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Plakatmotiv der Ausstellung (Detail); Foto: Peter Empl 2018, Fotoquelle: Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen

Gewächse der Seele: Pflanzenfantasien zwischen Symbolismus und Outsider Art


Im botanischen Garten der Kunstgeschichte: Vier Museen und Galerien führen vor, wie Gemütszustände seit 200 Jahren mit floralen Formen dargestellt werden. Dabei wollen sie vor allem Außenseiter aufwerten; das eigentliche Thema wird eher untergepflügt.


Let it grow: Für Literatur und bildende Künste sind Blumen und Pflanzen seit jeher Symbolträger – man denke nur an den biblischen Baum der Erkenntnis. Im 19. Jahrhundert wurde mit der Romantik, die nicht von ungefähr nach der 'blauen Blume' suchte, die Verbindung enger; man begriff Pflanzen als unmittelbaren Ausdrucksträger für Seelenlagen. Die Vielfalt dieser Flora-Bilder ist Thema eines großen Ausstellungs-Projekts in der Region Rhein-Neckar.

 

Info

 

Gewächse der Seele: Pflanzenfantasien zwischen Symbolismus und Outsider Art

 

31.03.2019 - 04.08.2019

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

im Wilhelm-Hack-Museum, Berliner Straße 23, Ludwigshafen

 

Katalog 38 €

 

Weitere Informationen

 

täglich außer montags

11 bis 17 Uhr,

mittwochs bis 20 Uhr

in der Sammlung Prinzhorn, Voßstrasse 2, Heidelberg

 

Weitere Informationen

 

Dafür bemühen vier beteiligte Museen und Galerien in Heidelberg, Ludwigshafen, Bad Dürkheim sowie das Kunstzentrum "zeitraumexit" in Mannheim einen stark erweiterten Kunstbegriff. Ihnen geht es nicht nur um Pflanzen-Motive im regulären Kunstbetrieb des 19. und 20. Jahrhunderts, sondern auch abseits von ihm: bei so genannten naiven und ungeschulten Künstlern wie bei Psychiatrie-Patienten, die sich mit Bildern ausdrückten – ihr Schaffen wird heutzutage unter dem Begriff "Outsider Art" zusammengefasst. Der extrem inklusive Ansatz, Werke all dieser Künstler gleichrangig zu behandeln, ist kühn, doch nicht unproblematisch.

 

14.000 Geisteskranken-Bilder

 

Er nutzt aber einen Heimvorteil: In Heidelberg hatte der Kunsthistoriker und Psychiater Hans Prinzhorn (1886-1933) rund 5000 Arbeiten von psychisch Kranken gesammelt; seine 1922 veröffentlichte Monografie "Bildnerei der Geisteskranken" wurde ein Welterfolg. Die dortige Kollektion ist mittlerweile auf mehr als 14.000 Objekte angewachsen; seit 2001 werden in einem eigenen Gebäude Teile der Sammlung zu wechselnden Themen ausgestellt. Etwa im Rahmen dieses Projekts unter dem Titel "Bildwuchs der Krise": Werke von rund 30 Künstlern aus eineinhalb Jahrhunderten.

Impressionen der Ausstellung im Wilhelm-Hack-Museum

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Drei Köpfe im Rasen von 1842

 

Dabei fallen enorme Unterschiede in Imagination und handwerklichem Können auf: Etliches erscheint so fahrig und willkürlich wie Notizblock-Kritzeleien. Dagegen beeindruckt das älteste Exponat der Schau, das kleinteilige Aquarell eines anonymen Künstlers vom 7. März 1842 aus dem schlesischen Lebus: Aus einem detailliert dargestellten Rasenstück lugen drei Profilköpfe heraus. Sie sind mit ihm geradezu verwachsen – diese Quasi-Verschmelzung von Vegetation und Humansphäre ist ein Leitmotiv dieser Gruppenausstellung.

 

Ähnlich häufig wird Botanisches in geometrischen Strukturen angeordnet und eingepasst. Oft gefällig symmetrisch, aber auch etwas leblos – was gleichfalls eine lange Tradition hat: So beruht ein großer Teil der herkömmlichen Ornamentik in der islamischen Kunst auf abstrahierten Pflanzenformen. Nur wenige der in Heidelberg gezeigten Arbeiten weisen aber eine ausgeprägt individuelle Handschrift auf, die man als persönlichen Stil bezeichnen könnte.

 

Esoterik als Kunstströmung

 

Etwa bei Else Blankenhorn: Als Privatpatientin lebte sie ab 1906 im Sanatorium, hielt sich für die Gattin von Kaiser Wilhelm II. und vermengte das mit Christus-Visionen – in luftigen Aquarellen von glühender Farbenpracht. Die mit Abstand eindrucksvollsten Werke der Schau fertigte indes die Tschechin Anna Zemánková an: Gegen ihre Depressionen malte die Autodidaktin ab den 1950er Jahren großformatige Bilder von fantastisch wuchernden Gebilden, die vegetabile und erotische Formen höchst originell vereinen. Mit beachtlichem Erfolg, auch posthum: 2013 wurden ihre Gemälde auf der Biennale in Venedig gezeigt.

 

Vergleichbaren Schauwert haben auch viele der Bilder von fast 60 Künstlern, die das Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen präsentiert: unter dem Titel "Alternative Realitäten – Spiritismus, Symbolismus und Surrealismus". Nicht nur die Wortwahl ist gewagt; heutzutage gelten 'alternative Fakten' ja als Chiffre für populistisches Wunschdenken politischer Wirklichkeits-Verweigerer. Auch das Konzept hat es in sich: Eine esoterische Praxis steht in einer Reihe mit zwei anerkannten Strömungen der Klassischen Moderne.

 

Victor Hugo sah Gespenster

 

Kulturhistorisch trifft das zu: Als Reaktion auf prosaisch nüchterne Rationalität blühten im 19. Jahrhundert Spiritismus und Geisterglauben – die dadurch entfesselte Einbildungskraft schuf ein Formenrepertoire, aus dem sich später auch Symbolisten und Surrealisten bedienten. Doch ist es sinnvoll, alle drei Phänomene auf dieselbe Stufe zu stellen, wie es das Wilhelm-Hack-Museum macht?

 

Zu den überzeugten Gespenstergläubigen seiner Epoche zählte der große französische Romancier Victor Hugo (1802-1885), der auch eifrig zeichnete. Jahrelang hielt er spiritistische Séancen ab und versuchte, das 'Gesehene' mit Feder und Tusche festzuhalten. Das in der Schau gezeigte "Fantasiegesicht" von 1859 ist aber untypisch für sein Schaffen; es tendierte eher zum Abstrakten.

 

Botschaften aus dem Geisterreich

 

Wie die Britin Georgiana Houghton, die ab 1860 bunte, komplexe Aquarelle malte, um Botschaften aus dem Geisterreich zu übermitteln. Solche "mediumistische" Malerei praktizierte auch die Schwedin Hilma af Klint; ihre erst von Theosophie, später von Anthroposophie inspirierte Kunst mündete in reduzierte Abstraktion, ähnlich wie bei Konstruktivisten.

 

Mit solchem Okkultismus hatte der Symbolismus etwa des Franzosen Odilon Redon oder des Niederländers Jan Toorop wenig gemein: Sie verwendeten verrätselte Szenarien mit ätherischen Gestalten, um Gefühle und Stimmungslagen auszudrücken. Dagegen betrachtete der brillante litauische Symbolist Mikalojus Konstantinas Čiurlionis, der auch Musik komponierte, seine delikat vieldeutigen Landschaftsbilder als synästhetische Arbeiten, die er zu "Sonaten" gruppierte – in der Ausstellung sind fünf dieser im Westen viel zu wenig bekannten Meisterwerke zu sehen.

 

Oft spielt Pflanzliches keine Rolle

 

An den Spiritismus knüpften eher die Surrealisten an, aber nur vordergründig. Zwar teilten sie dessen Absage an den Primat der Vernunft, doch sie suchten ihre Inspirationsquellen eher im Unbewussten, das in Traum und Trance zum Ausdruck kommt. Ein schönes Beispiel dafür ist der gezeigte "Cadavre exquis" (1930) vom Surrealismus-Chefdenker André Breton und Valentine Hugo: Der erste zeichnete, faltete den Bildträger und übergab ihn dem nächsten, der weitermachte, ohne den ersten Teil zu sehen usw.; damit sollte die Gestaltung absichtslos werden. Dabei entstanden kleinteilige, eher wirre Rebusse – so gab man diese Praxis bald auf.

 

Gemälde von surrealistischen Großmeistern wie René Magritte, Max Ernst oder André Masson demonstrieren aber planvolles Vorgehen: Mochte die Inspiration unbewusst sein, ihre Ausführung war kontrolliert – und Pflanzliches nur ein Element unter vielen. Wie überhaupt Flora bei etlichen Exponaten keine Rolle spielt: Die abstrakten Farbexplosionen des Tschechen František Kupka oder die vielschichtigen Wimmelbilder des Franzosen Augustin Lesage sind faszinierend eigenständige Kunstwerke, doch zum Ausstellungs-Sujet tragen sie wenig bei.

 

Wie Inklusion im Schulsystem

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Die Menagerie der Medusa - Otto Marseus van Schrieck und die Gelehrten" - gelungene Werkschau über den Pflanzenmaler von Waldboden-Stillleben in der Galerie Alte & Neue Meister, Schwerin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Jan Toorop (1858–1928)" - fulminante Werkschau des radikalen Symbolisten mit wuchernden Vegetal-Kompositionen in München + Berlin

 

und hier einen Beitrag über den Film "Giovanni Segantini - Magie des Lichts" – Doku über den italo-helvetischen Maler von Pflanzenfantasien im Stil des Symbolismus von Christian Labhart

 

und hier einen Bericht über den Auftritt der "Ökosex"-Propagandistin Annie Sprinkle auf der documenta 14 im Park der Karlsaue in Kassel.

 

Zudem wird nirgends der Versuch unternommen, wechselseitige Einflüsse zu verdeutlichen. Stattdessen hängen die Bilder in bunter Reihe nebeneinander; Erläuterungstexte kommen über schlichte Beschreibungen kaum hinaus. Diese scheinbar unstrukturierte Präsentation hat dennoch Methode: Es geht den Kuratoren weniger darum, Entwicklungen aufzuzeigen, als vielmehr um eine Aufwertung von "Outsider Art" – indem sie wie selbstverständlich den arrivierten Größen beigesellt wird.

 

Solche inklusiven Absichten folgen dem Zeitgeist: Der fordert für Schulen, körperlich und geistig Behinderte künftig in denselben Klassen wie ihre übrigen Altersgenossen zu unterrichten, damit sie nicht ausgegrenzt werden. Noch eine Minderheit wehrt sich gegen tatsächliche oder vermeintliche Diskriminierung.

 

Kleingärtner-Publikum vernachlässigt

 

Was im Bildungssystem recht ist, soll der Kunst billig sein – dazu passt im Beiprogramm eine Performance des Berliner "Theater Tikwa", in dem auch Behinderte mitwirken. Eine Inklusion von "Outsider Art" diente auch kommerziellen Interessen: Sie würde dieses Segment, das bislang im Galeriegeschäft nur eine Nebenrolle spielt, enorm aufwerten und die Preise hochtreiben.

 

So entpuppt sich dieser Ausstellungs-Reigen als strategisches Manöver im Kulturbetrieb – wobei er sein Vegetations-Thema aus den Augen verliert. Was schade ist: Pflanzenzucht und Beackern der eigenen Scholle sind so populär wie seit Jahrzehnten nicht mehr; diese Passion mit Kunstgeschichte zu verknüpfen, könnte ein ganz neues Publikum von Kleingärtnern ins Museum locken. Wenn man ihre Passion ernst nähme: Nicht jeder organisch anmutende Kringel hat etwas mit Gewächsen zu tun.



Von Wibke Weishaupt, veröffentlicht am 09.07.2019





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