Petra Lüschow

Petting statt Pershing

Die Kurse zur "Selbstbefreiung" kommen gut an. Foto: Jutta Pohlmann. Fotoquelle: NFP marketing & distribution*
(Kinostart: 5.9.) Westdeutschland in den frühen 1980er Jahren: Ökos und Freaks wollen provinziellen Muff vertreiben. Mit ihnen liebäugelt Schülerin Ursula ebenso wie mit ihrem Biolehrer – Regisseurin Petra Lüschow ertränkt ihre Zeitreise in komödiantischer Historisierung.

Die Grausamkeit von Spitznamen: Von ihren Mitschülern wird die pummelige Ursula (Anna Hornstein, ehemals Florkowski) Obelix genannt. Auch sonst hat das Mauerblümchen im Alltag wenig zu lachen – was die willenstarke 17-Jährige jedoch fast stoisch an sich abprallen lässt. Ihr aktuelles Ziel, möglichst schnell ihre Unschuld zu verlieren, behält sie unverdrossen im Auge.

 

Info

 

Petting statt Pershing

 

Regie: Petra Lüschow,

97 Min., Deutschland 2019;

mit: Anna Florkowski, Florian Stetter, Thorsten Merten

 

Website zum Film

 

Zwischendurch zitiert sie gern Albert Camus, womit sie sich nicht in ihrem Umfeld nicht unbedingt beliebter macht. Die Spießigkeit ihrer Eltern, deren Ehe sie schon lange als Lügengebäude entlarvt hat, nimmt sie mit einem Schulterzucken hin – zumindest so lange, bis diese auf die Idee kommen, sie auf die Hauswirtschaftsschule statt aufs Gymnasium zu schicken. Damit sie bloß nicht auf die Idee kommt, sie könne etwas anderes werden als Hausfrau und Mutter.

 

Abendbrot wie Kunstwerk drapieren

 

Ihre Mutter Inge (Christina Große), eine gelangweilte Teilzeit-Handarbeitslehrerin, wäre gerne Künstlerin geworden. Also drapiert sie die Aufschnittplatte zum Abendbrot wie ein kleines Kunstwerk, was aber außer Ursula niemandem auffällt. Ihr Vater Helmut (Thorsten Merten), der Gemeindearzt, ist schließlich mit seinem Doppelleben aus Engagement in der Kirche und Treffen mit seiner Geliebten genug beschäftigt.

Offizieller Filmtrailer

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Brotback- und Vagina-Kurse

 

Ideen und gesellschaftliche Aufbruchsstimmung der 68er-Bewegung breiteten sich in den 1970er Jahren in Westdeutschland allmählich aus; in Ursulas hessischem Provinzkaff ist jedoch noch 1983 offenbar kaum etwas davon angekommen. Deshalb sorgt die Landkommune, die sich dort niederlässt, für Aufregung: Sie bietet auf ihrem Hof von Brotback-Kursen über Frauen-Sessions zum Kennenlernen der eigenen Vagina bis zu Seminaren über gewaltfreien Widerstand alles an, was das Freak-Klischee hergibt.

 

Diese neuen Nachbarn versetzen auch Ursula in Aufruhr, wenn auch aus anderen Gründen: In der Kommune wohnt Siegfried Grimm (Florian Stetter), der neue Biologie-Lehrer an ihrer Schule. Auf den Mittdreißiger hat Ursula ein Auge geworfen, seit sich ihre Mitschüler als ungeeignete Partner für ihre erotische Abenteuerlust erwiesen haben. Dumm nur, dass Schürzenjäger Grimm sich für alle anderen Frauen am Ort interessiert, sogar für Ursulas Mutter – nur eben nicht für Ursula.

 

Nazi-Opa mit Handgranaten

 

Bis die Story richtig in Fahrt kommt, hat sich der Film leider von einer Milieu- und Charakterstudie in eine eher platte Hommage an die frühen 1980er Jahre verwandelt. Da werden einschlägige Stichworte aneinandergereiht wie in einer der TV-Shows über "So waren die 70er/ 80er/ 90er". Offenbar will Petra Lüschow, die bisher Drehbücher vor allem fürs Fernsehen schrieb, in ihrem Regiedebüt alles unterbringen, was ihr zur westdeutschen Provinzjugend in den 1980er Jahren eingefallen ist.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Wackersdorf" - spannendes Drama über Proteste gegen atomare Wiederaufbereitungs- Anlage von Oliver Haffner

 

und hier einen Bericht über den Film "Die Kommune" - Porträt einer dänischen WG in den 70er-Jahren von Thomas Vinterberg

 

und hier einen Beitrag über den Film „Wir sind die Neuen“ – amüsante Generationen-Komödie über Alt-68er versus Jung-Spießer von Ralf Westhoff.

 

Daraus entwickelt sie einige durchaus unterhaltsame Momente; manche Szenen sind liebevoll ausgeschmückt. Doch leider kommt die Handlung nicht in die Gänge. Die eigentliche Geschichte erstickt an komödiantischer Historisierung – nicht zuletzt wegen zu vieler Nebenfiguren: etwa dem Nazi-Opa, der Handgranaten mit sich herumschleppt, falls plötzlich der Russe kommt; oder der Schulfreundin, die in bester Pubertierenden-Manier alle vier Wochen einer neuen Jugendkultur frönt.

 

Nach 30 Minuten ist alles klar

 

Neben diesem Panoptikum wird einem kaum eine Musik erspart, die seinerzeit durch den Äther schwirrte: vom Liedermacher-Hit "Sind so kleine Hände" von Bettina Wegner für die Alternativbewegung bis zur Titelmelodie der TV-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst", in der Eduard Zimmermann zur kollektiven Verbrecherjagd aufrief. In dieser Fülle wirkt das zu beliebig. Zudem ist schade, dass Lüschow sich wenig traut. Als Ursula Rachegedanken hegt, weil der Frauenversteher Grimm alle angräbt außer sie selbst, und sich kurz eine surreale Wendung andeutet, wird das schnell wieder zurecht gebogen. Dabei dürfte die Zeitreise ruhig etwas sarkastischer ausfallen.

 

Zwar steckt in diesem mit Details überladenen Film die Idee zu einer lohnenden Coming-Of-Age-Geschichte. Doch sie scheitert daran, dass die Hauptfigur keine wirkliche Veränderung durchmacht. Irgendwo da draußen wartet ein besseres Leben auf Ursula; davon scheint die junge Frau von Anfang an überzeugt. Es fällt ihr leicht, den Zuschauer zu überzeugen, dass sie ihren Weg gehen wird. Damit ist ihre Geschichte schon nach einer halben Stunde auserzählt.


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