Karim Aïnouz

Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao

Die unzertrennlichen Schwestern Eurídice (Carol Duarte) und Guida (Julia Stockler) sind voller Träume. Fotoquelle: © Piffl Medien
(Kinostart: 26.12.) Schöne Traurigkeit: Zwei Schwestern verpassen ihre Leben im Rio de Janeiro der 1950er Jahre. Das exquisit inszenierte und nuancierte Melodram von Regisseur Karim Aïnouz feiert weibliche Selbstbehauptung in einer männerdominierten Welt.

Saudade ist ein Begriff, auf den die portugiesischsprachige Welt ausgesprochen stolz ist. Es gibt keine einfache Übersetzung für dieses Wort; gemeint ist die kleine, leise Traurigkeit, die Menschen angesichts des Verlustes eines früheren Glücks überkommen kann. Eine Mischung aus Melancholie, Sehnsucht und Nostalgie, die bei aller Schwere auch etwas Tröstliches hat.

 

Info

 

Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao

 

Regie: Karim Aïnouz,

145 Min., Brasilien/ Deutschland 2019;

mit: Julia Stockler, Carol Duarte, Flávia Gusmão, António Fonseca

 

Weitere Informationen

 

Dieses bittersüße Gefühl findet seinen Ausdruck vor allem in der Musik, an erster Stelle im portugiesischen Fado. "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão" bringt es nun in angemessener Form auf die Kinoleinwand: überlebensgroß, mit satten Farben und in virtuos komponierten Einstellungen. Dabei vermeidet Regisseur Karim Aïnouz den Absturz ins Kitschige – ein bemerkenswerter Balanceakt.

 

Unerhörte Rufe

 

Schon die erste Szene zeigt, worauf alles hinauslaufen wird. Die beiden Schwestern Eurídice (Carol Duarte) und Guida (Julia Stockler) verlieren sich auf dem Rückweg vom Strand im Dschungel. "Eurídice" ruft Guida mit zunehmender Angst durch das dichte Grün. Ein Ruf, der noch Jahrzehnte lang durch ihre Briefe an die geliebte Schwester hallen wird; die bleiben aber unbeantwortet.

Offizieller Filmtrailer

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Bezugspunkt trotz Trennung

 

Auslöser der Trennung ist ein griechischer Seemann, mit dem die lebenslustige Guida durchbrennt. Als sie Monate später ohne Mann, dafür aber mit einem dicken Bauch wiederkehrt, hat sich Eurídice bereits in eine Ehe mit Antenor (Gregorio Duvivier) gefügt; ihre Eltern haben diesen Langweiler für sie ausgesucht. Er beäugt etwa die Leidenschaft seiner Frau für das Klavierspiel misstrauisch. Trotzdem verfolgt Eurídice hartnäckig ihren Traum, sich am Wiener Konservatorium als Pianistin zu bewerben.

 

Manuel (António Fonseca), der herrische Vater der Schwestern, will um jeden Preis verhindern, dass der rebellische Geist von Guida die folgsame Eurídice ansteckt. Lügen, Sturheit, Angst und Zufälle verhindern ein ums andere Mal ein Wiedersehen der Schwestern. Trotz der physischen Trennung bleiben sie füreinander stets ein innerer Fixpunkt.

 

Klägliche Männer, freudloser Sex

 

Der brasilianische Regisseur Aïnouz, der nach eigenem Bekunden in einer Familie mit starken Frauen aufwuchs, erzählt von einer Zeit, in der Frauen ohne Männer als defizitäre Wesen galten – ein Zustand, der in weiten Teilen der Welt noch immer Normalität ist. Seine Sympathie gilt den Heldinnen des Alltags, die sich gegen die Grenzen behaupten, die ihnen gesetzt werden. Und dabei noch Kinder, Haushalt und Finanzen wuppen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Der Sommer mit Mamã - Que horas ela volta?" - gallig-turbulente brasilianische Sozial-Komödie von Anna Muylaert

 

und hier einen Bericht über den Film "Paulista" - über Liebesglück und -leid von Großstädtern in São Paulo von Roberto Moreira 

 

und hier einen Beitrag über den Film "Kathedralen der Kultur" -  Episodenfilm mit einem Beitrag von Karim Aïnouz

 

Die Herren der Schöpfung geben dagegen in diesem Melodram eine eher klägliche Figur ab. Sie sind nicht nur emotional unreif, sondern ohne ihre Frauen auch hilflos. In Anbetracht starrer Geschlechterrollen bleiben Begegnungen auf Augenhöhe zwischen Männern und Frauen trotzdem unmöglich. Selbst Sex gerät hier meist zu einer unerquicklichen Angelegenheit, die schnell erledigt werden will.

 

Leuchtende Tropen

 

Diese traurig-schöne Geschichte um ungenutzte Chancen und das Leben, das man so letztendlich verpasst, wird geradezu klassisch dargestellt. Der Film nimmt sich Zeit für die differenzierte Zeichnung seiner hervorragend besetzten Haupt- und Nebenfiguren; die Spannung baut sich langsam auf. Dabei ist Atmosphäre mindestens ebenso wichtig wie das, was passiert. Das Rio de Janeiro der 1950er Jahre fungiert als imaginärer Sehnsuchtsort.

 

Obwohl die Handlung größtenteils in Innenräumen spielt, ist der Schauplatz unverkennbar tropisch. Kamerafrau Hélène Louvart bedient sich warmer Primärfarben: Blau-, Rot- und Grüntöne bringen die Leinwand förmlich zum Leuchten. Präzise setzt sie punktuell Unschärfen, die ihre erzählerische Entsprechung in den blinden Flecken der Protagonisten haben. Dass die Naheliegendes meist übersehen, wirkt auf alltägliche Weise tragisch.

 

Süßer Schmerz des Fado

 

Das exquisit inszenierte Melodram verfehlt seine kathartische Wirkung auf den Zuschauer nicht. Spätestens, wenn im Abspann Amália Rodrigues, die Grande Dame des Fado, vom seltsamen Leben singt, das ein unabhängiges Herz mit sich bringt, zerreißt es den Zuhörer in süßem Schmerz.


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