Roberto Saviano

Paranza – Der Clan der Kinder

Schöne der Nacht: Nicola (Francesco di Napoli, 3. v.r.) macht Letizia (Viviana Aprea, 2.v.l.) den Hof. Foto: © 2019 PROKINO Filmverleih GmbH
(Kinostart: 22.8.) Gomorrha – die nächste Generation: Eine Vorlage des Mafia-Experten Roberto Saviano verfilmt Regisseur Claudio Giovannesi als schnörkellos rasanten Bildungsroman der anderen Art – über den Aufstieg eines 15-Jährigen zum Mafia-Boss.

Der Abgrund unter unseren Füßen: Ab und zu gelingt einem Film, einer ganzen Gesellschaft die Augen zu öffnen, wie stark sie von Kriminalität und Gewalt durchseucht ist. "City of God" (2002) von Fernando Meirelles soll Millionen von Brasilianern erstmals klar gemacht haben, was für anarchische Bandenkriege in den Favelas der Metropolen herrschen. Mit "Gomorrha – Reise ins Reich der Camorra" drehte Matteo Garrone 2008 ein Dokudrama, das Macht und Menschenverachtung der neapolitanischen Mafia schonungslos bloßlegte; das italienische Publikum war schockiert.

 

Info

 

Paranza -
Der Clan der Kinder

 

Regie: Claudio Giovannesi,

105 Min., Italien 2019;

mit: Francesco Di Napoli, Viviana Aprea, Pasquale Marotta

 

Website zum Film

 

Daran schloss die ab 2014 ausgestrahlte Fernsehserie "Gomorrha" an; sie läuft immer noch in der mittlerweile vierten Staffel. Die Vorlage für Film und TV-Serie hatte Roberto Saviano geliefert. Seine gleichnamige Studie von 2006 wurde ein Welterfolg, in 50 Sprachen mit Millionenauflage übersetzt. Seither steht er nach Morddrohungen unter ständigem Polizeischutz und muss alle paar Tage das Quartier wechseln, wenn er sich in Italien aufhält.

 

Bestseller-Buch zerstört Leben

 

"Dieses Buch hat mein Leben zerstört", sagte Saviano 2013 im Interview; dennoch lässt er von Recherchen über das organisierte Verbrechen nicht ab. 2016 veröffentlichte er den Roman "La paranza dei bambini", der zwei Jahre später unter dem Titel "Der Clan der Kinder" auf Deutsch erschien. Für die Verfilmung hat Saviano mit Maurizio Braucci das Drehbuch verfasst. Regie führte Claudio Giovannesi, der gleichfalls mit dem Thema vertraut ist: 2016 drehte er den Film "Fiore" ("Blume") über eine inhaftierte jugendliche Straftäterin.

Offizieller Filmtrailer

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Aus Opfer-Sohn zum Täter werden

 

Trotz zehn Jahren Abstand knüpft "Paranza" stilistisch nahtlos an den Vorgänger "Gomorrha" an: mit ähnlich großem Laien-Ensemble, schnörkellos linearer Dramaturgie und hohem Erzähltempo. Wieder sprechen alle Akteure neapolitanischen Dialekt, der für das übrige Italien untertitelt werden muss. Nur in einem unterscheidet sich der Nachfolgefilm: Er reiht keine Episoden aneinander, sondern verfolgt das Streben seiner Hauptfigur nach Reichtum und Ruhm.

 

Der 15-jährige Nicola (Francesco di Napoli) lebt mit seinem jüngeren Bruder bei seiner Mutter, die eine kleine Wäscherei betreibt – und an die Mafia Schutzgeld zahlen muss. Anstelle Opfer zu sein, will Nicola Täter werden: Er bildet mit seinem Kumpel Agostino (Pasquale Marotta) und einigen Freunden eine Jugendbande. Sie steigen ins Geschäft mit Gras, Kokain und Erpressung ein. Geschickt laviert Nicola zwischen diversen Mafiagruppen, die im Sanità-Viertel von Neapels Innenstadt den Ton angeben.

 

Mord am Mafiaboss des Viertels

 

Als der Boss Sarnataro bei einer Polizei-Razzia auf der Hochzeit seines Sohnes verhaftet wird, wittert Nicola seine Chance: Bei einem anderen Boss unter Hausarrest besorgt er sich schwere Waffen, ermordet den wichtigsten Mafioso von Sanità und beherrscht fortan das Viertel. Seine Liebste Letizia (Viviana Aprea) wohnt allerdings in den entfernten "Quartieri Spagnoli"; mit der dortigen Gang liefert sich Nicolas Bande bald eine blutige Fehde.

 

All diese Bündnisse, Frontwechsel, Rachepläne und Überfälle werden sehr authentisch inszeniert, zumal der 15-jährige Francesco di Napoli seine Rolle hervorragend spielt: Gerissen, charismatisch und unbarmherzig bei der Arbeit, zartfühlend und unsicher bei seiner ersten Freundin. Doch das ist letztlich nebensächlich; wie auch das Imponiergehabe, Einschüchtern und Prassen mit Schampus im Nobeldisco-Separée.

 

Kinder kleiner Leute auf Überholspur

 

Das kennt man aus anderen Mafia-Filmen zur Genüge. Was "Paranza" davon unterscheidet, ist die Lebenswelt der Protagonisten: Sie rasen mit Motorrollern zu ihren Raubzügen oder Abrechnungen – und abends kehren sie zum Schlafen zu ihren Eltern zurück. Morgens streiten sie mit Geschwistern um Cornflakes; bis sie bald darauf mit Drogengeld ihre eigenen Kitschpalast-Wohnungen einrichten können.

 

Dabei kommt der Film mit bemerkenswert wenig Brutalität und Blut aus; er wirkt wie eine nüchterne, etwas atemlose Sozialreportage. Diese Teenager sind keine verrohten Bestien, nur Kinder kleiner Leute ohne Aufstiegschancen. Sie ahmen einfach die Abkürzung zu Wohlstand und Ansehen nach, die andere ihnen vorleben: In ihrem Umfeld sind Drogenhandel und Schutzgeld-Erpressung alltäglich – keiner stellt Fragen nach Legalität oder gar Moral. Dass ihre "Zuschlagen und Abhauen"-Methode sich langfristig rächen dürfte, ignorieren sie mit jugendlichem Überschwang.

 

Sanierung für Städtetourismus

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Dogman" - düstere Parabel über Gewalt und Verbrechen in Süditalien von Matteo Garrone

 

und hier einen Bericht über den Film "Das Land der Heiligen" - origineller Film über die italienische Mafia aus Frauen-Perspektive von Fernando Muraca

 

und hier einen Beitrag über den Film "Tu Nichts Böses - Non essere cattivo" – packende Drogenmilieu-Sozialstudie aus Ostia von Claudio Caligari.

 

Italiens drittgrößte Metropole ist berühmt-berüchtigt dafür, dass "das Volk von Neapel seit Jahrhunderten nach seinen eigenen Gesetzen lebt", wie es ein Kenner der Stadt ausdrückt. Von ihr zeichnen Saviano und Giovannesi ein Bild, das andernorts in Europa kaum noch vorstellbar ist: enge, überfüllte Gassen voller Lärm, in denen Kleingauner das Sagen haben – aber nur ein paar Straßenzüge weit, weil dahinter eine konkurrierende Gang wartet. So muss es im Ostteil Berlins in den 1920ern zugegangen sein, wohl auch in der Bronx der 1970er Jahre.

 

Von all dem bekommen aber Fremde nichts mit – beziehungsweise: nicht mehr. Noch vor 15 Jahren knisterte im Zentrum gleichsam die Luft vor Kleinkriminalität. Heute kann man es gefahrlos durchstreifen: Vermüllte und stinkende Gassen wurden aufgeräumt, verrußte Fassaden gereinigt – auch Neapel setzt auf Städtetourismus. Die Altstadt, damals im Dunkeln eine No-go-Area, hat sich zur abendlichen Ausgehmeile voller gut besuchter Restaurants und Bars gemausert.

 

Video-Überwachung schreckt ab

 

Alles dank Digitaltechnik, erklärt ein Kioskbesitzer: Früher sei er einmal pro Monat überfallen worden, heute höchstens noch ein oder zwei Mal im Jahr. Mithilfe von allgegenwärtigen Video-Überwachungskameras habe die Polizei erfolgreich Räuber und anderes Gelichter entweder aus dem Verkehr gezogen oder abgeschreckt, ergänzt er: Oder sie hätten auf andere illegale Aktivitäten umgesattelt – etwa Kreditkarten-Betrug im Internet.


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