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Second Hand. Foto: Martin Misere. Fotoquelle: Camino Film

Cunningham


(Kinostart: 19.12.) Modernen Tanz neu erfinden: Merce Cunningham war einer der einflussreichsten Choreografen des 20. Jahrhunderts. Regisseurin Alla Kovgan dokumentiert anschaulich seinen Stil in Kooperation mit Künstlern wie John Cage und Andy Warhol.


Einmal sagt Merce Cunningham (1919-2009) in diesem Film, vielleicht sei der Tanz nicht die größte unter den Künsten. Dafür gebe es zu viele geschundene Füße und sonstige Wehwehchen. Wenn aber alles gelinge, ergäben sich Momente, die bewegen und mitreißen, so der US-Choreograf. Was nötig ist, damit das funktioniert, zeigt Alla Kovgans Dokumentation in 3D – ähnlich eindrucksvoll wie 2011 im Film von Wim Wenders über Pina Bausch.

 

Info

 

Cunningham

 

Regie: Alla Kovgan,

93 Min., USA/ Deutschland/ Frankreich 2019;

mit: Merce Cunningham, Andy Warhol, John Cage

 

Website zum Film

 

Die auf Tanz spezialisierte Regisseurin Kovgan schildert den Werdegang des stilprägenden Choreographen in der Zeit von 1944 bis 1972: im Wechsel von ansprechend arrangiertem Archivmaterial, Original-Interviews mit ihm und Weggefährten sowie neuen Aufnahmen von Choreografien, die mit den letzten Mitgliedern der 2011 aufgelösten „Merce-Cunningham-Dance-Company“ entstanden. Der Film präsentiert einen Künstler, der mit enormem Gestaltungswillen und Mut zum Risiko seine eigene Tanz-Vision verfolgt.

 

Zum Wesen des Tanzes vordringen

 

Sein Material ist dabei zunächst der eigene Körper. In den 1940er Jahren in New York sieht sich Cunningham in erster Linie als Tänzer. Kritiker werfen ihm schon damals vor, sein immenses Talent mit Experimenten zu vergeuden; er will dagegen zum Wesen des Tanzes vordringen. Aus dem Ballett übernimmt er dabei vor allem die Bein-, aus dem Modern Dance die Oberkörperarbeit. Für Cunningham ist jede Bewegung, vom Stillstand bis zur schnellsten Beschleunigung, ein Teil von Tanz. Dieser ist für ihn eine Kunstform an sich, nicht Interpretation einer Handlung oder Begleitung von Musik.

Offizieller Filmtrailer


 

Erste Klasse mit einer Schülerin

 

Schritt für Schritt bezieht er andere Künstler und weitere Tänzer in die Entfaltung seines Programms ein. Als erstes ist der Komponist John Cage zu nennen, mit dem er schon gemeinsam in Seattle studiert hatte; der Film erwähnt nebenbei, dass beide Männer eine Liebesbeziehung verband. Zu Cages Werken entstehen ab 1942 Cunninghams erste eigenen Choreographien: Musik und Tanz stehen hier gleichberechtigt nebeneinander. Verbunden werden sie durch die Gleichzeitigkeit ihrer Aufführung.

 

Zur gleichen Zeit beginnt Cunningham zu unterrichten; dabei betont Regisseurin Kovgan immer wieder, wie solitär die Position des Künstlers ist. So nimmt an seiner ersten Klasse nur eine Schülerin teil, was für Cunningham jedoch kein Grund ist, den Kurs ausfallen zu lassen oder nicht ernst zu nehmen.

 

Auf Hochhaus-Dächern tanzen

 

Indem der Film historische Dokumente und heutige Nachinszenierungen miteinander verschränkt, die auf beeindruckende Weise – etwa bei einer aus der Luft gefilmten Inszenierung auf Hochhausdächern der New Yorker City – Räume und Landschaften mit einbeziehen, werden Cunninghams Neuerungen erfahrbar: Seine Experimente zu Tanz und Choreographie gehen über erweiterte Anforderungen an die Fähigkeiten der Tänzer weit hinaus.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Nurejew – The White Crow“ – virtuoses + spannendes Biopic über den Tänzer Rudolf Nurejew von und mit Ralph Fiennes

 

und hier eine Besprechung des Films „Yuli“ – mitreißendes Biopic über den kubanischen Tänzer Carlos Acosta von Icíar Bollaín

 

und hier einen Bericht über den Film „Feuer bewahren – nicht Asche anbeten – gelungene Tanz-Doku über den Choreographen Martin Schläpfer von Annette von Wangenheim

 

und hier einen Beitrag über den Film „Wüstentänzer“ – intensives Drama um eine geheime Tanzgruppe im Iran von Richard Raymond.

 

1953 gründet er die „Merce-Cunningham-Dance-Company“. Seit ihrer ersten US-Tournee ist etwa der bildende Künstler Robert Rauschenberg, der bald zu den Stars der Pop Art zählen wird, mit von der Partie; er gestaltet Kostüme und Bühnen; dabei zählt er mit anderen Malern in dieser Frühphase zu den wenigen Fans. Ansonsten wird das neunköpfige Ensemble, das im VW-Bus durchs Land reist, entweder gefragt, ob es eine Comedy-Truppe sei, oder für seine ungewohnten und anspruchsvollen Auftritte gescholten.

 

25 Dollar Gage pro Auftritt

 

Erste größere Erfolge feiert die Company im Rahmen einer sechsmonatigen Welttournee Anfang der 1960er Jahre im Ausland. In London gastiert sie für längere Zeit und wird vom Publikum für ihr Gesamtkunstwerk aus Tanz, Musik, Kostümen und Malerei gebührend gefeiert.

 

Cunningham verfolgte seine künstlerische Vision mit unbeugsamem Willen – doch der Film zeigt auch, auf welcher schmalen finanziellen Basis sein Unternehmen jahrelang beruhte. Mehr als Kost und Logis plus etwa 25 Dollar Gage pro Auftritt waren für die Beteiligten bis zum Durchbruch in London selten drin. Zudem wird deutlich, welche geringen Mitspracherechte sie unter dem Regiment des genialen Patriarchen besaßen – einer der Gründe, warum bis 1972 alle Gründungsmitglieder die Company verlassen hatten.

 

Nach der Welttournee baute Cunningham in New York seine Company neu auf. Mit diesem Schritt, der ihn endgültig zu einem der einflussreichsten Ensemble-Choreografen des 20. Jahrhunderts machte, endet der Film – mit atemberaubenden Tanzszenen in den Kulissen seines neuen Kooperations-Partners Andy Warhol.



Von Holger Heiland, veröffentlicht am 16.12.2019





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