Victor Kossakovsky

Aquarela

Auf hoher See. Foto: © Neue Visionen Filmverleih

(Kinostart: 12.12.) Ein Schlag ins Wasser: Regisseur Victor Kossakovsky will H2O in allen Erscheinungsformen rund um den Globus zeigen. Doch sein kontext- und sinnfreier Bilderbogen in Blautönen bietet nur sprudelndes Augenpulver – als eiskalte Kino-Dusche.

Der russische Regisseur Victor Kossakovsky ist ein Querkopf unter den Dokumentarfilmern. Bei jedem seiner Werke denkt er sich einen schrägen Ansatz aus, um vermeintlich nie Dagewesenes einzufangen und auf die Leinwand zu bringen. Damit gelingt es ihm öfter, seine Filme bei bedeutenden Festivals zu platzieren.

 

Info

 

Aquarela

 

Regie: Victor Kossakovsky,

90 Min., Großbritannien/ Deutschland/ Dänemark/ USA 2018;

 

Weitere Informationen

 

„¡Vivan las Antipodas!“ eröffnete gar 2011 die Filmfestspiele von Venedig. Das Konzept schien originell: Kossakovsky hatte an acht Schauplätzen auf der Erde gedreht, die einander gegenüber liegen. Doch diese Antipoden verbindet geographisch und kulturell nichts; das Bemühen des Regisseurs, durch visuelle Tricks und Spielereien vermeintliche Bezüge herzustellen, wirkte arg angestrengt.

 

Protest-Demo mit Ballettmusik

 

Zuweilen macht Kossakovsky es sich einfacher. In „Demonstration“ filmte er 2013 einfach die Teilnehmer eines Protestzugs in Barcelona, die von der Polizei auseinander getrieben wurden – unterlegt von der Ballettmusik „Don Quijote“ von Ludwig Minkus; sie wurde an diesem Tag in der Oper gespielt wurde, deren Türen zufällig offen standen. In „Svyato“ zeigte er 2005 eine halbe Stunde lang seinen Sohn, der sich erstmals in Spiegeln erblickt – ein für die psychische Entwicklung wichtiger Moment, doch seine Bedeutung lässt sich visuell kaum darstellen.

Offizieller Filmtrailer


 

Wasser als Hauptdarsteller

 

Für sein jüngstes Werk betreibt Kossakovsky wieder großen Aufwand. Rund um den Globus spürt er in sieben Ländern von Russland bis Venezuela den Aggregatzuständen des Wassers nach. Er will die gewaltigen Kräfte dieses Elements zeigen, indem „das Wasser 90 Minuten lang für sich selbst spricht, wenn es die Chance hat, unser Hauptdarsteller zu werden“.

 

Wasser als Hauptdarsteller – das klingt nach einem animistischen Weltbild. Zumal ihm der Regisseur das ganze Spektrum der Gefühle zuschreibt: „Durch die Perspektive des Wassers würde man die Gezeiten aller menschlichen Emotionen erleben und fühlen können: Wut, Aggression, Harmonie, Barmherzigkeit, Einsamkeit, Eifersucht – einfach alles!“ Mag sein, dass dieser Wellenflüsterer all das empfunden hat, während er mit seinem Team die Weltmeere durchpflügte; beim Zuschauer kommt davon nichts an.

 

Auto-Bergung auf dem Baikalsee

 

Weil Kossakovsky ihm jeden Kontext verweigert. Schon in der Eröffnungsszene: Da beäugen auf einem zugefrorenen See Männer mongolischen Aussehens ein großes Objekt unter der Eisschicht. Dann holen sie Rammen, Winden und allerlei Werkzeug, um das Eis aufzubrechen und das Ding an die Oberfläche zu holen. Rund 20 Minuten rackern und feixen sie, bis deutlich wird: Ein Auto ist über den zugefrorenen Baikalsee gefahren, ins Eis eingebrochen und wird nun mühsam geborgen. Wie aufregend.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Watermark“ – spektakuläre Doku über die Wirkung von Wasser auf die Erde von Jennifer Baichwal + Edward Burtynsky

 

und hier einen Bericht über den Film „Thinking like a Mountain“ – faszinierende Doku über die kolumbianischen Anden von Alexander Hick

 

und hier einen Beitrag über den Film „Chasing Ice“  – großartige Doku über das Abschmelzen der Gletscher von Jeff Orlowski

 

und hier eine Besprechung des Films ¡Vivan las Antipodas! über das Leben auf den Antipoden der Erde von Viktor Kossakovsky.

 

Ähnlich bar aller Informationen sind Aufnahmen von einem kalbenden Gletscher in Grönland, Monsterwellen, die der Hurrikan Irma in Florida aufpeitscht oder der Gischt am weltweit höchsten Wasserfall in Venezuela. Da jede Erläuterung fehlt, was zu sehen ist und warum, bleibt nur sprudelndes und schäumendes Augenpulver: auseinander stiebende Wassertropfen, Wellenmuster auf hoher See oder wild gezackte Eisschollen.

 

Blinde Anschauung

 

Solche Bilder passen zum neuerdings propagierten Kunstverständnis der Immersion: Der Betrachter soll sich einer überwältigenden Flut von Sinneseindrücken aussetzen, die ihn völlig einhüllen – quasi wie bei einem Drogentrip ohne Nebenwirkungen. Und wie bei jedem Rausch mag das Erlebnis intensiv sein; doch nachher lässt sich kaum angeben, was das Ganze soll. Wer es gern sinnfrei meditativ mag, wird hier gut bedient.

 

Das schrecklich Schöne oder schön Schreckliche heißt in der Kunsttheorie seit dem 18. Jahrhundert „das Erhabene“. Ergreifender Schauder stellt sich aber nur ein, wenn man weiß, was man sieht – und wie es sich zum Rest der Welt verhält. Diese Einsicht fehlt dem experimentierfreudigen Regisseur. Mit seinem in allen Blautönen schimmernden Bildersalat liefert er einen anschaulichen Beleg für die These von Immanuel Kant: Anschauungen ohne Begriffe sind blind.