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Die hinreißende Tänzerin Milou (Emilia Schüle) und ihr Tanzpartner Emil (Dennis Mojen). Foto: Julia Terjung/Tobis Film

Traumfabrik


(Kinostart: 4.7.) Wir sind hier nicht in Hollywood und werden es auch niemals sein: In der ersten eigenen Kino-Produktion von Studio Babelsberg seit 20 Jahren verquickt Regisseur Martin Schreier Liebe mit dem Mauerbau 1961 – leider entsteht nur bessere TV-Kost.


Einmal einen großen Hollywoodfilm machen, einmal so richtig das Traumfabrik-Gefühl auskosten: Davon träumen wohl die meisten Regisseure. Und wenn das echte Hollywood in weiter Ferne ist, kann man es sich auch zu Hause basteln. Das mögen sich Regisseur Martin Schreier und Produzent Tom Zickler gedacht haben, als sie das Konzept zu diesem Film entwickelten.

 

Info

 

Traumfabrik

 

Regie: Martin Schreier,

125 Min., Deutschland 2018;

mit: Heiner Lauterbach, Dennis Mojen, Emilia Schüle 

 

Weitere Informationen

 

Als Spielort ist das geschichtsträchtige Gelände der alten Ufa-Studios in Potsdam-Babelsberg geradezu prädestiniert. Es ist nicht nur das älteste Filmstudio der Welt, sondern wohl auch das mit dem wechselvollsten Schicksal. Seit 1912 werden dort Filme gedreht; in den 1920er Jahren entstanden dort Stummfilm-Klassiker wie "Metropolis", ab 1933 meist Fließbandware zur Massenunterhaltung oder NS-Hetzstreifen wie "Jud Süß". Nach den Krieg wurde die Defa als DDR-Staatsunternehmen gegründet, das alle Genres bediente; vom Gegenwartsdrama wie "Solo Sunny" bis hin zu Kinderfilmen.

 

Trümmerfrauen + Piraten

 

In dieser Periode ist "Traumfabrik" angesiedelt; der Film beginnt mitten im Alltagsbetrieb eines Filmstudios. Im Sommer 1961 werden acht Filme gleichzeitig gedreht, weshalb sich Trümmerfrauen als Komparsen beim Warten auf ihren Einsatz mit Piraten und anderem Volk mischen. Das beeindruckt Emil Hellwerk (Dennis Mojen) enorm, der hier eigentlich nur seinen Bruder Alex (Ken Duken) im Kulissenbau besuchen will.

Offizieller Filmtrailer

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Baukasten ohne Bauplan

 

Auf dem Weg dorthin trifft er aber seine vermeintliche Traumfrau, die französische Tänzerin Milou (Emilia Schüle); sie ist als Assistentin und Double eines französischen Filmstars in Babelsberg beschäftigt. Die schroffe Schöne erliegt alsbald Emils robustem Charme. Für beide ist es die große Liebe – die allerdings von der Grenzschließung am 13. August und dem beginnenden Mauerbau unterbrochen wird. Um Milou dennoch wiederzusehen, kommt Emil auf die verrückte Idee, den Filmstar erneut nach Babelsberg zu locken; bei vollem Risiko.

 

Diese Konstellation hätte das Zeug zu einer charmanten Komödie übers Träumen und Filmemachen, wenn die Macher ihre Ambitionen, Hollywood nach Babelsberg zu verpflanzen, nicht so fürchterlich ernst nähmen. Vermutlich bräuchte man dafür einen gestandenen Hollywood-Regisseur. Denn diese "Traumfabrik" wirkt eher wie ein Baukasten, in dem zwar alle wichtigen Teile beisammen sind, aber der passende Bauplan fehlt.

 

Selbst Wahres erscheint falsch

 

Zu sehr ist jeder Szene der Wille anzumerken, einen hochromantischen Liebesfilm vollzupacken mit großen Gefühlen, die alle Grenzen überwinden; dafür wird alles aufgefahren wird, was ein Filmstudio zu bieten hat. Ein dramatischer Höhepunkt jagt den nächsten, doch ein echter Erzählfluss entsteht so nicht. Die Gesten wirken einstudiert; selbst historische Tatsachen wie die tatsächliche Anwesenheit französischer Filmstars zu Defa-Zeiten erscheinen trotzdem falsch, da alles in goldenen Schimmer in Cinemascope getaucht wird; samt süßlichen Geigenklängen in fast jeder Szene.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Adam und Evelyn" - Romanverfilmung über ein Paar im Wendesommer 1989 von Andreas Goldstein

 

und hier einen Bericht über den Film "Westwind" - zartbittersüßes Melodram über DDR-Flucht 1988 aus Liebe von Robert Thalheim

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Traumfabrik – 100 Jahre Film in Babelsberg" - im Film-Museum Potsdam

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Am Set: Paris - Babelsberg - Hollywood" über Standfotografie seit der Stummfilm-Zeit in der Deutschen Kinemathek, Berlin

 

Die Leichtigkeit und Stringenz, die einen gelungenen Hollywoodfilm auszeichnen, fehlen völlig. Zudem laviert der Film unentschlossen zwischen einem sentimentalen Melodram und einer in guten Momenten schlitzohrigen Film-im Film-Komödie. Obwohl dieser Aspekt überzeugender daherkommt, etwa wenn Emil nach dem Mauerbau sich ein verwaistes Büros unter den Nagel reißt und alle Gewerke für sein Projekt begeistert, zu dem auch Milous Chefin nicht Nein sagen kann.

 

Checkliste abgearbeitet

 

Dabei wird diese Aktion leider völlig ironiefrei wie ein schmalziges Familienstück inszeniert; es verheizt die eigentlich gut besetzten Nebenfiguren. Denn bis auf die Liebenden dürfen alle Nebenpersonen ohnehin nur oft unsägliche Dialogzeilen vortragen, wie Heiner Lauterbach als Studiochef oder Nikolai Kinski als Milous eifersüchtiger Verlobter.

 

Auch aus der absurden Situation nach dem Mauerbau macht Regisseur Martin Schreier wenig. Er beschränkt sich auf die üblichen Klischees: Natürlich laufen intrigante Stasitypen, Parteifunktionäre und Russen herum – da wir in Potsdam sind, muss die Glienicker Brücke ebenso auftauchen. Das wirkt eher wie das Abarbeiten einer Checkliste als inspiriertes Erzählen.

 

Finale mit Elefanten

 

Dazu passt auch, dass Emils Großprojekt ein Film über Kleopatra ist, dessen Finale mit Happy End trotz Elefanten und ägyptisch kostümierten Massen auf Fernsehniveau bleibt. Das schmerzt etwas; schließlich war dieser Film auch als Neustart der hauseigenen Babelsberger Kinoproduktion nach mehr als 20 Jahren gedacht. Da ist noch eine Menge Luft nach oben.



Von Ingrid Beerbaum, veröffentlicht am 01.07.2019





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