Klicken Sie für einen Ausdruck bitte hier oder benutzen Sie manuell die Druckfunktion Ihres Browsers.



Rafi (Nawazuddin Siddiqui) macht ein Foto. Foto: Joe D`Souza Amazon , Courtesy of Amazon Studios

Photograph – Ein Foto verändert ihr Leben für immer


(Kinostart: 8.8.) Mauerblümchen in Mumbai: "Lunchbox"-Regisseur Ritesh Batra porträtiert ein Paar, das vor lauter Hemmungen und Komplexen nicht zueinander findet. Sein sozialer Realismus hat ein Manko: Was seine Akteure bewegt, sieht und hört man nicht.


Wiedersehen mit einem Shooting Star: Mit seinem Spielfilmdebüt "Lunchbox" gelang dem indischen Regisseur Ritesh Batra 2013 völlig überraschend ein Arthouse-Kassenschlager. Weltweit mehr als zehn Millionen US-Dollar spielte seine subtile Romanze ein, in der sich ein alternder Angestellter und eine Köchin durch Zettel im Geschirr des Mittagessens näher kommen, das sie täglich für ihn kocht. Das geläufige Bollywood-Schema einer späten Liebe trotz Hindernissen erzählte der Film auf originell alltägliche Weise – das mundete einem Millionenpublikum.

 

Info

 

Photograph - Ein Foto verändert ihr Leben für immer

 

Regie: Ritesh Batra,

110 Min., Indien 2019;

mit: Nawazuddin Siddiqui, Sanya Malhotra, Farrukh Jaffar

 

Website zum Film

 

Nach zwei englischsprachigen Produktionen mit internationaler Starbesetzung kehrt Regisseur Batra nun in seine Heimatstadt Mumbai zurück: für einen Film mit ähnlichem Sujet wie "Lunchbox". Dessen Erfolg zu wiederholen, dürfte aber "Photograph" trotz Premieren beim Sundance Festival und der Berlinale schwer fallen: zu stark beruht der Plot auf Indiens Gesellschaftsordnung mit ihrem rigiden Kastensystem – und zu spröde wird das ausformuliert.

 

Foto von Unbekannter an Oma

 

Wobei sich mit den Hauptfiguren, die der muslimischen Minderheit angehören, gewiss Millionen von Landsleuten identifizieren können. Der arme Schlucker Rafi (Nawazuddin Siddiqui) verließ sein Dorf, um in der Metropole sein Glück zu machen; nun verkauft er Erinnerungs-Schnappschüsse am "Gateway of India", dem Wahrzeichen an der Uferpromenade von Mumbai. Eines Tages lichtet er Miloni (Sanya Malhotra) ab – als seine resolute Oma (Farrukh Jaffar) ihn aus der Ferne ermahnt, er solle endlich ans Heiraten denken, schickt er ihr einfach das Foto der Unbekannten zu.

Offizieller Filmtrailer

Aus datenschutzrechtlichen Gründen benötigen wir Ihre explizite Zustimmung, um Videos von Youtube anzuzeigen. Mit Klick auf den Play-Button akzeptieren Sie unsere Datenschutz-Erklärung.

 

Doppeltes brütendes Schweigen

 

Dummerweise ist Oma begeistert und kündigt ihren Besuch in Mumbai an, um seine Künftige kennen zu lernen. Rafi bleibt nur wenig Zeit, um Miloni ausfindig zu machen. Natürlich gelingt ihm das; überdies kann er sie überreden, Oma zuliebe seine Verlobte zu spielen. In jeder romantischen Komödie wäre der weitere Verlauf klar: Anfangs ziert sie sich, dann erliegt sie seinem Charme, und endlich kriegen sie sich. Doch Regisseur Batra setzt auf sozialen Realismus.

 

Seine Protagonisten sind durch den Standesunterschied und ihr Temperament viel zu gehemmt, um sich anzunähern; kaum wagen sie, einander anzusprechen. Gegenüber seinen Zimmergenossen – sie teilen sich zu viert einen Raum – geht Rafi zwar ein wenig aus sich heraus; mit ihnen redet er über Pläne und Hoffnungen. Doch die brave Studentin Miloni bekommt kaum die Zähne auseinander; weder ihm gegenüber noch in ihrer Mittelklasse-Familie. Und für nonverbale Kommunikation mit stummen Blicken und Gesten sind beide Schauspieler nicht ausdrucksstark genug. Ihr brütendes Schweigen lastet schwer.

 

Eine Flasche "Campa Cola", bitte!

 

Erst als Rafis Großmutter auftaucht und mit üblichen Oma-Tricks wie ausgedehnten Strandspaziergängen und altem Familienschmuck als Geschenk für Miloni der Sache nachhilft, nimmt der Film etwas Fahrt auf. Manche Episoden, die beiden Charakteren mehr Profil geben sollen, erscheinen indes arg konstruiert. So behauptet Miloni gegenüber ihrer Hausangestellten und einer möglichen "guten Partie", mit der ihre Eltern sie verkuppeln wollen, sie sehne sich nach einfachem Landleben – was völlig folgenlos bleibt.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Lunchbox" – fein abgeschmecktes indisches Metropolen-Melodram von Ritesh Batra

 

und hier einen Bericht über den Film "Die Schneiderin der Träume" - unkonventionelles Liebesdrama aus Indien von Rohena Gera

 

und hier einen Beitrag über den Film "Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Kleiderschrank feststeckte" - charmant überdrehte indisch-europäische Roadmovie-Komödie von Ben Scott mit Bérénice Bejo

 

Dagegen sucht Rafi in der halben Stadt nach "Campa Cola", weil Miloni ihren Geschmack liebt; dieser indische Coca-Cola-Ersatz verschwand um das Jahr 2000 praktisch vom Markt nach dessen Öffnung für US-Softdrinks. Schließlich findet Rafi einen "Mr. Sodabottlewalla", der ihm noch eine letzte Flasche abfüllt. Seine Name bedeutet etwa "Herr Limonadenflaschen-Bote" – so bemüht wie dieses Wortspiel wirken viele Filmszenen.

 

Unsichtbare Seelenqualen

 

Zwar wird hinreichend deutlich, dass Regisseur Batra um jeden Preis Bollywood-Klischees vermeiden will. Seine Ambitionen gehen offenbar in Richtung des kühl beobachtenden Neorealismus von Satyajit Ray (1921-1991), dem Übervater des indischen Autorenkinos. Doch er findet keine Elemente, um den lähmenden Druck aus eigenen Wünschen und sozialen Erwartungen prägnant zu veranschaulichen, unter dem beide Hauptakteure leiden. Wie verpuppt in einen Kokon aus schüchternem Zaudern tasten sie sich zögerlich über die Leinwand; da möchte man ihnen fast beruhigend zureden.

 

Es mag sein, dass Batra damit Menschen porträtiert, die im heutigen Indien häufig auftreten: Sie sind zwischen traditionellen Pflichten und ersehnten Möglichkeiten so zerrissen, dass sie sich kaum artikulieren oder anderweitig mitteilen können. Doch auch introvertiertes Mauerblümchen-Dasein sollte im Kino expressiv dargestellt werden – Seelenqualen sind nur plausibel, wenn man sie sieht und hört.



Von Renée-Maria Richter, veröffentlicht am 05.08.2019





URL zu diesem Artikel: https://kunstundfilm.de/2019/08/photograph/

Kurz-URL zu diesem Artikel: /wp.me/p1TwZ4-gve