glamourösen Seite zeigen.

 

Beiläufig, aber packend

 

Neben Bocks starker Performance überzeugt der Film dadurch, dass er immer wieder kurze, aber tiefe Einblicke in die Gefühlswelt anderer Figuren bietet. Besonders in Erinnerung behält man eine Szene zu Beginn, in der die aufgestaute Frustration des Gerichtsvollziehers Alfred über das Verhältnis zu seiner Ex-Frau und seiner Tochter schmerzhaft hervorbricht. Momente wie dieser hauchen der manchmal etwas mechanisch wirkenden Erzählung Leben ein – und sorgen dafür, dass man bei der Sache bleibt.



Von Christopher Diekhaus, veröffentlicht am 22.04.2019





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